Wehrdienst : Warum freiwillig zum Bund?

Der eine träumt von Abenteuern. Der andere schwärmt für Militärwagen. Der Dritte will seinem Land etwas geben. Spurensuche bei freiwillig Wehrdienstleistenden der Bundeswehr

Aussicht auf mehr: Alexander Belov hat sich für eine Offizierslaufbahn entschieden, also auf jeden Fall für 13 Jahre Bundeswehr.
Aussicht auf mehr: Alexander Belov hat sich für eine Offizierslaufbahn entschieden, also auf jeden Fall für 13 Jahre Bundeswehr.Arne Bensiek

Ein langer, schriller Pfiff sticht um 2.30 Uhr in den Schlaf der Freiwilligen. „Alarm, dritter Zug raus aus den Betten“, schreit der Ausbilder, ein stämmiger Kerl mit schütterem Haar. Er schreitet lächelnd durch den Stubenflur. „Antreten!“ Türen öffnen sich. Blasse Gesichter schauen heraus, Augen blinzeln in das grelle Licht. Soldaten und Soldatinnen eilen durcheinander, manche schon halb in Uniform, andere in Unterwäsche auf dem Weg zum Waschraum.

Um 2.34 Uhr stehen 36 freiwillig Wehrdienstleistende in zwei Reihen hintereinander im Flur. Hastig bückt sich ganz vorne noch ein Blonder mit geschorenem Haar und überprüft, ob die Zehenspitzen seiner Kameraden auf dem Linoleum eine gerade Linie bilden. Flüsternd befiehlt er Korrekturen.

„Belov?“ – „Hier.“ – „Knopp?“ – „Ist krank.“ – „Stannek?“ – „Hier.“ Der Ausbilder geht die Reihe ab, hakt Namen auf seinem Klemmbrett ab. „Im Bereich von Beelitz sind Aufständische gesichtet worden“, erklärt er. „Wir werden in einer Stunde in kompletter Ausrüstung ausrücken.“ Da sackt der Blonde zusammen. Kurz bevor er aufschlägt, bekommt ein Kamerad noch den Kopf zu fassen. Der Ausbilder stürzt heran, alle drängen sich um den Bewusstlosen. Beine hoch, leichte Schläge auf die Wangen. Nichts. Keine Reaktion. Eine Minute lang.

Da reißt der Soldat die Augen auf, seine Muskeln krampfen, Panik schießt in den Blick, die Arme wollen sich losmachen. „Ganz langsam, Sie haben das Bewusstsein verloren, es ist alles in Ordnung“, beruhigt der Ausbilder. „Wir bringen Sie zur Sicherheit ins Krankenhaus, Sie waren mir ein bisschen zu lange weg.“ Für den jungen, unterzuckerten Rekruten ist die Abschlussübung der Bundeswehr-Grundausbildung um 2.37 Uhr beendet – vorzeitig – und damit womöglich nicht bestanden. Das Bewusstsein hat er zurückgewonnen, seinen Stolz verloren – und drei Monate. Der Blonde schaut entsetzt. Wer freiwillig Wehrdienst leistet, dem liegt offenbar viel am Bestehen.

42 Männer und Frauen haben zu Jahresbeginn ihren Wehrdienst in der Hans-Joachim-von-Zieten-Kaserne im brandenburgischen Spargelörtchen Beelitz angetreten. Aus freien Stücken haben sie sich zur Soldatenausbildung gemeldet, denn zwangsweise wird in Deutschland seit der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 niemand mehr eingezogen. Derzeit leisten 8700 Freiwillige Dienst. Das sind zwar viel mehr als die Bundeswehr zunächst erwartet hat, allerdings mit abnehmender Tendenz. Laut Verteidigungsministerium traten im laufenden Quartal nur 615 Freiwillige ihren Wehrdienst an – das sind 60 Prozent weniger als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. Und so wenige wie nie zuvor.

Wen zieht es also heute noch zur Bundeswehr? Was macht die Armee für sie attraktiv, den Dienst an der Waffe und die mitunter auch lebensgefährlichen Auslandseinsätze? Wir haben drei Freiwillige ein halbes Jahr lang begleitet.

