Zeitung Heute : Weihnachten planen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schuemann

Paul drängelt. Verblüffend ist es schon, wonach Paul diesmal drängelt. Pubertist Paul ist ja jetzt groß, so langsam 1,80 Meter, aber auch sonst. Also im Glauben, was Pubertisten alles dürfen (lange aufbleiben, lange ausgehen) und was sie nicht brauchen (aufräumen, Wasser kaufen, Staubsaugen). Paul braucht jetzt auch bald einen Terminkalender. Neulich erst, Paul war mit Mitpubertistin Luise aus, im Kino oder so (so genau fragt der Vater da nicht mehr nach), als Esther anrief. Ganz erbost war sie, weil Paul sie versetzt hatte, obwohl sie doch, wie Esther sagt, „etwas ganz was Besonderes machen wollten“ (wie gesagt, so genau fragt der Vater da nicht mehr nach). Paul wusste aber nichts mehr von dem Termin, grinste nur, und der Vater hatte sich gefragt, wie er das eigentlich moralisch finden soll, dass Paul gleich mit zwei Frauen seine Unterhaltung sucht, das Thema aber auch mit der Mutter nicht weiter erörtert.

Und nun kommt die Weihnachtszeit. Damals, als Paul noch nicht war , da hatten die Eltern den Weihnachtsabend immer mit guten Freunden verbracht. Das sah dann so aus, dass der Vater und der gute Freund am Heiligabend in der Früh um sechs zum Markt gingen (das war seinerzeit noch der Viktualienmarkt in München, könnte aber auch der Winterfeldtplatz in Berlin sein) um für das Abendessen einzukaufen. Gleich neben dem Markt gibt es ein paar Fischläden, und in die sind die beiden nach dem Einkauf so gegen elf reingegangen, haben eine Fischsuppe gegessen, ein dazu passendes Getränk getrunken (oder auch zwei) und waren dann mit vorweihnachtlichem Glimmer zum Herd gekommen. Dann wurde gekocht, abends gegessen, noch ein paar Getränke getrunken, schön waren die Abende und niemand hatte einen Weihnachtsbaum vermisst.

Dann kam Paul und bei den guten Freunden Lisa, und irgendwann verlangten die beiden nach Weihnachtsbäumen und familieninternen Bescherungen. Das waren auch schöne Zeiten, wenn auch ohne Fischsuppe und vorweihnachtlichen Glimmer, dafür mit argem Stress beim Weihnachtsbaumkauf.

Und nun ist Paul groß. Man muss es wohl so nüchtern sagen, mit den Jahren geht so einem Pubertisten auch ein wenig die Romantik, zumindest die vorweihnachtliche, verloren. Der Glanz in den Augen ist etwas trüber geworden und einem nüchternen Abwägen, was für Geschenke zu erwarten sind gewichen. Auch hat Paul ja immer weniger Zeit (Luise! Esther!) fürs Familienleben und fürs Wegfegen der im Januar im Zimmer liegenden Tannennadeln.

„Paul“, sagte die Mutter kürzlich beiläufig beim Abendessen, „Paul, sag mal, müssen wir eigentlich wieder einen Weihnachtsbaum kaufen?“

Paul guckte.

„Gute Idee“, sagte der Vater und brummelte etwas von Weihnachtskonsumterror, erntete dafür aber nur einen Zeigefinger an der Stirn der Mutter.

Paul guckte.

Dann sprach er. „Spinnt ihr jetzt total? Hier kommt ein Weihnachtsbaum her und damit basta. Keine Diskussion, ich will Weihnachten feiern“, sagte der Kleine. So soll es sein.

Weihnachtsbäume gibt es überall in der Stadt.

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