Zeitung Heute : Weinen, Beten, Hoffen

Wie in Japan auf die Geiselnahme reagiert wird

Henrik Bork[Tokio]

Die drei entführten Japaner hocken mit verbundenen Augen auf der Erde, bewacht von schwer bewaffneten islamischen Rebellen. Immer wieder werden diese Bilder im japanischen Fernsehen wiederholt. „Feige“ hat Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi die Entführer genannt. Er hat auch erklärt, ein Abzug der japanischen Truppen aus dem Irak komme nicht in Frage. Doch die Fernsehbilder und die schrecklichen Drohungen gegen die drei setzen seine Regierung derzeit massiv unter Druck.

Die 34-jährige Nahoko Takato, Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, der 32-jährige Fotojournalist Soichiro Koriyama und Noriaki Imai, ein 18-jähriger Gegner des Irakkrieges, sind kurz nach ihrer Einreise in den Irak entführt worden. Die Geiselnehmer der bisher unbekannten „Mudschaheddin-Brigaden“ haben Informationen des arabischen TV-Senders El Dschasira zufolge gedroht, ihre Opfer „bei lebendigem Leib“ zu verbrennen, falls Japan nicht innerhalb von drei Tagen seine Truppen aus dem Irak abziehe. „Ich denke nicht, dass sie gerettet werden können, wenn die Regierung nicht den Abzug der Truppen erwägt“, sagte die weinende Mutter des 18-Jährigen, die 51-jährige Naoko Imai. Mehrere Angehörige der Entführten hatten in Tokio die japanische Außenministerin Yoriko Kawaguchi getroffen. „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass mein Kind bei lebendigem Leib verbrannt wird“, sagte die Mutter des 32-jährigen Fotojournalisten, Kimiko Ko-riyama. Sie hoffe, die Iraker hörten ihr Flehen, fügte sie hinzu.

Die Außenministerin erklärte, ihre Regierung werde alles unternehmen, was zur Freilassung der Geiseln führen könnte. In Wirklichkeit aber scheint die japanische Regierung eher ratlos zu sein, wie das zu bewerkstelligen sei. Man habe nicht einmal Kontakt zu den Entführern, hieß es in Tokioter Regierungskreisen. Medienberichten zufolge erwägt die Regierung, über örtliche Fernsehsender auf Arabisch für die Freilassung der Geiseln zu plädieren. Den Abzug japanischer Truppen haben erst Regierungssprecher Yasuo Fukuda und dann Koizumi selbst ausgeschlossen. „Wir können nicht den feigen Drohungen von Terroristen nachgeben“, sagte Koizumi, der eine Krisensitzung seines Kabinetts einberief. „Wir wissen nicht, wer diese Gruppe ist. Wir müssen nun genaue Informationen sammeln und die Geiseln sicher nach Hause bringen“, sagte der Ministerpräsident.

Koizumi hatte die Entsendung von 1100 Soldaten in den Süden des Irak gegen erhebliche Bedenken in der Bevölkerung durchgesetzt. Er hatte diesen größten und gefährlichsten Militäreinsatz seines Landes seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Bündnistreue zu den USA und als notwendig für Japans Ölversorgung begründet. Bisher haben die Japaner diese Erklärungen widerstrebend akzeptiert. Bereits am Mittwoch waren die Gefahren des Einsatzes deutlich geworden, als Unbekannte das japanische Truppenlager nahe der irakischen Stadt Samawah mit Mörsern beschossen hatten. Sie hatten ihr Ziel um wenige hundert Meter verfehlt.

Auch jetzt noch, nach Beginn der Entführungskrise, sind die Meinungen geteilt. Manche Japaner, von Reportern auf der Straße interviewt, halten einen Truppenabzug für die falsche Antwort. „Wir haben viel Geld für diesen humanitären Einsatz im Irak bezahlt. Die Soldaten sollten erst nach Hause kommen, wenn ihr Auftrag erfüllt ist“, sagte ein Passant dem Fernsehsender CNN. Doch eine kleine Gruppe von Demonstranten forderte im japanischen Regierungsviertel lautstark den Rückzug der Truppen. Die Angehörigen der drei Entführten kämpfen unterdessen vor laufenden Kameras gegen ihre Verzweiflung. „Ich bete dafür, dass mein Sohn heil zurückkommt“, sagt Takashi Imai, der Vater der 18-jährigen Geisel.

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