Der Busfahrer Bernd Knopp sagt an einem seiner ersten Tage: „Ich möchte Deutschland etwas zurückgeben.“ Eine Zeit lang habe er von Hartz IV gelebt, jetzt könne er sich revanchieren. „Ich werde eines Tages Panzer reparieren“, sagt der Abiturient Alexander Belov. Sein Vater habe ihm die Faszination für Militärfahrzeuge vererbt. Und dann ist da noch Tom Stannek, der offen gesteht: „Ich möchte bei der Bundeswehr ein Abenteuer erleben, bis ich einen Ausbildungsplatz zum Industriekaufmann sicher habe.“

Es ist Januar, als die drei Rekruten erstmals in Uniform und mit Stahlhelm auf einer Lichtung im Wald stehen und den Umgang mit dem G36 lernen, dem Standardgewehr der Bundeswehr. Auseinandernehmen, zusammensetzen, halten, zielen. „Das muss in Fleisch und Blut übergehen“, ruft der Ausbilder. „Für mich geht hier ein Traum in Erfüllung“, sagt Bernd Knopp. Der drahtige Mann, keine 1,70 Meter groß, freundliche braune Augen, ist mit seinen 42 Jahren mit Abstand der Älteste in Beelitz. „Ich will es denen und mir beweisen, dass ich es draufhabe.“

Als junger Mann sei er wegen verschiedener Krankheiten von der Bundeswehr immer wieder zurückgestellt worden, bis er mit 32 Jahren die Altersgrenze überschritten hatte, sagt er. Als die Grenze im Zuge der Bundeswehrreform angehoben wurde, meldete sich Bernd Knopp sofort beim Kreiswehrersatzamt. Seinen ohnehin nur befristeten Vertrag als BVG-Busfahrer in Berlin kündigte er. „Ich möchte die Kameradschaft und den Zusammenhalt erleben“, sagt Knopp. „Und später vielleicht Lkw-Fahrer oder Fahrlehrer bei der Bundeswehr werden.“ Die Bundeswehr zahlt keine üppigen Gehälter, aber sie erfüllt in Zeiten prekärer Beschäftigungsverhältnisse für Menschen wie Bernd Knopp die Sehnsucht nach einem sicheren Arbeitsplatz – so sicher dieser bei einer Armee sein kann.

Tom Stannek verspricht sich von seinem Wehrdienst das Gefühl des Zusammenhalts und Abenteuer.
Tom Stannek verspricht sich von seinem Wehrdienst das Gefühl des Zusammenhalts und Abenteuer.Arne Bensiek

Es ist ein trockener, milder Wintertag. Auf der nackten Erde vor Knopp, Belov, Stannek und den anderen Neulingen liegen Matten. Die Wehrdienstleistenden sollen sich möglichst schnell hinter ihren Gewehren verschanzen und in den Wald zielen, so der Befehl. Auf Kommando fallen die Soldaten zu Boden. „Nicht so“, schreit der Ausbilder genervt. Wer denkt, der Ton sei ein anderer, weil die Untergebenen nun freiwillig da sind, der irrt. „Wenn Sie das in Afghanistan so plump machen und auf einem Stein landen, dann sind Ihre Knie kaputt, und Sie sind gleich wieder auf dem Weg nach Hause.“ Mit pikierten Mienen rappeln sich einige der Rekruten wieder auf.

„In der Schule hat mich der Sportlehrer lauter angeschrien“, sagt Alexander Belov unbeeindruckt. Der schmächtige 19-Jährige, der aus einem Nachbardorf kommt, hat noch viel vor. Demnächst wolle er einen Antrag auf die Offizierslaufbahn stellen, sagt er. Seine Faszination für die Bundeswehr habe der olivgrüne Militäroldtimer des Vaters geweckt, ein russischer UAZ. „Wir sind damit viel durch die Gegend gefahren und haben uns mit Gleichgesinnten getroffen.“ Nur eines habe ihm der Vater versagt: selbst am Fahrzeug herumzuschrauben. Genau das wolle er bei der Bundeswehr nun tun.

Nur hundert Meter entfernt, im Rücken der Rekruten, steht aus Drahtzäunen und Betonblöcken der Nachbau eines Checkpoints, wie es sie in Afghanistan zu Hunderten gibt. Die 380 Berufssoldaten des Beelitzer Logistikbataillons, die sich zu diesem Zeitpunkt am Hindukusch befinden, wurden dort auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet.

Afghanistan ist in diesem Moment weit weg und der Boden unter Tom Stannek sehr weich. Der 20-Jährige, ein ruhiger Typ mit roten Wangen, hat sich hinter das Maschinengewehr MG3 gelegt und übt das Zielen – allerdings noch ohne Munition. „Grundsätzlich würde ich nach Afghanistan gehen“, sagt Stannek. „Aber das ist für uns Wehrdienstleistende ja eher unwahrscheinlich.“ Wenn auch nicht unmöglich: Wer sich zu mehr als elf Monaten Wehrdienst meldet, erklärt sich formal auch zu Auslandseinsätzen bereit. Anfang Juni waren laut Bundesverteidigungsministerium immerhin 55 Wehrdienstleistende in einer „besonderen Auslandsverwendung“. Tom Stannek hat sich für zwölf Monate entschieden und ist damit ein gewisses Risiko eingegangen.

