Zeitung Heute : Weihnachtsbäume aus Cola-Dosen

Fantasievolles Kunsthandwerk in der Botschaft Südafrikas

Rolf Brockschmidt

Sie springen sofort ins Auge, drei großen Puppen mit den roten Hüten, die ganz mit bunten Perlen bestickt sind. Die Farbenpracht lässt den Betrachter auf Ndebele-Figuren tippen, denn dieses Volk Südafrikas ist für seine Vorliebe für Farben und Muster bekannt. Doch es sind Zulu-Figuren. Deren Hüte sind etwas größer als die der Ndebele, erklärt bereitwillig Priscilla Nyoni vom Craft Council South Africa, der gerade die Ausstellung „Celebrate South African Craft“ in der Südafrikanischen Botschaft zusammen mit der Handwerkskammer des Saarlandes im Rahmen der Feierlichkeiten zu zehn Jahren Demokratie in Südafrika veranstaltet. 29 Künstler und Künstlergruppen geben ein eindrucksvolles Beispiel modernen und traditionellen Kunsthandwerks, das erst in den letzten zehn Jahren nach dem Ende der Apartheid zu neuer Blüte kam.

Die Inszenierung der Objekte, der Kissen, Figuren, Schalen und Schmuckstücke geschieht auf großen, mit schwarzen Latten abgesteckten Quadraten, die jeweils mit Rinde, Sand, Holzkohle, Putzwolle und anderen Materialien ausgelegt sind. Auf diesen Materialquadraten werden die Gegenstände kunstvoll arrangiert. Die Zulu-Puppen etwa wurden von Loboliwe Ximba und ihren sechs Töchtern aus Kwa-Zulu Natal hergestellt. Gelernt hat sie das nicht, hat sich so viel Wissen angeeignet, dass sie es inzwischen in ihrer Gemeinschaft weitergibt und andere Frauen unterrichtet. Ihre preisgekrönten Puppen mit den rot-weißen Mustern thematisieren auch die Bedrohung durch Aids. Die kleinen perlenbestickten Püppchen aus dem Siyazama Aids-Projekt symbolisieren jede für sich ein Kind, das durch Aids einen Elternteil verloren hat. In den Perlenstickereien ist die rote Schleife deutlich sichtbar.

Aber es gibt auch innovative Objekte in dieser Ausstellung. Donald Kubjana aus der Provinz Gauteng hat als Wächter nebenbei alte Getränkedosen so fein ziseliert zerschnitten, dass sie wie Weihnachtsbäume aussehen. Mittlerweile hat er seinen Wächterjob aufgegeben und stellt nur noch „Bäume“ her. „Das ist das wichtige an der ganzen Kunsthandwerksbewegung, die jetzt von der Regierung unterstützt wird“, erzählt Priscilla Nyoni. „Früher haben wir zu Hause diese Dinge als Hobby hergestellt oder die Menschen haben in einer „weißen“ Firma gearbeitet. Dort wurden sie ausgebeutet. Heute lernen sie – auch mit Unterstützung durch den Craft Council – dass sie von ihren Produkten leben können, dass sie selber etwas nach eigenen Ideen herstellen und auch verkaufen können. Sie lernen, wie man Dinge vermarktet und sie schaffen Arbeitsplätze.“ So erleben die unterschiedlichen Kulturen nach dem Ende der Apartheid eine Renaissance. Das Kunsthandwerk wird gefördert und auch als Teil der Armutsbekämpfung gesehen. Inzwischen zählt der Verband Craft Council über 2000 Kunsthandwerker.

Beim Weltklimagipfel in Johannesburg vor zwei Jahren zeigte der Verband erstmals seine Produkte in der Ausstellung „beautiful things“. Der große Erfolg ermutigte die Stadt Johannesburg, dem Verband die Halle des ehemaligen Busdepots in Newtown als ständige Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen. Seit 2002 fördert die Handwerkskammer des Saarlandes in einem Entwicklungsprojekt das Kunsthandwerk in Südafrika.

Viele der ausgestellten Objekte stammen nicht nur von Einzelkünstlern wie etwa Victor Mpopo aus der Provinz Gauteng, der gerne berühmte Leute wie Nelson Mandela als Tonfigur darstellt, sondern sie stammen von Gruppen, die sich zusammengetan haben, um gemeinsam etwas zu produzieren und zu verkaufen. Oft geschieht das nach dem Schneeballsystem. Die Karossworkers-Kunststickerei ist eine Gruppe von ehemals fünf Apfelsinenpflückerinnen aus der Provinz Limpopo, die Kissen mit Tier- und Pflanzenmotiven bestickt hatten, um ihr Gehalt aufzubessern. Heute arbeiten 800 Frauen aus einem Umkreis von 100 Kilometern in diesem Projekt. Es ist eine kleine, feine Ausstellung im schönen Atrium der Botschaft, die zeigt, was man mit wenigen Mitteln und einer Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten leisten kann.

Tiergartenstraße 18, 10785 Berlin. Di. bis Fr. 10-12 Uhr und 14-16 Uhr, bis 6. Mai. Am 27. und 30. April geschlossen. Eintritt frei. Personalausweis mitbringen.

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