Zeitung Heute : Weil sie seine Frau sein wollte

Jennifer D. war die Unscheinbarkeit in Person. Dann half sie ihrem Freund, drei Menschen zu töten. Vielleicht gab es nur einen Grund

Verena Mayer[Köln]

Jennifer D. war dabei, als ihr Freund die Familie des Rechtsanwalts auslöschte. Als er erst die Ehefrau erschoss und dann deren Mann befahl, sich auf den Boden zu legen. Jennifer D. hat geholfen, die Tochter des Anwalts zu fesseln, sie hat der jungen Frau die Arme so fest zugeschnürt, dass auf den Fotos der Leiche blutunterlaufene Striemen zu sehen sind. Jennifer D. hat daneben gestanden, als ihr Freund die Schrotflinte durchlud und sie auf Vater und Tochter richtete. „Warum?“, wird Jennifer D. vor Gericht gefragt. „Ich weiß es nicht“, antwortet Jennifer D. „Ich stand einfach nur da.“ Vor dem Kölner Landgericht muss sich Jennifer D. als Mittäterin des dreifachen Mordes von Overath verantworten. Im Oktober vergangenen Jahres war der 45 Jahre alte Thomas A. mit einer Pumpgun in die Kanzlei der Rechtsanwaltsfamilie Nickel eingedrungen und hatte sofort begonnen zu schießen.

Jennifer D. ist 19. Sie ist die Unscheinbarkeit in Person, ein blasses und schmales Mädchen in einem schwarzen Jäckchen, das eher zu einer alten Frau passt als zu einem Teenager. Jennifer D. presst die Hand vor das Gesicht und wimmert leise. Ihre Sätze haben keinen Anfang und kein Ende, wenn sie spricht, hat das etwas Lallendes, so, als hätte man sie gerade aus dem Schlaf gerissen. Bis sie Thomas A. traf, war ihr Leben so unauffällig wie sie selbst. Sie arbeitete als Verkäuferin bei Lidl und wohnte bei den Eltern. Aus Geilenkirchen, wo sie aufwuchs, ist sie nicht oft herausgekommen. In Köln war sie einmal, da besuchte sie mit der Schule den Zoo. Thomas A. lernte sie an einer Tankstelle kennen. Thomas A. hätte ihr Vater sein können, sein Schädel war kahl rasiert, er hatte kein Geld und keine Existenz. Eine Zeit lang war er in Köln Taxi gefahren. Und er hatte einmal eine alte Mühle gepachtet. Aber er ließ die Mühle herunterkommen und zahlte die Miete nicht. Der Verpächter musste einen Rechtsanwalt beauftragen und 10000 Mark Mietschulden eintreiben lassen.

Nur in den Neonazi-Kreisen, in denen Thomas A. verkehrte – da war er wer. Da nannte er sich „Sturmbannführer“ und hielt Reden. 1994 kandidierte er bei der Kommunalwahl in Köln für die „Deutsche Liga für Volk und Heimat“, die 1991 bis 1993 im Kölner Stadtrat eine eigene Fraktion bildete. Der Verfassungsschutz überlegte damals, ihn als V-Mann anzuheuern, befand ihn aber für charakterlich ungeeignet. Jennifer D. verliebte sich sofort in Thomas A. Nach einer Woche schliefen sie miteinander, nach vier Wochen fuhr sie mit ihm nach Overath.

Die Verhältnisse, aus denen Jennifer D. stammt, sind nicht besonders gut. Ihre Eltern ließen sich scheiden und zogen wieder zusammen. Für einige Zeit hatte Jennifer D. einen Stiefvater, im Heim war sie auch. Sie experimentierte mit Drogen, brach die Schule ab, es gab ein paar kurze Beziehungen. Was sie an Thomas A. angezogen habe, will der Richter wissen. Ob er ihr etwas zugetraut habe, was ihr andere nicht zutrauten? Jennifer D. schluchzt leise. Oft versteht sie die Fragen des Gerichts nicht, dann sagt sie wie ein Kind: „Bitte, noch mal.“