Eigentlich wollte er nach seinem Abitur eine Ausbildung zum Industriekaufmann beginnen. Doch Stanneks Notendurchschnitt von 2,6 reichte dafür nicht aus. „Um die Zeit zu überbrücken, habe ich mich gemeldet.“ Vorgeschwebt habe ihm eine aufregende Zeit bei den Fallschirm- oder Gebirgsjägern, die Musterung ergab jedoch Einschränkungen in der Höhentauglichkeit. „Ich war sehr enttäuscht und hätte alles hinwerfen können, aber ich will das jetzt durchziehen“, erklärt er.

Nicht alle treten mit diesem Anspruch an – oder halten ihm stand. Von den Freiwilligen steigt fast ein Drittel während der sechsmonatigen Probezeit wieder aus. Oberleutnant René Schulz, der Chef der Ausbildungskompanie in Beelitz, hat in seinem kleinen Kasernenbüro schon viele letzte Gespräche mit Rekruten geführt. Sechs waren es in diesem ersten Quartal. „Es gibt junge Menschen, die mit falschen Vorstellungen hierherkommen und daran verzweifeln, dass sie plötzlich nicht mehr allein entscheiden können, wann sie wohin gehen und wann sie eine rauchen“, sagt er.

Schulz ist ein großer, schlanker Mann mit einer randlosen Brille, ein Kümmerer, nicht der Typ, der draufhaut auf Schwache. Aber er sagt, die Bundeswehr könne nicht auf jede Befindlichkeit Rücksicht nehmen. „Es wäre eine Katastrophe, wenn ein Soldat im Auslandseinsatz erstmals Schlafentzug erlebt oder auf engem Raum mit seinen Kameraden auskommen müsste.“ Ein wichtiger Prüfstein für die Soldaten von morgen sei daher die Abschlussübung der Grundausbildung.

Es ist Ende März. Der zusammengebrochene Rekrut ist auf dem Weg ins Krankenhaus. „In 20 Minuten beginnt die Ausgabe von Waffen und Munition“, schreit der Ausbilder. „Legen Sie Tarnschminke an. Abtreten.“ Keine zwei Stunden haben die Wehrdienstleistenden geschlafen. Erst um Mitternacht war der Ausbildungszug von einem mehrstündigen Orientierungsmarsch mit Kompass und 30 Kilogramm Gepäck durch den tiefen Schnee zurückgekehrt – dem ersten Teil der Abschlussübung. Morgen früh gehe es weiter, hieß es ganz unehrlich, bevor auf den Stuben um ein Uhr das Licht ausging.

Alexander Belov hat sich in die Schlange vor der Waffenkammer eingereiht. Dort bekommt jeder sein Gewehr und zwei Packungen Platzpatronen. „Alles nur, weil die anderen Idioten beim Orientierungsmarsch so lange gebraucht haben“, zischt er. Seine Euphorie ist irgendwo in der Nacht verloren gegangen.

Es ist vier Uhr nachts, fünf Grad unter null, als die Rekruten das Waldstück erreichen, in dem sie die Aufständischen stellen sollen. Tom Stannek lässt seinen Rucksack in den Schnee fallen, greift nach seinem Klappspaten und beginnt zu graben. Zum Glück ist der Boden nur ein paar Zentimeter tief gefroren. Ein Kamerad kommt ihm zu Hilfe, am Ende stehen sie in einem Loch, in dem sie mit ihren Gefechtsanzügen zur Hälfte verschwinden. Die Läufe ihrer Gewehre zeigen ins dunkle Grau. Die Stellung ist fertig, doch der Feind lässt sich nicht blicken. Alarmposten errichten, Stellung sichern, Biwak bauen, Brennholz holen, Feuer machen und nacheinander selbst verpflegen, so hat es der Ausbilder im Flüsterton befohlen. Was nach Abenteuer klingt, fühlt sich nach zwei weiteren Stunden Warten nur noch unsinnig an. „Das ist doch nicht mehr zeitgemäß“, sagt Tom Stannek. „Ich habe noch nie davon gehört, dass sich ein Soldat in Afghanistan eingegraben hat.“ Kompaniechef Schulz beobachtet die Abschlussübung aus einigem Abstand. „Die Wehrdienstleistenden lernen in drei Monaten sehr viel und können unmöglich alles behalten“, sagt er. Jetzt gehe es darum, das Wichtigste umzusetzen und unter der körperlichen und mentalen Belastung durchzuhalten.

