Zeitung Heute : WEINE DES MONATS

Peter Scheib

BERGSTRASSE

Ein schlanker Weißburgunder aus einem fetten Jahr

Langsam lichtet sich der Nebel um den sagenumwobenen 2003er, und wir können Fakten und Propaganda voneinander trennen. Dem Riesling ist die Hitze vor allem an Mosel und Saar offenbar gut bekommen: Die so wichtige Säure ist da, wenn auch bei der Lagerfähigkeit noch Fragen offenbleiben. Schwer getroffen hat es dagegen die weißen Burgundersorten. Vor allem in der Pfalz wurden als angebliche Kabinettweine Granaten mit 14 Grad Alkohol und mehr abgefüllt, K.O.-Tropfen, die in der Gastronomie nahezu unverkäuflich sind, weil sie als Essensbegleiter nicht taugen. Glücklich sich jene Winzer, die sehr früh geerntet haben - oder eine andere strategie gewählt haben wie die Verantwortlichen der Genossenschaft Bergsträsser Winzer : Sie entschlossen sich, den voluminösen Most ihres Weißburgunders nicht ganz durchgären zu lassen. So blieb es bei angenehmen 12 Grad Alkohol und etwas natürlicher Restsüße, die sich hinter der Bezeichnung „feinherb“ versteckt. Diese Restsüße ist aber so dezent dosiert, dass sie nichts überdeckt, sondern die feine Mineralität, die würzigen Fruchtaromen - Birne, Mirabelle - sogar eher zu stützen scheint. Der 2003er Bergsträßer Weißer Burgunder ist mithin ein Sommerwein für Anspruchsvolle und ein interessanter Vertreter des kleinen Anbaugebietes, dessen filigrane und fruchtige Weine in Berlin viel zu selten zu finden sind. Die Flasche kostet höchst akzeptable 5,70 Euro bei Weinkultur , Kirchstraße 23, Tiergarten, und bei Wachs und Weine , Einsteinufer 59 in Charlottenburg.

RHEINHESSEN

Biologischer Riesling mit Charakter zum Superpreis

Den Riesling-Fans mögen derlei Erwägungen egal sein: Ihr Lieblingswein des Jahrgangs 2003 ist überwiegend schon von anspringender Präsenz, Frucht und Duftigkeit. Die großen Gewächse kommen überwiegend erst im Herbst, doch das Angebot einfacherer Qualitäten ist bereits groß. Aber was heißt schon einfach bei einem Riesling wie dem 2003er Riesling trocken „Silk“ des rheinhessischen Gutes Freiherr Heyl zu Herrnsheim ? Dieser nach den Richtlinien der EU-Bio-Verordnung erzeugte Wein von den „rotliegenden“ Böden der Rheinfront wurde halb in Edelstahl und halb in alten Fässern ausgebaut. Die seidige Eleganz, die der Name der neuen Serie verspricht, ist bereits in angenehmem Maß vorhanden. Pralle Aromen von Aprikosen und weißen Pfirsichen, lebendige Säure, dezente Fruchtsüße, volle Intensität bei wenig Alkohol: Trotz des bescheidenen Preises zeigt er individuellen Charakter, spiegelt das Terroir seiner Entstehung und dürfte damit ein schlagendes Argument gegen all jene Weinfreunde sein, die fest glauben, mit Geiz-ist-geil-Weinchen von Aldidl&Co. ein besonderes Geschäft zu machen. Dieser Wein kostet 5,80 Euro in der Enoteca Blanck in der Ludwigkirchstraße 11 in Wilmersdorf und bei Karstadt in der Steglitzer Schlossstraße.

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