Ob sie sich durch Thomas A. besser und stärker gefühlt habe?, setzt der Richter nach. Jennifer D. nickt. Thomas A. kaufte ihr schwarze Stiefel und eine schwarze Militärhose, damit sie aussieht wie seine Kumpane. Er gab ihr eine Gaspistole, oder sie trug die Sporttasche mit der Schrotflinte, die er immer bei sich hatte. Jennifer D. merkte, wie Thomas A. bei seinen Leuten „Achtung genoss“, wie sie ihm zuhörten, wenn er „vom Krieg von damals, von Hitler und so“ redete. Und sie selbst, die 19-jährige Lidl-Verkäuferin, war plötzlich „die Frau vom Chef“.

Die beiden wohnten bei Jennifers Eltern, im Jugendzimmer. Der Vater war entsetzt, Jennifers Freundinnen sagten, Thomas A. sei „durchgeknallt“. Jennifer D. hielt dagegen, Thomas A. sei intelligent, auch wenn er eine Glatze habe. Eines Tages kam Thomas A. mit einem Zettel zu ihr. „Eid“ lautete die Überschrift, und darunter stand, dass sie, Jennifer D., „den Führern und Vorgesetzten der Schutzstaffel Treue“ schwöre und „Gehorsam bis in den Tod“. Jennifer D. unterschrieb. Sie hätte zu diesem Zeitpunkt alles unterschrieben, sagt sie vor Gericht.

Jennifer D. nahm 2000 Euro Kredit auf, davon lebten sie und Thomas A. Anfang Oktober packte Thomas A. sie in ein Auto, und die beiden fuhren nach Guben. In Guben haben rechtsradikale Jugendliche vor einigen Jahren einen Asylbewerber zu Tode gehetzt, Thomas A. wollte Gleichgesinnte treffen. Er fragte, wo die Jugendlichen seien, jemand nannte ihm eine Kneipe, und dort hätten sie beide dann herumgesessen, sagt Jennifer D. Nach Cottbus ging es auch. Er müsse „einen Verräter“ suchen, sagte Thomas A. Mitten in der Nacht kamen sie an, sie fuhren drei Stunden durch die Gegend, am nächsten Morgen ging es weiter. Dann war der Sprit alle, und Jennifer D. saß wimmernd im Auto. Da habe sie kurz überlegt, Thomas zu verlassen, sagt Jennifer D. Einen Tag später trug sie die Tasche mit der Pumpgun zur Kanzlei der Nickels. „Warum?“, fragt der Richter. „Ich war wie festgebunden“, sagt Jennifer D.

Thomas A. ist ein kräftiger, aber nicht dumpfer Mann. Er ist kein Schlägertyp; so, wie er mit seinem kahlen Kopf und dem dunkelgrauen Anzug auf der Anklagebank sitzt und lächelnd der Verhandlung folgt, hat er fast etwas Smartes. Über die Tat spricht er mit einer Mischung aus Stolz und Beflissenheit, als würde er einem Vorgesetzten einen Bericht präsentieren. Man weiß nicht, was Thomas A. antreibt, ob es Irrsinn ist oder Kaltblütigkeit, aber er hat eine Art, sich als unangreifbar zu präsentieren, dass man sich ihm schwer entziehen kann.

Thomas A. wuchs bei seinem Onkel auf, die Mutter hatte ihn wegegeben. Als Söldner hat er in Rhodesien eine Farm bewacht, mit den Neonazis kam er früh in Berührung. Vor Gericht verliest Thomas A. ein wirres Traktat über ein Netzwerk, das sich für den Häuserkampf vorbereite, er spricht von Verrätern und von Todeslisten, die er mit „Kameraden“ erstellt habe. Zwanzigmal am Tag habe er gesagt, es müsse etwas passieren, gibt Jennifer D. zu Protokoll. Sie selbst habe auf Durchzug geschaltet. „Wenn du meine Frau sein willst, musst du das mitmachen“, habe er zu ihr gesagt. Und sie wollte seine Frau sein. Der Rest war ihr egal. Ob sie ihn einmal gehasst habe, fragt der Richter. „Nein“, wimmert Jennifer D.

