Weinparadies : Österreichische Gasthauskultur am holsteinischen See

Gerhard Retter, der ehemalige Maître im "Lorenz Adlon", hat in Lütjensee ein kleines Weinparadies geschaffen

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Die Chefin: Claudia Retter hat das Haus von ihren Eltern übernommen.

Österreichischer Wein in Schleswig-Holstein? Das klingt wie Weißwurst in Marokko. Fangen wir also ganz von vorn an, im Jahr 2004, als Gerhard Retter, ein international erfahrener österreichischer Restaurantleiter, seinem Chef Heinz Hanner in Mayerling im Wienerwald die Kündigung überreichte: Das Adlon in Berlin hatte ihn als Maître fürs „Lorenz Adlon“ eingestellt. Dort brillierte er mit Charme und Vielsprachigkeit, und er vergaß nicht, die Präsenz des österreichischen Weins auf der eher traditionslastigen Karte deutlich zu verstärken. Wenn ein Gast ihm die Wahl der Weine zu den Gängen überließ, konnte er sicher sein, dass ein Parade-Schluck dabei sein würde, ein burgenländischer „Goldberg“ vielleicht – oder ein Über-Wachauer von F. X. Pichler? Der Erfolg: „Oberkellner des Jahres 2006“ im deutschen Gault-Millau, dazu eine Lawine anderer Auszeichnungen.

Der zweite Teil der Geschichte ist der Teil von Claudia Albrecht, einer jungen Sommeliere, die aus Holstein stammt, aber nach Stationen in Hamburg ebenfalls in Berlin arbeitete, im Steigenberger, im Ritz-Carlton, später auch im „Vau“. Auch sie entdeckte bei dieser Arbeit die Qualitäten der österreichischen Winzer. Um die Sache abzukürzen: Seit kurzem heißt sie Retter – und arbeitet mit ihrem Mann seit Jahresbeginn hart daran, die „Fischerklause“ im holsteinischen Lütjensee, das seit 90 Jahren im Besitz ihrer Familie befindliche Gasthaus, fit zu machen für die nächste Generation. Und für die übernächste gleich mit: Töchterchen Elisa Maria, knapp drei Monate alt, hat sich bei den Stammgästen in kurzer Zeit bekannt und beliebt gemacht.

Die Fischerklause, ein Gasthaus in paradiesisch ruhiger Seelage mit bislang biederem 80er-Jahre-Charme, wurde nun aber klugerweise nicht zum Adlon am See mit 300-Euro-Suiten umgebaut. Sondern zu etwas viel Seltenerem: einem modernen Landgasthaus mit guter, aber nicht überzogen ambitionierter und deshalb bezahlbarer Küche. Wer ein Wiener Schnitzel will, der bekommt es, kompetent zubereitet, aber der Höhepunkt sind zweifellos die Fische aus dem See vor der Tür: ein makellos knusprig gebackenes Hechtfilet, hübsch traditionell mit wunderbarem Gurkensalat, Kartoffeln und zerlassener Butter angerichtet, kostet 18 Euro. Viele Gäste haben sich inzwischen aber davon überzeugen lassen, dass Küchenchef Sebastian Sülberg auch eine kräftig abgeschmeckte thailändische Kokossuppe mit Curry hinbekommt.

Beim Wein liegen die Dinge etwas anders. Denn die Retters haben vorsichtig zwei Weinkarten aufgelegt, eine kleine, überschaubare. „Die andere Karte zeigen wir nur mit Vorwarnung“, scherzt Retter, ihr Inhalt könnte zu viel sein für arglose Gäste, die sich vom mächtigen Umfang und von vierstelligen Preisen für bestimmte Raritäten verstören lassen. „Man versteht beim Lesen“, sagt er, „warum es bei mir nie zu einem eigenen Auto gereicht hat.“ Nicht nur, dass der Adel von Burgund und Bordeaux, von Richebourg bis Chateau Margaux in legendären Jahrgängen vertreten ist, dass rare Weine von Kultwinzern wie Daniel Gantenbein auftauchen, 97er Grange und 2000er Petrus sowieso, und sogar Exoten wie die Kalifornier, die der Exil-Österreicher Manfred Krankl unter der Marke „Sine qua non“ komponiert. Sondern es ist auch der österreichische Weinbau in ganzer Breite und zu zivil kalkulierten Preisen im Angebot.

Wachau, Kamptal, das ist in gehobenen deutschen Restaurants ja schon Standard, hier reicht der Blick weiter: Steirer Sauvignons von Tement, Neumeister, Ploder-Rosenberg, Rotgipfler aus der Thermenregion von Alphart, große Rote wie den „Perwolff“ von Krutzler oder den „Haideboden“ von Umathum. Die Qualitäten des Hauses haben sich schnell zumindest bis Hamburg herumgesprochen: Ostern war auch mit Gewalt kein Platz mehr zu bekommen, Pfingsten wird es nicht anders sein. Aber vielleicht einfach mal zwischendurch? Eine angenehmere Etappe auf dem Weg nach Norden ist kaum denkbar. Und warum soll der Sylt-Fan unterwegs nicht etwas österreichisches Lebensgefühl tanken? bm

Die Fischerklause befindet sich in Lütjensee, Am See 1, Tel. (04154) 79 22 00, www.fischerklause-luetjensee.de, geöffnet täglich außer Do ab 12 Uhr. 15 Zimmer, 78 bis 93 Euro inkl. Frühstück. Anfahrt: Autobahn Berlin-Hamburg, Ausfahrt Schwarzenbek, von dort ca. 10 Kilometer

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