Weihnachten : Nach Erzählungen

Herrscher werden gekrönt oder gestürzt, Frieden geschlossen und Landstriche geflutet. Aber ganz am Anfang stand eine Krippe in einem Stall. Was war Weihnachten?

Tsunami
Der Tsunami im Jahr 2004 zog eine einmal Hilfsaktion nach sich. -Foto: dpa

Geschichten und Berichte aus der Weihnachtszeit gibt es viele. Über die Jahrhunderte ereignete sich am 24., 25. oder 26. Dezember immer wieder Unvergessliches, wie der Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg oder die Tsunami-Katastrophe in Südostasien vor vier Jahren. Doch eine Erzählung ist der Grund dafür, dass diese Tage für uns eine ganz besondere Zeit im Jahr bedeuten – und dass wir heute im Jahr 2008 leben und nicht im Jahr 3349 oder 1217. Unsere Zeitrechnung beginnt mit der – auf dieses Datum festgelegten – Geburt Jesu Christi, die der Evangelist Lukas in der wohl schönsten Weihnachtsgeschichte (Lk 2,1–20) wie folgt beschrieben hat:

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.

So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.

In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe / und auf Erden ist Friede / bei den Menschen seiner Gnade.

Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten.“

800 n. Chr.

Karl der Große wird am 25. Dezember zum römischen Kaiser gekrönt. Mit großem Gefolge ist der Frankenkönig nach Rom geritten. Für die Zeremonie trägt er erstmals ein Purpurgewand. In der Petersbasilika setzt Papst Leo III. dem Franken die Krone auf und salbt ihn zum Kaiser. Von Karl dem Großen erhofft sich Papst Leo Sicherheit, nachdem er ein Attentat im Jahr zuvor nur knapp überlebt hat. Mit der Krönung wird die politische Ordnung Europas der folgenden 1000 Jahre begründet.

1606 n. Chr.

William Shakespeares „König Lear“ wird am 26. Dezember am englischen Hof uraufgeführt. Das Theaterstück gilt als eine der größten Tragödien des englischen Dramatikers.

1758 n. Chr.

Der Halleysche Komet wird am 25. Dezember entdeckt – durch den sächsischen Bauern Johann Georg Palitzsch. Etwa ein halbes Jahrhundert zuvor hat der englische Naturwissenschaftler Sir Edmund Halley das Erscheinungsjahr des Kometen vorausgesagt, konnte seine Theorie aber nicht mehr überprüfen, da er 1742 starb. Der Komet ist nach ihm benannt. Alle 76 Jahre passiert der Halleysche Komet die Erde, zuletzt 1986. Lange wurde mit ihm der Stern von Bethlehem erklärt. Doch der Komet erschien bereits im Jahre 12 vor Christus.

1777 n. Chr.

James Cook entdeckt am 24. Dezember eine unbewohnte Insel im Zentralpazifik und nennt sie Weihnachtsinsel. Dort verbringt der englische Seefahrer zusammen mit der Mannschaft des Schiffes HMS Resolution die Weihnachtstage. Heute heißt die Insel Kiritimati und gehört zum Inselstaat Kiribati. Zwei Jahre später entdeckt Cook Hawaii und wird dort von Eingeborenen ermordet.

1818 n. Chr.

„Stille Nacht, Heilige Nacht“ wird am 24. Dezember im österreichischen Oberndorf uraufgeführt – unter großem Beifall der Zuhörer. Doch noch am Morgen desselben Tages hat alles nach einer traurigen Weihnachtsmesse ausgesehen: Die Kirchenorgel ist von Mäusen zerfressen. Zwar hat Hilfspfarrer Joseph Mohr seinen Pfarrkindern eine neue versprochen, doch dazu fehlt das Geld. Da hat Mohr eine Idee: Mit einem selbst geschriebenen Gedicht in der Hand hastet er zum nebenamtlichen Organisten Franz Xaver Gruber, singt es ihm vor und bittet ihn, eine Melodie für zwei Solostimmen und eine Gitarrenbegleitung zu komponieren. Genau so wird „Stille Nacht, heilige Nacht“ dann am Abend aufgeführt. Die angenagte Orgel wird somit gar nicht benötigt.

