Zeitung Heute : Weihnachtsgeschenke kaufen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Bei mir brummt’s. Seit Tagen schon fliegt eine Hummel durch die Wohnung, vielleicht ist es auch eine ganze Hummel-Familie, als hätte sie nicht gemerkt, dass der Sommer längst vorüber ist. Ich habe alle Fenster geöffnet, um sie in die Freiheit zu entlassen, aber sie wollte nicht raus. Die Freiheit war ihr wahrscheinlich zu kalt.

Recht hat sie. Winter ist’s und übermorgen Weihnachten, das sagt mir die gefühlte Zeit. Höchste Eisenbahn, Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Damit hab ich ganz offiziell an diesem kalten Wochenende angefangen. Inoffiziell mach ich das ja schon den ganzen Sommer lang, aber das sag ich niemandem, sonst erklären die Leute mich für verrückt. Dabei sind sie die Verrückten, sie haben es nur noch nicht gemerkt. Während ich demnächst Plätzchen knuspernd vor meinem Adventskranz sitze, stürzen sie sich Adventssamstag für Adventssamstag ins Einkaufsgewühl.

Es soll ja Muffel geben, die Schenken für eine Pflicht halten, eine Strafe. Diesen armen Wesen verschreibe ich einen Besuch im Bauhaus-Archiv. Dort ist nämlich eine Ausstellung über die Geschenke zu sehen, die die Bauhäusler einander gemacht haben, selbst gemacht haben, mit einer Lust und Leidenschaft, die ansteckend ist. Geklebte Küsse gab es da, Bilderbücher und Collagen, vor allem Direktor Gropius wurde mit Liebe und Witz geradezu überschüttet, zum Geburtstag, zu Weihnachten, im Krankheitsfall. Da wurde so gemalt und gedichtet, gekritzelt, gewebt und (mit Oblaten-Engelchen) geklebt, dass man ganz heiter durch die Ausstellung und beschwingt nach Hause geht. Ein bisschen melancholisch auch: Eins der berührendsten Präsente hat Max Ernst dem Emigranten Gropius überreicht, einen Vogel im Käfig, auf einen zerbrochenen Dachziegel gemalt.

Nun kann ich leider nicht so kleben wie Schwitters, nicht weben wie Max Pfeiffer Watenphul, nicht malen wie Klee. Ich kann nur eins: kaufen. Geht auch, im Museumsshop bekommt man vom Kugelschreiber über die Kaffeekanne bis zum klingenden Memory Geschenke aller Art. Sogar einen echten Gropius kann man kaufen: das elegante Teegeschirr, das der Meister zusammen mit Katherine de Souza entworfen hat.

Bauhaus-Archiv Berlin, Klingelhöferstraße 14, Mi-Mo 10-17 Uhr, Katalog 19,90 Euro.

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