Zeitung Heute : Weil er Mielke in die Quere kam Vor 50 Jahren wurde Walter Linse in Moskau hingerichtet

Benedict Maria Mülder

Über 25000 Berliner demonstrierten am 10.Juli 1952 vor dem Rathaus Schöneberg für seine sofortige Freilassung. Der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter proklamierte das Ende der Geduld. „Nicht bitten, sondern kämpfen“, forderte die Schlagzeile des Tagesspiegel, und ein Spitzel der Stasi beschrieb die Atmosphäre der Kundgebung so: „Wutverzerrte Gesichter, brüllende Mäuler. Raus mit dem Spitzel, schlagt den Hund nieder. Gezerre. Wie eine Woge rollt die Wut der Masse.“

Die SED hatte im Verbund mit dem großen Bruder Sowjetunion, wie wir heute wissen, die Westberliner wie schon lange nicht mehr auf die Straße getrieben und helle Empörung ausgelöst. Immer wieder waren in dieser Zeit Menschen – ihre Zahl wird heute auf Hunderte geschätzt – spurlos verschwunden, meistens in den Kerkern jenseits der Demarkationslinie. Die Entführung des Juristen Walter Linse hatte jedoch alles zuvor in den Schatten gestellt. Einer vom stellvertretenden Stasi-Chef Erich Mielke gedungenen vierköpfigen Bande Ostberliner Kleinkrimineller war es morgens gegen halb acht an der Gericht- straße in Lichterfelde, die heute nach dem Opfer Walter Linse benannt ist, gelungen, die brutalste Kidnappingaktion jener Jahre in Szene zu setzen. 14 Tage später memorierte ein Stasi-„Ober-Rat“ drehbuchreif die Einzelheiten. Mit einer Trillerpfeife gab ein Mann laufend Signale, als Linse in einen als Taxi getarnten Opel Kapitän gezerrt worden war, Frauen schrien um Hilfe, ein VW zog hupend mit hoher Geschwindigkeit nach links und suchte den Wagen der Entführer zu rammen. In rasender Fahrt passierte der Opel die Sektorengrenze, wurde Linse nach Hohenschönhausen verbracht, in den Vorhof der Hölle, wie sich das Gefängnis ins Hirn eines jeden Gefangenen einbrannte.

Das „Neue Deutschland“ machte aus der Solidaritätskundgebung vor dem Rathaus ein faschistisches Pogrom, bestätigte indes die Urheberschaft des Ostens an der Entführung. „Wir kennen Linse nicht“, beschieden die Sowjets amerikanische Anfragen. Linse war nicht irgendwer. Als Abteilungsleiter Wirtschaft des vom amerikanischen Geheimdienst unterstützten „Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen“ (UfJ) in der Zehlendorfer Limastraße, einer Art innerdeutsches Amnesty-Büro, gehörte er in den Augen der SED einer „besonders gefährlichen Feindorganisation“ an, einer Anlaufstelle für verzweifelte Ostdeutsche, die früh das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen in der „Zone“ untersuchte und brandmarkte. Kurz vor der Entführung hatte er einen umfassenden Bericht über die zunehmende Wiederaufrüstung der DDR vorgelegt. Und schließlich war er mit der Organisation eines internationalen Juristenkongresses befasst, der Ende Juli 1952 – ohne ihn – die Rechtsbrüche in der DDR zum Thema machte. Material genug, um ihm Spionage und konterrevolutionäre Sabotage vorzuwerfen. Doch bis heute ist noch immer unklar, wer den letzten Anstoß zur Entführung Linses gab, warum die entscheidenden Leute einem Schauprozess den „Geheimprozess mit vorfabriziertem Geständnis“ in Moskau, wohin er 1953 deportiert worden war, vorzogen.

Ein im vergangenen Jahr bekannt gewordenes Papier des Bundesnachrichtendienstes (BND), das dem Tagesspiegel vorliegt, vermutet, dass Linse im Zusammenhang mit der bevorstehenden Enttarnung eines von Mielke geführten hoch angesiedelten Doppelagenten das Opfer eines Irrtums wurde. „Linse kam Mielke in die Quere, bedrohte einen seiner Top-Agenten: den einstigen Justizminister Sachsens sowie stellvertretenden DDR-Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der LDPD, Hermann Kastner“, so der Autor. Mielke, so das Papier weiter, habe Kastner von den Russen übernommen, ihn als vorsichtigen Kritiker der SED auftreten lassen und als Quelle „Hellwig“ gleichzeitig an die Organisation Gehlen, den Vorläufer des BND, herangespielt. Diese Verbindung drohte Linse, wie Mielke erfahren haben sollte, aufzudecken. In Wirklichkeit war Linse nur marginal mit Kastner befasst. Doch sein Schicksal war besiegelt. Am 15.Dezember 1953 wurde er in Moskau erschossen und in einem Kloster eingeäschert. 1996 wurde Linse vom russischen Generalstaatsanwalt rehabilitiert. Für keine der gegen den Vorkämpfer der Menschenrechte in der DDR erhobenen Anschuldigungen habe es Beweise gegeben.

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