Zeitung Heute : Weiße Stadt am Meer Schwarzen

Palmen, Strände, Zitronenbäume: Suchumi war der Luxus-Badeort des Sowjetreichs. Doch Abchasiens Weg in die Unabhängigkeit brachte seiner Hauptstadt Krieg und Isolation. Nun ist Suchumi Zentrum eines neuen Ost-West-Konflikts. Ein Besuch.

Jürgen Gottschlich

Immer wenn Ritsa im Ausland war, schrieb ihre Mutter ihr in langen E-Mails, wie sehr sich alles wandele, wie viel besser es nun in Suchumi sei, ihrer Heimat. Und immer wenn Ritsa zurückkam aus New York oder aus dem Sudan, suchte sie diese Veränderung vergebens. Meistens fand sie nicht mehr als den frisch gestrichenen Fensterrahmen eines Nachbarhauses.

Ritsa, 30 Jahre, eine kleine temperamentvolle Frau aus dem Logistikteam der UN in Suchumi, steht an der Strandpromenade und blinzelt in die Sonne. Früher, sagt sie, sah man die weißen Fassaden der Stadt noch weit draußen auf dem Meer. Heute sieht Ritsa ein marodes Anlegeterminal, rostige Landungsbrücken, rußige Fassaden. Vor dem ausgebrannten „Grand Hotel Abchasien“, einer Mischung aus stalinistischem Zuckerbäckerstil und Klassizismus, recken Palmen die verkohlten Stämme in den Himmel.

Suchumi war einst Mittelpunkt der „Côte d’Azur der Sowjetunion“, gerühmt als schönste Stadt am Schwarzen Meer. Schachbrettartig legten die Planer des Zaren die Stadt an, die meisten Häuser sind kleine Gartenvillen. Stalin, Chruschtschow, Gorbatschow und die sowjetische Prominenz hatten hier ihre Sommerresidenzen. Stalin, in Georgien geboren, soll allein fünf Datschen in Abchasien gehabt haben. Eine der größten steht in Suchumi, mitten in einem Park direkt am Strand. Wie damals ist die Villa auch heute schwer bewacht: An den drei Zufahrten stehen Posten mit Maschinengewehren, weil jetzt der abchasische Präsident dort seinen Privathaushalt eingerichtet hat. Fotografieren streng verboten.

Suchumi ist das Opfer eines Bruderkrieges, der in den Wirren der Auflösung der UdSSR zwischen Georgiern und Abchasen stattfand. Und der bis heute, 15 Jahre später, das Leben in Suchumi bestimmt. Die Stadt wirkt ausgestorben, auf dem Markt und der Promenade fehlt das Gedrängel, das an diesen Plätzen zu erwarten wäre. Vor dem Grand-Hotel, unter einem Triumphbogen, der den einstigen Prachtboulevard Suchumis architektonisch vollendete, spielen alte Männer Schach. In ihrer Ruhe, die gleichzeitig eine gewisse Resignation ausstrahlt, sind sie ein Sinnbild der Melancholie, die von Suchumi heute ausgeht.

Ritsa kann sich gut an den Ausbruch des Krieges erinnern. Es war mitten im Juli 1992, als georgische Kampfhubschrauber auftauchten und ohne Vorwarnung begannen, auf die Menschen zu feuern, die am Strand lagen. Schon zwei Jahre lang, seit Georgien sich nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einem unabhängigen Staat erklärt hatte, gärte es zwischen Abchasen und Georgiern: Denn Abchasien wollte ebenfalls die Gelegenheit nutzen, um sich von georgischer Vorherrschaft zu befreien. Als das abchasische Parlament im Juni 1992 offiziell für eine Loslösung von Georgien votierte, ließ der damalige georgische Präsident Eduard Schewardnadse die Nationalgarde einmarschieren. „Es waren viele Touristen da, die Strände waren voll“, sagt Ritsa. Nur mit Badehosen bekleidet seien die Leute in Panik oder bereits verletzt in die Häuser hinter dem Strand gerannt, um Schutz zu finden.

Zwölf Monate später war der Krieg vorbei, mit Unterstützung von Russland und Milizverbänden aus dem Nordkaukasus hatten die Abchasen gesiegt. Und wurden mit einer Blockade bestraft: 15 Jahre, davon fünf in totaler Isolation, weil auch die Russen die Grenze geschlossen hielten. Vor ihnen das Meer, hinter ihnen der Hohe Kaukasus, rechts und links alles dicht – viele seien depressiv geworden, erzählt Ritsa. Da sie häufig im Ausland ist, hat sie nicht den Tunnelblick vieler Abchasen, die sich zu Unrecht beschuldigt fühlen. Doch auch sie registriert immer wieder, dass der Westen auf Abchasien durch die georgische Brille schaut. „Ständig werde ich gefragt, was mit den georgischen Flüchtlingen sei, die aus Abchasien vertrieben wurden.“ sagt sie, „aber niemand fragt, wer den Krieg begonnen hat.“

Die Blockade und die ethnische Säuberung der georgischen Bevölkerung, die immerhin die Hälfte der Bewohner ausmachte, haben Suchumi in eine Geisterstadt verwandelt. Wunderschön ist sie immer noch: Der Hohe Kaukasus schützt den schmalen Küstenstreifen vor Nordwinden, das subtropische Klima lässt die Stadt wie einen verwilderten Garten aussehen. Palmen säumen die verlassenen Boulevards, aus Fensterhöhlen wachsen Feigenbäume, in den Hügeln über der Stadt überwuchern violette Bougainvillea und Bambussträucher die Villen der früheren sowjetischen Bourgeoisie.

