Zeitung Heute : Weine des Monats: Neues aus dem deutschen Osten, aus Sachsen-Anhalt

Bernd Matthies

Wüssten mehr Berliner, wie nahe das Anbaugebiet Saale-Unstrut dran ist an der Stadt, wäre es dort drunten ziemlich voll, rund um die Orte Freyburg und Bad Kösen. Wahrscheinlich liegt es aber auch daran, dass in dieser Gegend die südliche Weinseligkeit nicht recht aufkommen kann - im Winter machen regelmäßig harte Fröste bis minus 25 Grad den Weinbau nieder, und in der zweiten Hälfte der Neunziger gab es deshalb einen Ernteausfall nach dem anderen. (Ja: Rotkäppchen ist immer in Massen vorhanden, aber nur, weil dieser Sekt nicht aus Weinen der Region gemacht wird.) Die Jahre 1998 und 1999 fielen aus dem Rahmen, brachten normale, freilich im deutschen Vergleich immer noch niedrige Erträge, und so konnte Uwe Lützkendorf beweisen, was schon lange ausgemachte Sache ist: Dass er der beste Winzer der Region ist, ein Gegenpart zu SchlossProschwitz in Sachsen. Die Weine werden ihm ebenso aus der Hand gerissen, und das leider auch in guten Jahren; die Preise fallen entsprechend hoch aus. Und wie in Proschwitz sieht es allmählich so aus, als seien diese Preise auch durch die Qualität gerechtfertigt. Unser Beispiel, die 1999er Weißburgunder-Spätlese aus der Lage Karsdorfer Hohe Gräte, beweist dies exemplarisch. Sie zeigt ausdrucksvoll die sortentypischen Obst- und Kräuteraromen und brilliert darüber hinaus mit einer überraschend eleganten Säure, die die Weißburgunder aus südlicheren Regionen vor allem in sonnenreichen Jahren oft vermissen lassen. Dennoch ist es schierer Luxus, die besten Weine aus den ostdeutschen Regionen nach Hause zu tragen: Der Preis von 35 Mark, und zwar für die 0,5-Liter-Flasche, zeigt es deutlich. Zu haben ist dieser ungewöhnliche Wein bei der Wein & Glas-Compagnie in der Prinzregentenstraße 2 in Wilmersdorf.

Der Herbst kommt, und mit ihm die Saison der gesellschaftlichen Anlässe, die wir heutzutage gern "Events" heißen. Champagner ist nahezu obligatorisch, und ebenso obligatorisch ist die Frage, ob es nicht auch einmal was Anderes sein dürfe? Wir empfehlen diesmal einen badischen Rosé-Sekt aus Spätburgunder, der schon wegen seiner Grundrebsorte nicht weit vom Rosé-Champagner entfernt ist und auch in seiner Aromatik - rote Beeren, Kirschen, Brioche - und seiner mundfüllenden Cremigkeit an das Vorbild erinnert. Dennoch gibt sich der 1998er Mathis Cuvée Pinot Rosé Extra Brut durch eine gewisse schwer definierbare Erdverbundenheit, eine dezent pikante Herbe, rasch als gelungener Badener zu erkennen. Mathis Cuvée - das ist ein Markenname des Merdinger Guts "Kalkbödele", das den Gebrüdern Mathis gehört, aber seit geraumer Zeit von Tobias Burtsche geführt wird. Das Gut, das nach den Prinzipien des naturnahen, Umwelt schonenden Weinbaus arbeitet und auf synthetische Düngung ebenso wie auf Herbizide und Insektizide völlig verzichtet, machte bereits Anfang der neunziger Jahre durch ausdrucksvolle Barrique-Spätburgunder auf sich aufmerksam; in letzter Zeit bewegen sich aber auch die anderen Abfüllungen qualitativ stark nach oben. Die Rosé-Cuvée kostet 22,50 Mark bei Weinleiner in der Goethestraße 71 in Charlottenburg. Ein vergleichbarer Champagner für diesen Preis dürfte ein ferner Traum bleiben ...

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