Zeitung Heute : Weil ich ein Mädchen bin

In den USA wird es wieder Mode, die Geschlechter in der Schule zu trennen

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Eine saubere, ruhige Wohngegend, ein großes, gepflegtes Grundstück, darauf ein kathedralenähnliches Gebäude mit imposantem Namen: Die Holy Names Academy in Seattle im Bundesstaat Washington ist genau wie man sich eine traditionelle katholische Mädchenschule vorstellt. In den holzgetäfelten Fluren voller Heiligenstatuen herrscht ehrfurchtsvolle Stille, in den Klassenräumen geben die Lehrerinnen Frontalunterricht vor sehr braven, sehr gelangweilten Oberstufenschülerinnen.

Die so altertümlich anmutende getrennte Erziehung von Jungen und Mädchen ist in den USA bisher beschränkt auf private, häufig religionsgebundene Institutionen. Doch in jüngster Zeit gewinnt sie ausgerechnet unter fortschrittlich eingestellten Pädagogen und Eltern neue Anhänger. Dabei kommt es zu erstaunlichen Allianzen – etwa zwischen der Republikanerin Kay Bailey Hutchinson und der demokratischen Senatorin Hillary Clinton, Absolventin des Frauencollege Wellesley.

Viele Eltern und Lehrer glauben, dass Jungen und vor allem Mädchen besser lernen, wenn sie im Klassenraum unter sich sind. Dabei stützen sie sich auf Ergebnisse der Hirnforschung und auf Pilotprojekte an getrennt-geschlechtlichen Schulen. Argumente, die in den 60er- und 70er-Jahren Feministinnen auf die Barrikaden brachten, halten einige von ihnen heute für völlig richtig: Mädchen denken anders, lernen anders und verhalten sich anders. Die Jungen bekommen deshalb in gemischten Klassen oft mehr Aufmerksamkeit von den Lehrern, die Mädchen fühlen sich eingeschüchtert und verlieren die Lust an Jungenfächern wie Mathematik und den Naturwissenschaften, wird behauptet.

Die Mädchenschulen wollen es besser machen. Und nicht alle sind so konservativ wie die katholische Holy Names Academy. Hinter der unscheinbaren Holzfassade der Seattle Girls’ School (SGS) herrscht die Atmosphäre einer lebhaften Wohngemeinschaft. Die Lehrerinnen sind so leger gekleidet wie die Schülerinnen. Eltern bringen Spaghetti zum Mittagessen vorbei. Auf den Fluren wie in den Räumen arbeiten Mädchen allein oder in Gruppen, nach ihrem eigenen Geschmack und Zeitplan, mit Laptop, Papier oder Werkzeug. Die Schülerinnen sind selbstbewusst und aufgeschlossen.

Die elfjährige Helen macht sich Gedanken über ihre persönliche Erfindung, eine Maschine, die Allergikern hilft, gefährliches Essen sofort wieder auszuspucken. Die Schule legt besonderen Wert auf Naturwissenschaften, Mathematik und Technik. Wie alle Sechstklässlerinnen muss Helen am Ende des Schuljahres nicht nur eine einzigartige Erfindung vorzeigen können, sondern auch ein Modell davon bauen. Sie wird außerdem eine Computer-Präsentation dazu liefern und einen Werbespot mit Jingle entwerfen. Das fächerübergreifende, projektbezogene Lernen ist das Besondere an dieser Schule, die sich mit etwa 13000 Dollar Jahresgebühr im mittleren Feld der Privatschulen bewegt.

Eltern, Schülerinnen und Lehrer sowohl der Seattle Girls’ School als auch der Holy Names Academy sagen: Ohne Jungs gibt es weniger Disziplinprobleme, konzentriertes, kooperatives Arbeiten in Gruppen gedeiht. „Wenn Jungs dabei sind, ist man immer unsicherer und eher abgelenkt“, sagen die Schülerinnen. Und die Direktorinnen beider Schulen berufen sich auf Studien, nach denen „deutlich mehr Absolventinnen von Mädchenschulen später Karrieren in den Naturwissenschaften, Informatik oder Ingenieurswissenschaften anstreben“ als ihre gemischt erzogenen Altersgenossinnen.

Die Bush-Regierung scheint daher mit ihrer jüngsten Initiative bei vielen Amerikanern offene Türen einzurennen: Sie will nach Geschlechtern getrennte Erziehung jetzt auch in staatlichen Schulen erlauben. Wenn private Schulen so gute Ergebnisse erzielen, sollten auch Schüler öffentlicher Schulen und ihre Eltern die Wahlmöglichkeit haben. Doch bislang verbietet ein Gesetz zum Schutz vor Diskriminierung die Trennung nach Geschlecht – nicht anders als die Segregation verschiedener Ethnien. Einzige Ausnahmen sind der Sport- und der Sexualkundeunterricht.

Nach Angaben des Nationalen Verbandes für getrennt-geschlechtliche Erziehung trennt nur ein Tausendstel aller öffentlichen Schulen klassenweise oder komplett nach Geschlechtern. Diese Zahl könnte gewaltig ansteigen, sollte der Kongress die Änderungsvorschläge des Erziehungsministeriums akzeptieren.

Auf der Gegenseite gruppieren sich jedoch Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Mit der Gesetzesänderung werde „die Segregation im öffentlichen Schulsystem wiedereingeführt – diesmal in Form von Geschlechtertrennung statt Rassentrennung“, empört sich Kim Gandy, die Vorsitzende der Nationalen Organisation für Frauen. Erziehungsminister Rod Paige beweise damit einmal mehr den Eifer der Regierung, die Rechte der Frauen einzuschränken. Die Amerikanische Zivilrechtsunion ACLU warnt davor, Grundrechte zu gefährden, solange nicht einmal überprüfbare Daten über die Vorteile der getrennten Erziehung vorliegen. Denn bisher gebe es diese fast nur in Privatschulen. Diese wählten aber ihre Schüler aus, könnten mit der Unterstützung aktiver Eltern rechnen und sich kleine Klassen, gut ausgebildete Lehrer und fortschrittliche Curricula leisten.

Experten vermuten, dass diese Vorteile gegenüber staatlichen Schulen viel mehr zu den Erfolgen von Mädchen-Schulen beitragen als das Trennen der Geschlechter an sich. Marja Brandon, die Direktorin der Seattle Girls’ School, stimmt dem voll zu. „Einfach die Geschlechter zu trennen, ist keine Lösung. Viel wichtiger ist, dass wir unsere Lehrer richtig ausbilden und ein anregendes Lernklima schaffen.“

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