Am schönsten Boulevard, der vom Meer bis zu den Ausläufern der Berge Suchumi teilt, im Mittelpunkt der Stadt, liegt der Botanische Garten. Ihm schadet die mangelnde Pflege wenig, vom kalifornischen Riesenbaum Sequoia Taxodiaceae bis zu japanischen Orchideen findet hier alles einen Platz. Und wenn auch in der Stadt die Stromversorgung immer mal wieder zusammenbricht, der öffentliche Nahverkehr kaum funktioniert – der Ticketschalter des Botanischen Gartens ist besetzt. Selbst an einem Wochentag passieren Großfamilien das Tor zu ihrem Stadtgarten.

15 Jahre Isolation bedeuteten für Suchumi 15 Jahre Stagnation. Der Konflikt war eingefroren, wie die Diplomaten sagen. Als Spielball einer neuen geopolitischen Entwicklung wird er nun wieder aufgetaut: Abchasien ist zur Pufferzone zwischen den USA und Russland geworden. Die USA haben Georgien aufgerüstet und wollen das Land in die Nato holen. Russland hat dagegen seine Truppen in Abchasien aufgestockt und die De-facto-Regierung der früheren georgischen Provinz aufgewertet, indem sie ihr eine engere Zusammenarbeit angeboten hat. Damit wurde die Waffenstillstandslinie zwischen Abchasien und Georgien, die von der UN und russischen Friedenstruppen überwacht wird, plötzlich wieder zu einer Grenze, die an die ehemalige Demarkationslinie des Kalten Krieges erinnert.

In Suchumi sind russische Truppen überall präsent. Mit ihren tellerförmigen Uniformmützen unterscheiden sie sich von den abchasischen Truppen, die mit ihren Transportern auch ständig durch die Stadt donnern. Die Russen wirken nicht wie eine Besatzungsarmee, sondern als gehörten sie selbstverständlich dazu: Sie schlendern über den Markt, sitzen im Café an der Promenade und belegen das einzig intakt gebliebene ehemalige Hotel San Remo samt Park, der allerdings auch für Abchasen mit guten Kontakten zugänglich ist. Wo immer man in Suchumi hinkommt, die Russen sind schon da. Sie reparieren Eisenbahnlinien und Straßen, und an den wenigen Plätzen, an denen gebaut wird, kann man sich sicher sein, dass russische Investoren ihre Hand im Spiel haben.

Einer von ihnen ist Andrej Zajtsew, russischer „Buisnesmeni“ mit schwarzem Hemd, schwarzer Jeans und einem japanischen Luxus-SUV vor der Tür. Vor der Ruine eines ehemaligen Kaufhauses, die er demnächst an einen Investor aus Moskau verkaufen will, analysiert er kühl die Zukunftsperspektive Abchasiens. Statt Verfall sieht er in Suchumi Potenzial. Vor ein paar Jahren habe man die Autos in den Straßen an einer Hand abzählen können, „jetzt gibt es hier fast Verkehrsstaus“. Zurzeit verhandelt er mit der Regierung über ein mehrere hundert Hektar großes Stück Land etwas außerhalb direkt am Strand. In ein paar Jahren sei Suchumi wieder ein großes Ferienparadies, „vielleicht noch besser als zu Sowjetzeiten“. Er ist sich sicher, dass Abchasien nicht mehr unter georgische Kontrolle kommen wird. „Die Zeit dafür ist vorbei“. Was die neue Zeit bringen könnte, das sagt Andrej Zajtsew nicht. Aber viele Abchasen fürchten, dass ihr Unabhängigkeitskrieg gegen Georgien darauf hinauslaufen könnte, vom Großen Bruder einverleibt zu werden.

Es wäre eine fast zynische Ironie der Geschichte, wenn der Bruderkrieg dazu führen würde, die sowjetische Zustände wiederherzustellen. Denn wie in Tschetschenien oder Bergkarabach wurde der abchasische Sezessionskrieg mit einer unglaublichen Brutalität geführt. Nachbarn gingen sich gegenseitig an die Gurgel, georgische Kriminelle zogen mordend und brandschatzend durch das Land, abchasische und tschetschenische Milizen verübten ein Massaker an den Georgiern in Suchumi mit dem Ziel, die Georgier vollständig zu vertreiben.

