Zeitung Heute : Wegweiser in die Zukunft

Von Materialforschung bis Gesundheit: Die TU Berlin benennt neue Schwerpunktthemen für Forschung und Lehre.

Jörg Steinbach
Quo vadis TU? Mit sechs verschiedenen Schwerpunktfeldern will die Universität noch stärker Themen angehen, die für die Entwicklung der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen. Foto: TU Presse/Ruta
Quo vadis TU? Mit sechs verschiedenen Schwerpunktfeldern will die Universität noch stärker Themen angehen, die für die Entwicklung...

Die TU Berlin ist seit Jahren eine Leistungsträgerin innerhalb der Berliner Hochschullandschaft. Unter den drei großen Universitäten, an denen zwei Drittel aller Studierenden in Berlin eingeschrieben sind, stehen wir mit mehr als 30 000 Studierenden im Sommersemester an zweiter Stelle. In der Forschung gibt es zahlreiche Erfolge. So können wir seit Jahren unseren vierten Platz in der bundesweiten Rangliste der drittmittelstärksten und damit forschungsintensivsten Universitäten ohne Medizin immer wieder bestätigen. Im weltweiten „QS-Ranking“ unter rund 300 000 Universitäten belegen wir in den Ingenieurwissenschaften sogar Platz 45 und in den Naturwissenschaften Rang 81. Außerdem können wir uns als eine von drei deutschen Hochschulen „EXIST-Gründerhochschule“ nennen und verbinden damit ein Konzept für die Förderung unternehmerischen Handelns sowie des Technik- und Wissenstransfers. Mit den anderen Universitäten in der Hauptstadt haben wir es geschafft, Berlin zum erfolgreichsten Wissenschaftsstandort in Deutschland zu entwickeln.

Dies alles geschieht vor dem Hintergrund, dass sich der Wettbewerb für die Hochschulen ständig verschärft. Finanzielle Restriktionen erschweren unsere Arbeit spürbar. Gleichzeitig müssen wir unserer Verantwortung gegenüber den Abiturienten und Studierenden gerecht werden und die Erfolge in der Forschung für die Zukunft sichern. Erfolge sind jedoch keine Selbstläufer. Eine Universität muss sich auch immer wieder selbstkritisch betrachten und eine Zukunftsperspektive entwickeln. Das tun wir zurzeit. Wir hinterfragen das eigene Selbstverständnis und justieren unsere Positionierung in der Berliner Hochschullandschaft neu.

Bei dieser Profilschärfung geht es maßgeblich darum, zukunftsträchtige und gesellschaftlich wichtige Schwerpunkte in Forschung und Lehre zu erarbeiten. Im Ergebnis wurden sechs Themenfelder identifiziert, denen wir uns fortan noch stärker widmen wollen. Sie spiegeln die in den Fakultäten beheimateten Fachdisziplinen wider und werden gleichzeitig von Querschnittskompetenzen getragen, die zum Beispiel in der Mathematik, den Geistes- oder den Planungswissenschaften liegen. Es würde zu weit führen, alle Themenfelder und ihre Bedeutung detailliert zu erläutern. Einige Beispiele sollen jedoch die Zielrichtung illustrieren.

Ein wichtiges Feld umfasst die Materialforschung, verbunden mit Design und Produktionstechnik. Hier geht es sowohl um die Entwicklung neuer Materialien als auch um den vollständigen Herstellungsprozess von der Idee zum Produkt, von den Ressourcen bis zum Recycling. Dabei konnten wir uns schon erfolgreich positionieren, nicht nur in den Material- und Produktionswissenschaften selbst, sondern auch in Biotechnologie, Medizintechnik und Lebensmitteltechnologie.

„Cyber-Physical Systems“ sind ein weiterer wichtiger Bereich, der Technik und Gesellschaft bereits tief durchdrungen hat. Schon heute sind mehr als 95 Prozent der Mikroprozessoren in Alltagsgegenständen eingebettet, die oft über zahlreiche Sensoren und Aktoren verfügen. So entstehen technische Systeme, die künftig in bisher kaum vorstellbarer Weise zu Sicherheit, Komfort und Gesundheit beitragen.

Energiesysteme und nachhaltiges Rohstoffmanagement sind ein weiteres Kernthema. Energiewende, Klimawandel, Wasserknappheit und begrenzte Ressourcen bilden den Hintergrund unserer Aktivitäten. In engem Zusammenhang dazu steht das Schwerpunktfeld „Infrastruktur und Mobilität“. Dazu zählen nicht nur Siedlungsentwicklung und Verkehrsinfrastruktur, sondern auch technologische Innovationen wie Elektromobilität oder umfassende Vernetzungssysteme.

Ein anderes Forschungsfeld befasst sich mit Wissens- und Kommunikationssystemen. Die Probleme moderner Gesellschaften lassen sich nicht mehr allein aus den Erkenntnissen einzelner Fachdisziplinen heraus bewältigen. Es geht vielmehr um die Wechselwirkungen unterschiedlicher Systeme. Der Bogen reicht dabei von der Forschung zu Mensch-Maschine-Systemen über kulturelle Reflexionen, Ethik und geschlechterkritische Perspektiven der Wissens- und Kommunikationssysteme.

Nicht zuletzt sehen wir Gesundheit als eines unserer Kernthemen. Auch wenn die TU Berlin nicht über eine Universitätsmedizin verfügt, können wir unser Wissen in Kooperationen mit Medizinern einbringen, die zu neuen Methoden der Diagnostik und Therapie, aber auch zu einem effizienten und modernen Gesundheitswesen beitragen können.

Aus den Schwerpunkten leiten sich die künftigen Studienangebote ab. In dem Maße, wie die Forschung zu neuen Erkenntnissen gelangt, können wir sie an den Nachwuchs vermitteln. Universitäten stellen diese Verbindung durch ihre hohe Forschungskompetenz weit umfassender und direkter her als die eher berufsorientierten Fachhochschulen. Die TU Berlin leistet so einen wichtigen Beitrag bei der Qualifikation des Fachkräftenachwuchses – regional und überregional. Neben der Profilschärfung führen eine Vielzahl von weiteren strategischen Projekten zu einer modernen „TU 2020“.

Der Autor ist Präsident der TU Berlin.

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