Zeitung Heute : Weiber wirtschaften anders

In Europas größtem Gründerinnenzentrum arbeiten 65 Firmen

Katrin Zeug

Vom Büro der Vorstandsvorsitzenden aus hat man einen weiten Blick über Berlin. Dort, im sechsten Stock, erscheint die Stadt irgendwie harmloser als unten im Gewusel der Straßen. Katja von der Bey trägt ein dunkles Samtsakko zur Stoffhose und offenes Haar. Sie drückt die Hand fest zur Begrüßung und strahlt.

Früher produzierte im Gebäudekomplex in Prenzlauer Berg das VEB Kosmetik-Kombinat Lippenstifte, Shampoo und Make-Up. Heute hat hier die Weiberwirtschaft ihren Sitz, Europas größtes Gründerinnenzentrum: Eine Genossenschaft, die seit 20 Jahren Frauen unterstützt, Gewerbe zu eröffnen – mit billigen Räumen, Netzwerken und Beratung. Auf dem Gelände in der Anklamer Straße gibt es Cafés, einen Friseur und einen Kindergarten, auch eine Goldschmiede, einen Pharmabetrieb, eine Glaserei und einen Druckpressenvertrieb – alles von Frauen geführte Unternehmen.

„Frauen gründen anders“ sagt von der Bey, promovierte Kunsthistorikerin, Fundraising-Managerin und Geschäftsleiterin der Weiberwirtschaft. Was die Stadt Berlin allgemein als Wirtschaftsförderung oder als Unterstützung von Existenzgründung sieht, nennt die 46-Jährige „Männerförderung“: vergeben von Männern in Behörden und Banken an Branchen, in denen Männer tätig sind. Frauen würden in anderen Branchen gründen, weil ihre Interessen andere sind: eher im kreativen Bereich, mit kleineren Gewerben und vorsichtiger Anfangsphase, öfter in Teilzeit und in der Nähe von Wohnung und Familie.

Für solche Konzepte sind ausgelagerte Industriegebiete und große Produktionsstätten ungeeignet und es ist schwieriger, Vergabestellen von Gründungszuschüssen zu überzeugen. Die Weiberwirtschaft entstand in den achtziger Jahren als politisches Projekt. Die ersten zwei Stellen wurden vom Senat, Abteilung Frauen, finanziert. Der Name sei ein Relikt aus dem Geist dieser Zeit – und mittlerweile eine Marke, sagt von der Bey.

Viele Diskussionen waren nötig, bis sich die Gruppe von Frauen durchringen konnte, aktiv am Kapitalismus teilzunehmen. „ Es war ein Kraftakt zu sagen, dass wir uns als Frauenprojekt in die Situation begeben, unseren Anteil an der Wirtschaftsförderung einzufordern“, sagt von der Bey. 1999 suchten sie ein geeignetes Gewerbegebiet und gründeten sich als Unternehmen. Erst dann schaltete sich die Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie ein und löste die Frauenförderung ab – mit entsprechend höheren Beträgen. Die Probleme, die sie bei den Verhandlungen für das Grundstück hatten, nennt von der Bey diplomatisch „kulturelle Lücke“ – gewisse Unterschiede zwischen den Treuhandmanagern und den Frauen der basisorganisierten Genossenschaft. Das fing mit dem Kapital an: 20 Millionen Mark wollte die Treuhand, die Genossinnen hatten 25 000. Dass sie als Frauen nicht ernst genommen wurden, gehörte auch dazu, von der Bey ist es aber leid, davon zu sprechen. Das sei so erwartbar, so häufig passiert, dass sie das nicht noch mal erwähnen wolle. Lieber will sie sagen, dass sie zwischendurch immer wieder Männer fanden, die das Projekt unterstützten.

„Die ökonomischen Argumente waren überzeugend. Wir haben gesagt, die Wirtschaft könne sich nicht leisten, auf Arbeitsplätze zu verzichten, die Frauen schaffen. Das haben die Männer verstanden.“ Ohne sie hätte die Weiberwirtschaft keine Chance gehabt, sagt von der Bey, weil es keine Frau in einer Bank gab, die über einen Kredit von zehn Millionen Mark entscheiden konnte.

Mittlerweile stecken Investitionen von 18,6 Millionen Euro in dem Unternehmen. Auf 7000 Quadratmeter Fläche sind rund 65 Firmen angesiedelt, mit 160 Arbeitsplätzen. Um einen Raum für ihre Gewerbeidee zu bekommen, müssen Frauen sich bewerben, mit Businessplan und Finanzierungsideen. Und sie müssen sich von den Vorstandsfrauen der Genossenschaft in die Zahlen schauen lassen, am Anfang zumindest – um im Notfall beraten zu werden.

In letzter Zeit kämen immer häufiger Interessenten, um sich über die Strukturen und Arbeitsmethoden zu informieren, sagt Katja von der Bey und freut sich sichtlich darüber. „Unsere Ideen sind vor 20 Jahren noch als verrückt, bestenfalls exotisch belächelt worden.“ Was früher nur typisch für Frauen war, ist mittlerweile auch für viele Männer Realität geworden: unsichere und prekäre Arbeitsbedingungen gibt es inzwischen geschlechterübergreifend, das macht Netzwerke und Strukturen für kleine Unternehmen und Freiberufler immer wichtiger.

Von der Bey hat Verständnis für das rege Interesse an ihrem Konzept, aber mit Grenzen: Männer, die nach Räumen anfragen, werden abgelehnt. Sie dürfen als Angestellte oder Kunden kommen. Chefs aber bleiben hier die Frauen.

Wir haben gesagt, die Berliner Wirtschaft könne es sich nicht leisten, auf Arbeitsplätze zu verzichten, die Frauen schaffen. Das haben die Männer verstanden.“

Katja von der Bey,

Geschäftsführerin

Weiberwirtschaft

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