Zeitung Heute : Weibliche Panik-Singles, männliche Frust-Singles

Der Tagesspiegel

Von Dorothee Nolte

Eigentlich sollte Matthias Horx in der „Zukunftswerkstatt“ der Konrad-Adenauer-Stiftung über das Thema „Nur noch Job und wenig Leben?“ sprechen - und manch ein Zuhörer hatte sich wohl eine Invektive gegen den Workaholicism, womöglich gar eine Anleitung zum Glücklichsein versprochen. Doch ach: Das Thema, bereits vor über einem Jahr gewählt, scheint nach dem Zusammenbruch der New Economy nicht mehr so drängend - der Trend hat den Trendforscher überholt.

Statt dessen sprach Horx, studierter Soziologe, ehemaliger Redakteur der Zeitschriften Tempo, Zeit-Magazin und Merian, Mitbegründer des Hamburger „Trendbüros“ sowie seit 1996 Gründer und Chef des „Zukunftsinstituts“, über die drei großen Trends des 21. Jahrunderts - und das tat er virtuos, wie ihm die über 200 Zuhörer immer wieder mit Gelächter und Applaus bestätigten.

Die Frauen kommen voran

„Megatrend“ Nummer Eins ist demnach der Vormarsch der Frauen, die sich im 20. Jahrhundert die Teilhabe an Bildung erkämpft haben - so erfolgreich, dass sie heute die Mehrzahl der Abiturienten und Studienanfänger stellen und bessere Abschlüsse hinlegen. „Diesen Trend, meine Herren, können Sie nur umkehren, wenn wir Frauen wieder aus der Bildung ausschließen!“, sagte Horx. Auch der Drang der Frauen in die Erwerbsarbeit sei „planetar, andauernd und nicht aufzuhalten“, zwischen 1970 und 2010 werde sich überall die Quote der erwerbstätigen Frauen verdoppelt haben. Die europäischen Länder bewegten sich auf das skandinavische Modell zu, das auf Doppelverdienerschaft, geringen Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen sowie Teilzeitmodellen für beide Geschlechter basiere.

Da die Frauen so viel Wert auf Bildung, Erwerbsarbeit, Selbstverwirklichung legen, binden sie sich später und bekommen später und seltener Kinder. In Ländern wie Frankreich und Schweden, die mit umfassender Kinderbetreuung auf die Erwerbsneigung der Frauen reagiert haben, steigen jedoch die Geburtenraten - was laut Horx auch in Deutschland geschehen wird, sobald die Politik die notwendigen Reformen vornimmt.

Der zweite Megatrend - die „Graue Revolution“ - wird dadurch bestenfalls abgemildert: Die Menschen werden immer älter, im Jahr 2100 dürfte die durchschnittliche französische Frau 95 Jahre alt werden. Damit ändert sich auch das Bild des Alters, das zunehmend als ein aktiver Lebensabschnitt begriffen wird, in dem, dank Erbschaften, auch genügend Geld zur Verfügung steht. In die früher typische dreiphasige Biografie - Jugend und Ausbildung, Erwerbs- und Familienleben, Ruhestand - schieben sich zwei neue Phasen ein: Zwischen 20 und 30 experimentiert der Mensch, „post-adoleszent“, mit Partnern, Tätigkeiten und Wohnorten, ab 50 versucht er oder sie einen „zweiten Aufbruch“. Schwierig werden dabei jedoch die Übergänge: Viele schaffen es nicht, von der Post-Adoleszenz auf die bindungsstarke Familienphase umzuschwenken und leben als „weibliche Panik-Singles“ oder „männliche Frust-Singles“. Eine Vielzahl anderer Lebensformen tritt neben die traditionelle Familie, die ihre Dominanz einbüßt.

„New Work“ nennt Horx den dritten Megatrend, der dazu führen wird, dass immer weniger Menschen (2010 nur noch 40 Prozent) langfristig abhängig beschäftigt sein werden. Statt dessen werden viele in kurzfristigen Projekten, als neue Selbstständige, Telearbeiter und Teilzeitbeschäftigte arbeiten, zumeist in wissensbasierten Berufen, während die klassische Industriearbeit ebenso marginal werden wird wie die Landwirtschaft. Die Debatte um die Massenarbeitslosigkeit hält Horx übrigens für „verlogen“: „Das ist nur im Osten des Landes ein echtes Problem. Von den Arbeitslosen im Westen ist die Hälfte auf dem Weg zu einem Job oder trickst herum. Mit den anderen, die nicht vermittelbar sind, müssen wir leben.“

Eine erfreuliche Welt

Die Welt in den Horxschen Diagrammen und Statistiken erscheint sauber und erfreulich - wer könnte etwas dagegen haben, dass Frauen höhere Bildungsabschlüsse erreichen, dass die Menschen älter werden und mehr Geld in der Tasche haben? Alles, was im Leben schmuddelig, elend, ärmlich, hoffnungslos ist, bleibt aus den Megatrends jedoch merkwürdig ausgeblendet. So wusste denn auch der so eloquente und überzeugende Horx keine rechte Antwort auf die Frage einer Zuhörerin, die in Mecklenburg-Vorpommern Arbeitslose betreut: „Die Leute sind um die 50 und haben keine Chance, wieder eine Anstellung zu finden. Soll ich denen weiter von den Vorzügen des lebenslangen Lernens vorschwärmen?“

Ja, sagt Horx später im Gespräch, er sei Optimist. Natürlich könne man, wenn man über gesellschaftlichen Wandel spreche, auch immer die Verluste betonen - „aber das wird eh genug getan. Ich betone lieber die Potentiale.“ Der Trend an sich ist ein Freund des Trendforschers - der ja schließlich sein Geld damit verdient, Unternehmen bei der Entwicklung neuer Produkte und Strategien zu beraten. „Der Prozess der Individualisierung ist nicht aufzuhalten - und er hat einen Sinn. Ich glaube daran, dass Gesellschaften damit fertig werden.“ Vielleicht liegt darin die Horxsche Anleitung zum Glücklichsein.

Die Veranstaltung mit Matthias Horx wird im Fernsehen des Offenen Kanals am 27. März und am 24. April jeweils ab 21 Uhr gesendet. Informationen unter www.zukunftsinstitut.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar