Zeitung Heute : Weihnachtsmänner: Himmlisch, aber einsam

Kerstin Decker

Mit Flügeln kommt man nicht durch die Karl-Marx-Straße in Neukölln. Die Engel stoßen überall an. Survival of the fittest. Die Stärksten kommen durch. Die Engel sind eine Sackgasse der Evolution, hätte Darwin das formuliert. Wir haben schon lange keine Flügel mehr.

Ein kleiner Junge weint. Er hat eben fünfhundert Weihnachtsmänner gesehen. Er dachte, es gibt nur einen. "Wo sind die hin?", fragen wenig engelhaft die Engel. Ein schwarzer Weihnachtsmann streitet mit einem kleinen Türken um seinen Weihnachtsmann-Sack. Der schwarze Weihnachtsmann gewinnt, sieht die Engel und rennt mit. Keiner hätte gedacht, dass eine Fünfhundert-Weihnachtsmänner-und-Engel-Demo so schnell sein kann.

Sie warten vorm Rathaus Neukölln. "Neue Engel braucht das Land!" steht auf ihren Transparenten und "Lasst mich ein, Ihr Kinder! 3 12 40 04". Nein, es ist keine politische Demonstration. Eher eine der Stärke in der Saison der Weihnachtsmänner.

Es gibt nur eine Hoffnung für die drei Engel und den Weihnachtsmann aus Afrika: Dass Frank Knorre sie nicht gesehen hat. Frank Knorre ist der Oberweihnachtsmann, nein, der Alterspräsident der Oberweihnachtsmänner. "Frank Knorre, Weihnachtsmann seit 1980", steht auf seiner Visitenkarte. Andere schreiben darauf, dass sie Fahrzeugbauingenieure sind oder Bankdirektoren. Man muss Prioritäten setzen, findet Frank Knorre.

Kein Schnee, dafür etwas Regen vorm Rathaus Neukölln. Der Bürgermeister beginnt: "Himmlische Heerscharen, liebe Engel, liebe Weihnachtsmänner!" Auf diese Stunde hat Frank Knorre ein Jahr lang gewartet. Advent, und er steht inmitten von fünfhundert selbstgecasteten Engeln und Weihnachtsmännern. Er ist der Einzige mit echtem Bart.

Am Morgen hielt der Alterspräsident der Oberweihnachtsmänner die Vorlesung für Berufseinsteiger ins Weihnachtsmannwesen. Denn das Weihnachtsmannwesen, weiß er, ist wie alles in der modernen Welt zuerst eine Frage der Bildung. Jetzt ist Frank Knorre so rot im Gesicht wie drei Glühweinengel zusammen. Er braucht dringend eine Pause. "Ins Café!", ruft er mit Draußen-vom-Walde-Stimme, die einen augenblicklich das Wesen des Patriarchats begreifen lässt.

Der Alterspräsident der Oberweihnachtsmänner betritt das Café. Ganz in rot. Mit Sack und unbeirrbarer Würde. Alle anderen sind in Zivil hier, aber Frank Knorre stört das nicht. Er weiß genau, die sind nicht halb so gut angezogen wie er. "Maßgeschneidert!", sagt er und deutet auf seinen Mantel. Nach eigenen Entwürfen. 200 Mark Materialkosten. Der Sack auch. Weihnachtsmannmäntel, erklärt Frank Knorre, sollten einen Temperaturunterschied von fünfzig Grad Celsius auffangen können. Dreißig Grad bei der Bescherung, minus zwanzig draußen. Da hilft nur eine Pellerine. Der perfekte Luftspeicher. Oder nehmen wir, schlägt der Alterspräsident der Oberweihnachtsmänner vor, seine Hose. "Sieht aus wie eine Trainingshose, nicht wahr?" Frank Knorre lächelt nach Weltgeister-Art. Ist aber keine. Es ist eine Weihnachtsmannluftkissenhose. Nach dem Vorbild der alten Turnhose seiner Mutter spezialangefertigt. Aber verbessert, mit riesigen Taschen. Frank Knorre holt eine Glocke, Bonbons, tonloses Handy und sonstiges Weihnachtsmannzubehör aus der Luftkissenhose, so beiläufig wie andere Zigaretten auspacken.

Aber warum - macht er das? Frank Knorre schickt einen langen tiefen Weihnachtsmannblick aus schweren blauen Augen über den Caféhaustisch und sagt dann langsam: "Um mein linkes Gewissen zu beruhigen." Früher sei er Gewerkschafter gewesen. Der Weihnachtsmännerpräsident greift nachdenklich nach der Glocke - es ist die schönste aus seiner Sammlung, er hat einen Extra-Glocken-Lieferanten - und fügt mir leichter Melancholie an: "Weihnachtsmänner sind Individualisten, wissen Sie! Langzeitstudenten. Oder Börsenspekulanten."

Der Weihnachtsmann, ein Gewerkschafter. Natürlich, er ist ein großer Verteiler. Vielleicht sogar - Kommunist? Ein Engel erscheint mit vibrierenden Flügeln. Er braucht Hilfe. Ein paar Weihnachtsmänner fliehen vor der Kostümkontrolle. Frank Knorre zeigt auf den Engel: "Unser Oberweihnachtsmann!", sagt er und registriert zufrieden den fassungslosen Laien-Blick: der Oberweihnachtsmann, ein Engel. Warum nicht, wenn der typische Normal-Weihnachtsmann ein stark individualisierter kommunistischer Gewerkschafter und Börsenspekulant ist.

Frank Knorre war auch sehr lange Oberweihnachtsmann. Oberweihnachtsmänner sind verantwortlich für die Koordinierung des Gesamt-Weihnachtsmannwesens. Angefangen habe er jedoch als "Pappnase" bei der "Tusma". "Tusma" heißt "Telefoniere, und Studenten machen alles." Auch den Weihnachtsmann. Die "Tusma" gehört zu Humboldt-Universität und Technischer Universität; an der Freien Universität arbeiten die "Heinzelmännchen". In diesem Jahr versuchen es beide zum ersten Mal zusammen. Frank Knorre und der Oberweihnachtsmann-Engel wechseln einen langen Blick. Beide Seiten haben verschiedene Weihnachts-Ansichten. Ein Tusma-Weihnachtsmann, unter der Ägide von Frank Knorre gecastet, stressgeprüft, kostümkontrolliert und eingewiesen, wird niemals Ho! Ho! Ho! rufen. "Heinzelmännchen"-Weihnachtsmänner dürfen Ho! Ho! Ho! rufen.

Frank Knorre legt ein großes Buch auf den Tisch. Bücher, die Zauberern gehören, haben solche Formate. Oder Weihnachtsmann-Bücher. Außen hat es lauter grüne und silberne Sterne, innen ist es der Haak-Hausatlas. Voller Gedichte und Weihnachtsmannaufträge, die sind rücksichtslos über die Bretagne geklebt. Auf der Seite "Der Vorstoß der Wikinger" beginnen die Grundregeln. "Kein Cowboy-Weihnachtsmann!" steht dort, rot unterstrichen. Natürlich nicht, erklärt Frank Knorre, denn ein Weihnachtsmann sei kein amerikanischer Arbeitsloser. Deshalb ruft er nie Ho! Ho! Ho!, sondern er erkundigt sich: "Bin ich denn hier bei braven Kindern?"

Frank Knorre probiert die Glocke aus, mitten im Café. Dem Weihnachtsmannwesen kann wirklich nichts passieren. Immer, wenn er den Klang hört, weiß er das. Die Kostümkontrolle ist seine Idee. Genau wie das Casting mit Stress-Belastungskontrolle. Und die Weihnachtsmann-Vorlesung sowieso.

Trotzdem, die Welt ist voller Fallen. Auch für Weihnachtsmänner. Gerade für Weihnachtsmänner. Nehmen wir die Frage "Woher kommst du, Weihnachtsmann?" und die dazugehörige wahrheitsliebende Antwort: "Ich komme aus dem Iran!" - Frank Knorre weiß, ein echter Weihnachtsmann ist erst, wer in der Wüste aufwuchs und sein Draußen-vom-Walde so baumtief und schneeflockenfest spricht, dass noch der letzte Skeptiker sein Gedicht vergisst vor Ehrfurcht.

