Zeitung Heute : Wegwerf-Talente

Alt-Stars dominieren die Hitlisten – die Jungen verschwinden schnell wieder

Kai Müller

Als Marius Müller-Westernhagen zuletzt nach einer mehrjährigen Pause wieder ein Album veröffentlichte („In den Wahnsinn"), setzte es sich sofort an die Spitze der deutschen Hitparade. Während das Werk reißenden Absatz fand, lamentierte der Multimillionär über seinen Starruhm und was er mit einem wie ihm anstelle. Einem, den 1979 die Sehnsucht populär gemacht hatte, so schnell wie möglich wieder „zurück auf die Straße" zu kommen, um zu singen „nicht schön, sondern geil und laut." Der Proll-Charme von einst, 24 Jahre ist es her, scheint unter Westernhagens gepflegten Samt-Anzügen längst verschwunden zu sein. Doch in dem Kanzlerfreund brodelt es dennoch: „Es fällt mir schwer, mich in einem Business zurechtzufinden, in dem die Verpackung oft mehr zählt als der Inhalt", vertraute er dem „Spiegel" an.

Das geht in letzter Zeit vielen so. Während Westernhagen deshalb aktuelle musikalische Trends beherzt ignoriert und mit einer Musik weitermacht, die so tut, als hätte es die letzten zwei Jahrzehnte nie gegeben, sehnen sich immer mehr CD-Käufer nach klaren Orientierungen. Und so ist es kein Zufall, dass hinter Westernhagen auf den Chart–Rängen Die Ärzte folgen sowie Herbert Grönemeyer, U2, Santana, Nena, The Rolling Stones und Nirvana – man könnte meinen, eine Hitliste aus den 80er Jahren zu sehen. Unter den ersten zehn Interpreten finden sich lediglich zwei, die ihre Karriere erst vor weniger als zehn Jahren begonnen haben.

Diesem Retrotrend entspricht das wiederkehrende Interesse am Punkrock. Seien es Kunstaustellungen („Zurück zum Beton") oder Bücher, in denen die Akteure von einst ihre Erinnerungen festhalten („Verschwende deine Jugend"), immer geht es um eine authentische Erfahrungswelt, also um etwas, das die Jugend von heute schmerzlich vermisst. So sind von begeisterten Pop-Journalisten zuletzt die so genannten „The"-Bands (The Strokes, The Vines, The White Stripes) für ihren harten, ruppigen und aufrichtigen Rock-Sound bejubelt worden. Im Grunde aber ist er bloß eine exakte Kopie jener Rocktradition, die mit Namen wie Jimi Hendrix, Led Zeppelin und The Stooges verknüpft ist.

Woran wird man sich erinnern, wenn dereinst das angebrochene Millenium in den Blick gerät? Eigene genuine Musikformen hat es bislang nicht hervorgebracht. Dass die Industrie sich außer Stande sieht, junge Stars und Interpreten vom Format eines Michael Jackson, eines Prince oder einer Madonna hervorzubringen, die nicht gleich wieder im Strudel der Wochenmode versinken, dürfte die Branchenkrise mit verursacht haben. Es fehlen die Helden, die großen, widerspenstigen Reizfiguren, die Zeitströmungen aufnehmen und Rollen auszufüllen vermögen, für die es noch kein Muster gibt. Curt Cobain, der Sänger und Kopf von Nirvana war vielleicht der letzte Popstar dieser Art.

Doch der Fehler liegt nicht nur bei der Plattenindustrie. Zumindest die fünf Marktführer (Sony, BMG, Warner, Universal und EMI), die in der Lage wären, Künstler an die Weltspitze zu führen, machen aus der Not eine Tugend. Die Umstände, unter denen sich eine Identifikationsfigur wie Cobain entwickeln konnte, sind vermutlich nicht mehr gegeben. Die neuen Technologien erlauben es jungen Nachwuchskünstlern, auf das Know-how der großen Musikkonzerne zu verzichten und deren Vertriebswege zu unterlaufen. So kommt es auch immer seltener zur Entstehung einer eigenwilligen, lokalen Subkultur, aus der die besten Bands als Trendsetter und politische Pfad-Finder hervorgehen. Aber es bedarf dieser Bindung an ein soziales Netz. Sonst hat Musik nur hohle Töne.

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