Zeitung Heute : Weiblich Wein verkosten

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Können Frauen denken? Die Frage hat die Künstlerin Anna Blume vor Jahren, ach, Jahrzehnten auf einer witzigen Postkarte formuliert. Inzwischen hat sie sich erledigt, jetzt stellt sich die Frage neu: Können Frauen trinken? In guten Restaurants könnte man manchmal meinen: nein. Fast automatisch gießt der Kellner dem Herrn am Tisch den ersten Schluck zum Testen ein. Wenn lauter Frauen zusammen sitzen, kommt der arme Ober ins Schleudern. Gern wendet er sich dann an die Dame, die den männlichsten Eindruck macht.

Dabei können Frauen sehr wohl trinken. Sie müssen es können. Denn weil das zarte Geschlecht weniger Alkohol verträgt, muss unsereins mit Verstand trinken. Und der will geschult sein. Von einer Frau zum Beispiel. Merkwürdigerweise gibt es ja in der gehobenen Gastronomie so gut wie keine Köchinnen: In Deutschland leuchten praktisch nur Männer am Sternenhimmel. Dafür gibt es seit einigen Jahren umso mehr Sommeliers, die Auszeichnungen einheimsen. So hat auch der Gault Millau jetzt (zum wiederholten Male) eine Frau zum „Sommelier des Jahres“ ernannt: Susanne Spies vom Dortmunder La Table. Ein „Köchin des Jahres“ gab es noch nie.

Egal, trinken wir: mit Verstand. Und mit Gefühl. Alexandra Dauch hilft dabei. Die engagierte Sommeliere des Kreuzberger Weinladens „Paasburg’s“ bietet seit ein paar Monaten regelmäßig Weinseminare für Frauen an. Ganz entspannt, ohne dass ihnen ein besserwissender Connaisseur über den Mund fährt. An Biertischen sitzen Freundinnen und Einzelgängerinnen aller Altersklassen zusammen, einige davon Stammgäste, die jeden Monat kommen, knabbern ein bisschen Brot, dazu Käse und Salami (sonst vertragen wir doch nichts), plaudern, von Wein und Reisen und Männern natürlich, während die zierliche Französin herumspaziert und mit viel Temperament und Sachverstand zum Kosten anregt.

Einige Frauen möchten gern an die Hand genommen werden und gesagt bekommen, was genau sie schmecken, Pfirsich oder Melone oder Zigarrenkistchen. Oder womöglich nasser Hund: Der steht auch auf der Liste mit gängigen Aromen, die die Sommeliere verteilt. Dass jene Frauen sich die Aromen diktieren lassen wollen, macht die junge Französin ein bisschen fassungslos, will sie sie doch gerade zum Selberschmecken und -denken animieren. Es gibt keine richtige Antwort, lautet ihre Botschaft, jeder schmeckt anders, hat andere Erfahrungen und Erinnerungen. Also: Nur Mut zum eigenen Geschmack! Und Konzentration, das fordert sie.

Alexandra Dauch belehrt nicht, sie schwärmt und erzählt. Zum Beispiel, dass sie auch den Weißwein dekantiert und dass er meist zu kalt serviert wird. So trinken wir uns von Glas zu Glas, trinken Grünen Veltliner von Jurtschitsch, Riesling von St. Antony, der die eine an Apfelmus, die andere an aufgelöste Gummibärchen erinnert, trinken Grenache aus dem Languedoc (eindeutig: Marmelade), Chardonnay von der Nahe und am Schluss wunderbaren Muscat. Aber um den Verstand getrunken haben wir uns nicht. Es gab ja Wasser zum Wein.

Paasburg’s Wein aus Leidenschaft, Fidicinstraße 3, Tel. 61101838; das Seminar kostet 10 Euro.

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