1833 n. Chr.

Athen wird Griechenlands Hauptstadt. Nach dem Ende des griechischen Unabhängigkeitskrieges (1821 bis 1833) lässt König Otto I. seine Residenz am Weihnachtstag in Athen errichten. Vorher lag diese in Nafplion. Am Ende des Krieges leben nur noch 5000 Einwohner in Athen. König Otto I. lässt die Stadt neu aufbauen – mit Hilfe deutscher Architekten.

1871 n. Chr.

In Kairo wird Giuseppe Verdis „Aida“ an Heiligabend uraufgeführt. Es wird ein großer Erfolg. Eigentlich hätte das Stück bereits im Januar beginnen sollen. Doch die Kostüme und Bühnenbilder aus Paris können zunächst nicht nach Ägypten gelangen – zwischen Preußen und Frankreich herrscht Krieg, und Paris ist besetzt. Dass „Aida“ anlässlich der Eröffnung des Suezkanals bereits etwa einen Monat zuvor aufgeführt wurde, bleibt ein hartnäckiges Gerücht.

1899 n. Chr.

„Here’s looking at you, kid.“ Mit diesem Zitat aus dem legendären Film Casablanca schuf Humphrey DeForest Bogart Filmgeschichte. Kurz vor Ende des 19. Jahrhundert wurde der spätere Oscarpreisträger am 25. Dezember in New York geboren. Der begeisterte Segler war vier Mal verheiratet und wurde mit 49 zum ersten Mal Vater. Acht Jahre später stirbt er an Speiseröhrenkrebs.

1906 n. Chr.

Die erste Radiosendung der Welt wird in der Funkstation BrandRock in Massachusetts an Heiligabend gesendet. Der Kanadier Reginald Fessenden liest aus der Bibel, überträgt Ausschnitte aus Händels „Largo“ und spielt selbst Violine. Seine ersten Zuhörer sind Matrosen. Auf hoher See verfolgen die Besatzungen von Schiffen der Navy und der United Fruit Company über Kopfhörer die Sendung.

1914 n. Chr.

Eine eigentümliche Stille herrscht am 24. Dezember 1914 in den Schützengräben an der Westfront. Seit Monaten tobt der erste Weltkrieg, doch an diesem Tag ist alles anders: Deutsche, Engländer und Franzosen singen am Abend Weihnachtslieder, bauen Nadelbäume an den Gräben auf, trinken zusammen Bier und wünschen sich ein fröhliches Fest. Der bevorstehende Weihnachtsabend bringt ein wenig Menschlichkeit in den Krieg zurück. An weiten Teilen der Westfront und teilweise auch an der Ostfront herrscht Waffenstillstand, obwohl der von den Heeresleitungen nicht genehmigt wurde. Vor allem zwischen Deutschen und Briten pausiert der Krieg, selbst ein Fußballspiel wird ausgetragen. An den folgenden Tagen fallen wieder Schüsse.

1952 n. Chr.

Königin Elisabeth II. hält ihre erste Weihnachtsansprache. Die Botschaft wird erstmals live im Fernsehen übertragen.

1977 n. Chr.

Bevor er der große Diktator und König von New York war, machte Charles Spencer Chaplin jr., besser bekannt als Charlie Chaplin, eine Ausbildung zum Friseur. Der 1889 in London geborene Schauspieler mit Frack, Melone, Spazierstock und Schnurrbart zählt zu den bekanntesten Humoristen des 20. Jahrhunderts. Am 25. Dezember verstarb der kleine große Mann 88-jährig im schweizerischen Vevey.

1978 n. Chr.