Am liebsten hetzte Thomas A. gegen Rechtsanwälte. Rechtsanwalt Hartmut Nickel aus Overath war es, der damals die 10 000 Mark eintreiben sollte, die Thomas A. dem Besitzer seiner Mühle schuldete. Thomas A. fand, das Geld gehöre ihm. Der Rechtsanwalt setzte sich durch. Ab diesem Zeitpunkt war er für Thomas A. ein „Hochverräter“, einer, der „nach den Reichsgesetzen exekutiert“ werden müsse, genauso wie seine Frau und die Tochter.

Das Schlimmste an Thomas A. ist nicht einmal das rechtsextreme Gedankengut. Das Schlimmste ist, dass er seine eigene Wahrheit auf eine Weise zum Gesetz gemacht hat, dass er sich alles nimmt, was ihm seiner Ansicht nach zusteht. Ob das 10000 Mark sind oder das Leben von drei Menschen.

Die Kanzlei der Familie Nickel liegt im Zentrum von Overath. Unten im Haus ist ein Friseurladen, darüber arbeitete der Rechtsanwalt mit seiner zweiten Frau. Seine Tochter Alja war Referendarin. Als Thomas A. am Nachmittag des 7.Oktober das Auto in Overath parkte, wusste Jennifer D. nicht, wo sie war. Sie hatte die Fahrt über geschlafen und wachte auf, als Thomas A. ihr befahl, Wollhandschuhe anzuziehen. „Was wollen wir bei dem Anwalt?“, fragte Jennifer D. „Wirst du gleich sehen“, sagte Thomas A. und gab ihr die Sporttasche mit der Schrotflinte. Als Jennifer D. an diesen Punkt kommt, stockt ihre Erzählung. „Nachher…ich hab’ versucht...nachher hab’ ich versucht...“, wimmert sie, es ist, als würde sich ihre Erinnerung weigern zu strukturieren, was dann kam. Die ersten beiden Schüsse, auf die Frau des Anwalts. Die Schreie Alja Nickels. Das Flehen des 61-jährigen Rechtsanwalts, einen Krankenwagen für seine Frau zu holen. Die Fesseln, die Jennifer D. Vater und Tochter anlegte. Schließlich das Klingeln an der Tür.

Thomas A. ging hin. Draußen stand eine Nachbarin. Thomas A. sagte, es sei alles in Ordnung, eine Vase sei umgeworfen worden. Die Nachbarin ließ sich abwimmeln. Thomas A. erschoss Vater und Tochter. Auf den Munitionsresten findet sich eine DNS-Spur von Jennifer D. Auch soll sie „Nein“ gesagt haben, als Hartmut Nickel um Hilfe für seine Frau bat. Das hat die Nachbarin an der Tür gehört. Vor Gericht zuckt Jennifer D. die Achseln und wimmert. Sie schiebt den 7.Oktober weg, wie sie alles andere davor weggeschoben hat. Wird sie als Mittäterin wegen Mordes verurteilt, droht ihr eine Jugendstrafe von bis zu zehn Jahren.

Nach der Tat fuhren die beiden zu Jennifer D.s Eltern. Jennifer D. legte sich auf ihr Bett und schlief. Am Abend besuchten sie einen ihrer rechtsradikalen Freunde. Thomas A. gab ihm die Waffe und sagte, jetzt sei er dran. Der Mann ging zur Polizei. Bis sie eine Woche später verhaftet wurde, lebte Jennifer D. weiter wie bisher. Sie arbeitete bei Lidl. Und sie wollte mit Thomas A. zusammenziehen. „Warum das denn?“, fragt der Richter. „Ich wollte einfach nicht wahrhaben, was der Thomas getan hat“, sagt Jennifer D. „Der Mensch, der da war, war nicht der Mensch, den ich vorher kannte.“

Der Prozess wird heute fortgesetzt. Jennifer D. hat mit ihrer lallenden Stimme gesagt, was es zu sagen gibt. Aber sie wirkt noch immer nicht, als sei sie ganz wach.

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