Bernd Knopp ist seinem Traumberuf als Fahrer näher gekommen. Er arbeitet nun in der Transportkompanie.
Bernd Knopp ist seinem Traumberuf als Fahrer näher gekommen. Er arbeitet nun in der Transportkompanie.Arne Bensiek

Bernd Knopp ist wegen einer Mittelohrentzündung nicht mit ausgerückt. „Da werde ich ihm aber keinen Strick draus drehen“, sagt Schulz. Knopp habe in der Grundausbildung zu den Besten gehört, deshalb müsse er die Abschlussübung nicht wiederholen. Für zehn der 42 Rekruten in Schulz’ drittem Ausbildungszug ist es bereits der zweite Anlauf.

Drei Monate später, keiner der drei Rekruten ist vorzeitig ausgestiegen. Bernd Knopp ist nach der Grundausbildung wie gewünscht in die Transportkompanie versetzt worden und seinem Traumberuf nähergekommen. Zumindest etwas. „Ich bin derzeit nur Beifahrer“, erzählt er. Da Knopps ziviler Führerschein noch nicht in einen militärischen umgeschrieben wurde, muss er sich gedulden. Vor September werde es mit dem Lehrgang nichts, habe man ihm mitgeteilt. Zeit ist bei der Bundeswehr immer auch die Entdeckung der Langsamkeit. Seine Enttäuschung kann Knopp nicht ganz verbergen. Immerhin: „Unser Ausbildungszug ist richtig zusammengewachsen, ich habe einige Freunde gefunden.“

Im Ersatzteillager der Instandsetzungskompanie, zwischen Waschpaste, Muttern und Besenstielen, hat Alexander Belov seinen Platz gefunden. Geträumt hatte Belov davon, Panzer zu reparieren, doch die stehen in einer Halle zwei Türen weiter. Jetzt erfasst er erst mal den Eingang von Handcremes, Spraydosen und Keilriemen. „Manche Ersatzteile brauchen drei bis vier Monate, bis sie bei uns sind“, sagt er. In der Zwischenzeit habe er seinen Antrag auf die Offizierslaufbahn gestellt, mit Erfolg. Da der Beginn jedoch mit einem bereits gebuchten Urlaub kollidierte, habe er sich entschieden, noch ein Jahr zu warten und weiter Wehrdienst zu leisten. „Bei 13 Jahren Offizierslaufbahn macht das keinen großen Unterschied.“

Langeweile fürchtet Tom Stannek, als er im April nach dem Grundwehrdienst zum Kommando für territoriale Aufgaben in die Julius-Leber-Kaserne nach Berlin verlegt wird. Doch dann kommt das Juni-Hochwasser. Im Lagezentrum, wo ein Krisenstab den Einsatz der Soldaten in Deutschland plant, eilt Stannek zwischen hochrangigen Militärs, Wandkarten und Lageteams hin und her und aktualisiert Zahlen. „In meinen ersten Wochen konnte ich fast nichts machen und musste vor allem zuschauen“, sagt er. Da habe er sich nicht wohlgefühlt.

Nun arbeite er zumindest eine Zeit lang sieben Tage die Woche, in Zwölf-Stunden-Schichten, mal tagsüber, mal nachts – und fühle sich gebraucht. Seine Freundin sei am Anfang von der Idee mit dem Wehrdienst nicht begeistert gewesen. „Jetzt sagt sie, ich sei ordentlicher geworden und offener“, sagt Stannek und grinst stolz. Elf Kilo hat er in Beelitz zugenommen. Durch die viele Zeit an der frischen Luft habe er immer großen Hunger gehabt, die Bewegung habe aber nicht ausgereicht, um all die Kalorien zu verbrennen.

Neulich habe er ein Vorstellungsgespräch gehabt für einen Ausbildungsplatz zum Industriekaufmann. Der Gedanke, dass er vor der Ausbildung noch einem Auslandseinsatz zustimmen könnte, gefiel seinem neuen Chef nicht. Also versprach Stannek: „Das kommt für mich nicht mehr infrage.“ Kurze Zeit später habe er eine Zusage erhalten. Bis Ende Dezember, wenn sein Wehrdienst endet, verzichtet Stannek nun freiwillig auf Abenteuer.

Erschienen auf der Dritten Seite.

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