Sie ist die Mutter aller Offroad-Rallyes, 9273 Kilometer lang, durchschnittlich 160 Stundenkilometer schnell und vor allem sandig: die Rallye Paris–Dakar. Die traditionsreiche Wüstenfahrt wurde vom französischen Rennfahrer Thierry Sabine am 26. Dezember gestartet. Nachdem es 2007 in Nordafrika mehrere Terrorwarnungen gegeben hatte, fand die Rallye 2007 letztmalig statt. In diesen fast 30 Jahren starben 56 Fahrer.

1979 n. Chr.

Zehn Jahre lang litt Afghanistan unter dem Krieg, der als Vietnam der Sowjetunion in die Geschichte einging. Zwischen dem 24. und 26. Dezember verlagert die sowjetische Armee ihre Truppen an die afghanische Grenze, um der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, die eine Annäherung des Landes an den Ostblock will, zu helfen.

1989 n. Chr.

Eine Reise nach China und Nordkorea im Jahr 1971 inspirierte den rumänischen Präsidenten Nicolae Ceausescu, der sich auch gern mit Führer ansprechen ließ, dazu, den Personenkult dieser Länder für sein Heimatland zu übernehmen. Zusammen mit seiner Ehefrau Elena herrschte der Diktator bis zu ihrer Erschießung am 25. Dezember.

1991 n. Chr.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Genau so hat Michail Gorbatschow, der an diesem 25. Dezember als Präsident der Sowjetunion zurücktritt, den Satz zwar nicht gesagt. Aber er wird wohl immer mit ihm und den Ereignissen im Herbst 1989 in Verbindung gebracht wer den.

1998 n. Chr.

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Angola seit 23 Jahren im Bürgerkrieg. Am 25. Dezember wird in dem ostafrikanischen Land ein Flugzeug der Vereinten Nationen von der Unita, der ehemaligen Guerillaorganisation und heutigen Partei, abgeschossen. Dabei sterben 14 Menschen. Weltweit sind heute 81 992 Militärbeobachter, Soldaten und Polizisten aus 114 Staaten im Einsatz für den Frieden.

2003 n. Chr.

26. Dezember, morgens um 5.26 Uhr. In der südostiranischen Stadt Bam bebt die Erde. Das Beben der Stärke 6,6 bis 6,8 auf der Richterskala zerstört gut 70 Prozent der Stadt. 30 000 bis 60 000 Menschen sterben. Mit einem Hilfsangebot der USA arbeiten beide Staaten das erste Mal seit 25 Jahren zusammen.

2004 n. Chr.

9,1 auf der Richterskala, 230.000 Tote und eine zehn Meter hohe Flutwelle – die Bilanz des Tsunami vor der Insel Sumatra in Südostasien. Die Hilfsaktion, die danach gestartet wird, ist einmalig. Allein in Deutschland spenden die Menschen 670 Millionen Euro – so viel wie nie zuvor nach einer Katastrophe.

2005 n. Chr.

Der Streit ums Gas zwischen der Ukraine und Russland spitzt sich zu. Russland droht damit, die Lieferungen zum Jahresanfang 2006 einzustellen. Am 26. Dezember erklärt jedoch der damalige ukrainische Premierminister Jurij Jechanurow, dass sein Land 15 Prozent des Gases für Europa behalten dürfe.

2006 n. Chr.

Stimme, Frisur und die 70er-Jahre-Anzüge waren seine Markenzeichen. James Brown, der Godfather of Soul, stirbt am 25. Dezember 73-jährig in Atlanta an Herzversagen. Sein erster Erfolg war das Album „Life at the Apollo“. Seine letzten Worte: „I am going away tonight“.

2007 n. Chr.

Sie heißt Tatiana, wiegt 136 Kilo und bricht am 26. Dezember aus dem Zoo in San Francisco aus. Die sibirische Tigerdame fällt drei Besucher an, von denen einer tödlich verletzt wird.

Zusammengestellt von Katrin Richter und Benjamin von Brackel.

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