Keine Jeans, kein Minirock. Keine Turnschuhe! Stiefel! Eine Bescherung ist keine Werbeveranstaltung, weiß das Weihnachtsmannbuch. Und: keine Rute, lieber Weihnachtsmann! Hauseingänge sind grundsätzlich vorher zu besichtigen. Sogar bis zur Hausklingel habe jeder Weihnachtsmann zu gehen, das sei sicherer, denn nicht nur die Hausnummer, auch die Klingel könne fehlen.

Techniker und Weihnachtsmänner überlassen nichts dem Zufall. Das ist ihr quasi-göttlicher Anteil. Frank Knorre ist Fahrzeugbauingenieur. Die allerneuesten Berliner U-Bahnen sind von mir, sagt er. Vom Boden bis zu den Sitzen. Aber dann plötzlich leuchtet sein Gesicht, die Nase wird etwas röter, und ein tiefer Stolz fährt in seine Stimme: "Ich war Langzeitstudent, müssen Sie wissen." Die Worte Gewerkschafter und Langzeitstudent bezeichnen im Weltbild von Frank Knorre einen stark fortgeschrittenen Individualisierungsgrad. Jetzt wird Frank Knorre Programmierer. Gott schuf schließlich auch jeden Tag etwas anderes. Immer nur U-Bahnen, unmöglich.

"Scheiße, mein Sack!" - Vor uns steht ein junger, gemütsbewegter Weihnachtsmann. "Sie haben meinen Sack geklaut! Mit dem Stauballergie-Kissen drin!" Frank Knorre findet lindernde Worte, er spricht über die Vergeblichkeit im Allgemeinen, aus deren Blickwinkel der Verlust des Stauballergiekissens nur ein Spezialfall sei, und fügt unvermittelt hinzu: "Frauen sind Rassisten." Der Vergeblichkeitserfahrene. Sie mögen seinen Bart nicht. Und wenn er erzähle, dass er am liebsten Weihnachtsmann sei ...

Mit Bart sei man doch wie ein Schwarzer im Skinheadviertel. Obwohl er mit denen umgehen könne. Nein, nicht mit Frauen, mit Skinheads. In Charlottenburg wollten ihn mal ein paar Skinheads fangen. Den Weihnachtsmann alle machen. Na, die habe er doch glatt ein Gedicht aufsagen lassen. Sie kannten wirklich welche. Aber für die schwarzen Weihnachtsmänner sei das natürlich schwieriger. Die Deutschen sind sowieso Rassisten, erwägt Frank Knorre, oder wie solle er das verstehen, wenn Menschen in der Weihnachtsmannzentrale anrufen und den fassungslosen Satz aussprechen: "Mein Weihnachtsmann war schwarz!" Frank Knorre hat dafür kein Verständnis. Mann sei doch Mann. Weihnachtsfrauen hingegen geben nur Ärger. Als Engel hingegen seien Frauen möglich. Der Engel, die Gehilfin des Weihnachtsmanns. Ob die Feministinnen davon gehört haben? - Frank Knorre weiß das nicht. Bestimmt mag er keine Feministinnen. Den ersten Engel, den er hatte, mochte er auch nicht. "Der hat mich in den Sessel gedrückt!", ruft er mit aufrichtiger Abscheu. Er hat jetzt einen engelhafteren Engel. Einen Ost-Engel. "Mein Engelchen", sagt er mit der Zärtlichkeit der Weihnachtsmänner.

Nun warten beide noch auf einen richtig großen Auftrag, direkt am 24. Dezember. In einer richtig großen Familie. Gedichte würde er schreiben, für jedes Familienmitglied eins. Ja, Frank Knorre, der Ex-Gewerkschafter, Langzeitstudent und U-Bahn-Erfinder, schreibt gern Gedichte. Er schlägt den sternenschweren Haak-Hausatlas auf. Er sucht sein allerbestes.

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