Zeitung Heute : Weichenstellung

Die EU-Finanzminister haben sich geeinigt – Verlierer könnte Europas Währung sein

Bernd Hops

Der EU-Stabilitätspakt wird gelockert. Was wären die Folgen, wenn in der Konsequenz der Euro schwächer würde?

Es ist noch keine vier Jahre her, da wurde der Euro als Weichei verspottet. Gerade einmal etwas mehr als 80 US-Cent war er wert. Seitdem hat die Gemeinschaftswährung gut 60 Prozent an Wert gewonnen und steht bei 1,32 Dollar. Doch angesichts der Aufweichung des europäischen Stabilitätspakts gibt es genug Experten, die davor warnen, dass wir schon bald wieder da sein könnten, wo wir vor vier Jahren waren – mit einem Weichei in der Geldbörse.

Unerfreulich wäre das zum Beispiel für Autofahrer und Menschen mit Ölheizung. Ein Barrel Nordseeöl (159 Liter) kostet zurzeit etwa 56 Dollar. In Euro sieht der Preis nicht mehr ganz so schlimm aus – nämlich 42,4 Euro. Das gilt allerdings nur beim aktuellen Kurs. Wäre der Euro aber heute genauso wenig wert wie im Sommer 2001, dann müssten fast 70 Euro bezahlt werden. An der Zapfsäule würde sich das wegen des hohen Steueranteils nicht proportional niederschlagen, aber immer noch bedeuten: fast 20 Cent mehr je Liter Benzin und damit historische Höchstpreise.

Das, was für Rohöl gilt, gilt genauso für andere Rohstoffe, die häufig in Dollar gehandelt werden, oder auch für Importe aus Nicht-EU-Staaten, die in der US-Währung beglichen werden: Sie wären heute alle wesentlich teurer. Und das würde bedeuten, dass der Inflationsdruck in Europa zunähme. Eine schnellere Geldentwertung aber würde die Europäische Zentralbank (EZB) unter Zugzwang setzen. Sie strebt eine Teuerungsrate von zwei Prozent im Euroraum an. Liegt die Rate darüber – und droht, auch länger darüber zu liegen –, dann muss die EZB eingreifen und das einzige wirksame Mittel, das ihr zur Inflationsbekämpfung zur Verfügung steht, nutzen: die Erhöhung der Leitzinsen. Im vergangenen Jahr konnte sie trotz steigender Ölpreise und beschleunigter Inflation nur ruhig bleiben und die Zinsen niedrig lassen, weil der starke Euro den Preisanstieg dämpfte und außerdem damit zu rechnen war, dass die teurere Energie sich nur für begrenzte Zeit auf die Teuerungsrate auswirken würde.

Höhere Zinsen wiederum wären fatal für die Wirtschaft in der aktuellen Lage. Die meisten Unternehmen halten sich ohnehin mit Investitionen zurück. Werden Kredite verteuert, erlahmt in der Regel auch die Konjunktur. Bei einer überhitzten Wirtschaft kann das sogar erwünscht sein – angesichts von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen und einem kaum spürbaren Wachstum aber nicht.

Daneben ist eine starke Währung auch gut fürs Ego, wie die Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt haben. Die harte D-Mark war Symbol für den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands nach 1945. Parallel zur wachsenden Leistungskraft der Industrie gewann die Mark gegenüber dem großen Rivalen Dollar an Wert. Der Blick auf den Kurszettel brachte immer die Bestätigung dafür, dass es – jedenfalls im Vergleich mit anderen – gut lief.

Einen Vorteil hat eine weiche Währung allerdings: Der Export von Waren etwa aus Deutschland in die USA oder andere Länder außerhalb des Euroraums würde erleichtert. Für den gleichen Dollar-Preis würden die Unternehmen in Euro mehr bekommen – und ihre Waren entsprechend günstiger anbieten können. Allerdings hielte sich der positive Effekt in Grenzen – auch wenn angesichts der aktuell schwachen Konjunktur jeder zusätzliche Impuls herbeigesehnt wird. Denn die deutschen Firmen exportieren vor allem höherwertige Waren, bei denen es vor allem auf die Qualität, weniger auf den Preis ankommt. Und der Großteil des Exports geht in den Euroraum. Hier würde sich ein schwächerer Euro nur indirekt auswirken, indem vielleicht US-Exporteure ausgestochen werden könnten. Zudem ist eine schwache Währung nur eine zeitlich begrenzte Exporthilfe. Irgendwann ist der Effekt verpufft und die ausländische Konkurrenz hat durch Effizienzsteigerungen die Nachteile aufgeholt. Wenn die inländischen Unternehmnen für diesen Augenblick nicht vorgesorgt, sondern sich auf ihren währungsbedingten Preisvorsprung verlassen haben, dann kann der Vorteil sich schnell ins Gegenteil verkehren.

Es gibt also nicht die Wahl zwischen einer weichen Währung und Wachstum auf der einen und einer starken Währung und einer lahmenden Konjunktur auf der anderen Seite. Der Euro wird kaum noch lange Jahre so hart bleiben wie heute, wenn der Euroraum nicht wirtschaftlich prosperiert. Auch wenn sich kaum noch jemand daran erinnern will: Mit den wachsenden wirtschaftlichen Problemen wurde auch die D-Mark in der zweiten Hälfte der 90er Jahre weicher.

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