Marina, eine dunkelhaarige Frau um die 40, steht in einer weißen Kittelschürze auf dem Markt und verkauft selbst gebackene Brötchen. Die süßlichen Fladen schmecken köstlich, doch Marina wird heute nicht viele los. Sie spricht ein bisschen Deutsch, als Flüchtling lebte sie einige Jahre in Flensburg. Vor 20 Jahren heiratete die Abchasin einen Georgier. Als Familie hier in Suchumi zu leben, Marina schüttelt den Kopf, nein, das ginge nicht mehr. „Sie würden ihn umbringen“, sagt sie leise. In Deutschland wäre sie gern geblieben, aber ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Mann und Sohn leben jetzt in Moskau, Zufluchtsort für viele Abchasier und Georgier, um irgendwie Geld zu verdienen. Doch auch in Moskau ist es angesichts des stetig wachsenden Rassismus gegen Kaukasier nicht gerade leicht, deshalb ist sie zurück und im Haus ihres Bruders untergekommen.

Jeden Tag steht sie auf dem Markt, gemeinsam mit anderen Frauen, die hier die Produkte ihres Gartens anbieten, karge Rationen, die wackelige Tische bedecken, Kartoffeln, Tomaten, Kräuter, Nüsse. Von der Großproduktion von Zitrusfrüchten, mit denen einst die ganze Sowjetunion versorgt wurde, ist nicht viel übrig geblieben. Die wenigen Rubel, die die Marktfrauen hier einnehmen, dürften kaum reichen, die Stromrechnung zu zahlen. Früher zählte die Region durch den Tourismus zu den wohlhabendsten des Sowjetimperiums, heute leben die meisten Abchasen am Rande des Existenzminimums.

Doch es gibt auch Gewinner. Direkt an den ärmlichen Lebensmittelständen vorbei, auf einer Straße, die mehr Schlaglöcher als Asphalt aufweist, rumpelt eine weiße Stretch-Limousine, die aus Los Angeles nach Suchumi gebeamt worden zu sein scheint. 200 Meter weiter biegt sie, gefolgt von hupenden Mercedes und BMW, in eine Gasse ein, an deren Ende sich der Hochzeitssaal für die Reichen und Schönen befindet. Eine große Holzterrasse führt in eine Halle mit holzgetäfelter Decke, vor den Fenstern schließen schwere Stores aus Goldbrokat das Tageslicht aus.

Das Brautpaar gehört zu zwei Großclans, die mit der Regierung eng liiert sind und auch während der Blockade gut verdient haben. Bezeichnenderweise ist der Bräutigam eine führende Persönlichkeit „vom Zoll“, wie ein Gast erzählt. Die Braut arbeitet als Juristin bei der Staatsbank, offenbar eine nützliche Kombination. Da Abchasien international nicht anerkannt ist und Georgien rechtlich keinen Zugriff mehr hat, ist Suchumi ein Schwarzgelddepot für reiche Russen geworden.

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, rund 500 Gäste, auf den langen Tischen stehen kaukasische Gerichte, eine Paste aus Nüssen und Trauben, Fleischplatten, mehrstöckige Torten. Es gibt abchasischen Wein, der wie Heuriger schmeckt, und jede Menge Wodka. An den Tafeln wird die kaukasische Kultur der Trinksprüche gepflegt: Überall halten meist Männer kleine Reden, bevor mit Wodka nachgespült wird. Ein DJ und eine Sängerin wechseln sich ab, erst schallt überwiegend amerikanischer Pop aus den Lautsprechern, bis der Brautvater darauf besteht, dass traditionelle abchasische Folklore erklingen soll. Die Sängerin legt los, die Jungen tanzen.

Nur das Brautpaar nicht: Die Braut, platinblond, schulterfreies weißes Kleid, Perlenkette, steht gemeinsam mit dem Bräutigam während des gesamten Festes auf einem Podium. Damit soll den Gästen Respekt erwiesen werden, erklärt Ailina, Cousine der Braut. An Ailina glänzt alles: das schwarze Kleid, die braunen Haare, der Goldschmuck an Ohren, Fingern, Handgelenk und Hals. Vor wenigen Wochen ist sie aus den USA zurückgekommen, nach einem Jahr College. Aus dem Abchasien, von wo andere Mühe haben, auch nur ins Ausland zu telefonieren, mal eben an eine US-Uni? Nun ja, sie habe natürlich einen russischen Pass. Da abchasische Pässe nirgendwo akzeptiert werden, tauscht man seinen alten sowjetischen Pass in einen russischen ein. Wenn man dann noch reich genug ist, um im benachbarten russischen Badeort Sotschi eine Zweitwohnung zu unterhalten, bekommt man zusätzlich einen Pass für Auslandsreisen. Das Brautpaar wird seine Flitterwochen romantisch in Frankreich verbringen.

Ailina sagt, in den USA hätten ihre Kommilitonen gedacht, als Russin müsse sie doch aus dem kalten Sibirien kommen – Palmen und Zitronen passten da nicht ins Bild. Oder sie hätten gemeint, sie sei aus Georgia, wo die Erdnüsse wachsen. Später, sagt Ailina, bevor sie wieder auf die Tanzfläche geht, will sie Botschafterin werden. Botschafterin eines unabhängigen Abchasien, um die Welt aufklären zu können über das kleine Land zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer.

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