Zeitung Heute : Weiße Wäsche in Schwarze Pumpe

Der Tagesspiegel

Von Sandra Dassler

Schwarze Pumpe. Im Frühling wird den Frauen, die schon länger hier leben, der Unterschied besonders bewusst. „Ist es nicht toll?“, rufen sie sich über den Gartenzaun zu: „Ist es nicht wunderbar?“ Und dann hängen sie ihre Wäsche auf die Leinen zwischen den Bäumen und freuen sich, denn früher hätten sie das nicht gekonnt.

Früher schimmerten auch die Blüten des Magnolienbaums im Garten von Werner Plonka nur kurz nach dem Aufblühen porzellanweiß. Stunden später wurden sie grau wie alles rundum. Heute ist Werner Plonka stolz auf sein Grundstück: auf die langen Reihen sorgsam verschnittener Obstbäume, auf die beiden Goldfischteiche, vor denen sich eine fuchsbraun gescheckte Katze rekelt, auf die liebevoll angeordneten Findlinge, die Jahrtausende lang in der unberührten Erde schliefen, bis der Mensch sie mit riesigen Schaufelradbaggern weckte.

Werner Plonka ist Ortsvorsteher von Schwarze Pumpe. Noch immer glauben viele, der Name stehe lediglich für das in den 50er Jahren errichtete Gaskombinat. Aber Schwarze Pumpe ist ein Dorf, seit 1998 ein Ortsteil der Stadt Spremberg. Und es ist voll von Geschichten, die jeder zu hören bekommt, der ein wenig Muße mitbringt, denn die Einwohner von Schwarze Pumpe haben Zeit. Die meisten sind Rentner oder im Vorruhestand oder arbeitslos. 13 500 Menschen haben hier einst gearbeitet, 2500 sind heute noch in den Nachfolge-Einrichtungen des Kombinats in Lohn und Brot.

„Die Luft ist besser geworden“, sagt Edeltraud Wagner, „früher war selbst der frisch gefallene Schnee nach einigen Stunden kohlschwarz – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Edeltraud Wagner ist vor 67 Jahren genau in der Straße am Ortsrand, in der sie heute noch wohnt, zur Welt gekommen. Natürlich kennt sie die Geschichte über den Namen Schwarze Pumpe. Der hat nämlich nichts mit Kohle, Gas oder Dreck zu tun – sondern mit einem Trick: In der Nähe des heutigen Dorfes soll es zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges eine große Herberge gegeben haben, die als einziges Anwesen von den plündernden und mordenden Landsknechten verschont blieb, weil die Besitzer die Wasserpumpe im Hof schwarz angestrichen haben. Ein todsicheres Abwehrmittel, signalisierte es doch, dass im Ort die Pest grassierte.

Die Findigkeit scheint den Menschen in Schwarze Pumpe über die Jahrhunderte hinweg nicht verloren gegangen zu sein. Als die Mitarbeiter des Gaskombinats 1990 merkten, dass der Wind sich drehte, begannen sie nachzudenken. Vor der deutschen Einheit war ihr Werk der größte Braunkohleveredlungsbetrieb der Welt. 30 Millionen Tonnen Kohle wurden hier jährlich verarbeitet, aus Schwarze Pumpe kamen unter anderem 85 Prozent der gesamten Stadtgas-Produktion der DDR. Braunkohle war der einzige einheimische Rohstoff, auf den die DDR zur Energiegewinnung zurückgreifen konnte. Sie tat es ohne Rücksicht auf Verluste. Dörfer wurden weggebaggert, die Umwelt verpestet. Der typische Pumpe-Gestank drang bis ins 40 Kilometer entfernte Cottbus und manchmal sogar bis nach Berlin. Penetranter Geruch, saurer Regen – ihre Balkons konnten die Menschen in Hoyerswerda oder Spremberg nur selten nutzen. Das Kombinat zahlte den Bewohnern der umliegenden Gemeinden sogar das Geld für die Waschmittel, wenn die Belastung mal wieder extrem war.

Mit der deutschen Einheit drängten andere Energieträger auf den Markt, fast alle industriellen Kunden des Gaskombinats stellten, wenn sie nicht Pleite gingen, in den darauffolgenden Jahren von Stadt- auf Erdgas um, das den doppelten Heizwert hat und umweltfreundlicher ist. Das Ende war absehbar, zehntausend Jobs gingen verloren.

Ein Team von Wissenschaftlern und Ingenieuren suchte nach Alternativen, um einen Teil der Anlagen weiter zu nutzen und Arbeitsplätze zu retten. Eine Idee nahm schnell Gestalt an: Man setzte der Braunkohle immer mehr Abfälle zu – Müll, alte Eisenbahnschwellen, Klärschlamm . . . – und erzeugte damit Methanol, das unter anderem zur Herstellung von Benzin benötigt wird. 1994 war der Versuchsbetrieb abgeschlossen, inzwischen hat sich das einstige Mischungsverhältnis von 95 Prozent Kohle zu fünf Prozent Müll nahezu umgekehrt. Die Behörden erteilten eine Dauergenehmigung, 1995 wurde das Sekundärrohstoff-Verwertungszentrum Schwarze Pumpe (SVZ) gegründet. Die Berliner Wasserbetriebe, die zu der Zeit ihre Geschäftsfelder erweiterten, sahen eine Möglichkeit, ihren Klärschlamm preiswert zu entsorgen. Sie kauften das Werk von der Treuhand und investierten in neue Aufbereitungstechnik. 1997 begann der Dauerbetrieb. Aber das Werk arbeitete mit Verlusten. Zum einen sank der Methanolpreis, zum anderen kam es zu einem Preisverfall auf dem Abfallsektor, weil Mülldeponien in Osteuropa mit Dumpingpreisen Kunden anlockten. Zeitgleich wurde ein Teil der Berliner Wasserbetriebe privatisiert, die Unternehmenspolitik änderte sich, in den 90er Jahren angesiedelte Bereiche wurden separiert. Reduzierung auf das risikoarme Kerngeschäft war angesagt, das SVZ wurde verkauft.

Unter den Beschäftigten in Schwarze Pumpe hieß es bei unpopulären „Maßnahmen“ der DDR-Führung immer nur: „Berlin ist weit“. Aber diesmal hatten die Entscheidungen an der Spree handfeste Folgen für die Belegschaft. „Wir mussten plötzlich alle Englisch lernen“, erzählt eine Sekretärin halb stolz, halb amüsiert. Die neuen Besitzer waren Amerikaner, Mitarbeiter der „Global Energy Inc.“, die auch bald in Schwarze Pumpe ein und aus gingen. Nur den Kaufpreis zahlten sie nie. So hatten die Wasserbetriebe und damit auch deren Mehrheitsaktionär – das Land Berlin – im August des vergangenen Jahres das SVZ mit allen Verbindlichkeiten (Investitionskredite von rund 250 Millionen sowie Betriebsdefizite von etwa 130 Millionen Mark) wieder am Hals. Scheitern die momentan geführten Verkaufsverhandlungen, bleibt dem SVZ, das seinen Firmensitz nach Sachsen verlegte, da 85 Prozent des Betriebsgeländes zum Freistaat gehören, der Konkurs wohl nicht erspart. Entsprechend ist die Stimmung unter den Beschäftigten – gerade, weil sie wissen, dass ihre Anlage spätestens ab 2005 ausgelastet sein wird. Dann droht Berlin und anderen Städten der Müllnotstand, weil eine neue Müllverordnung in Kraft tritt. Die verbietet das Deponieren unbearbeiteter Abfälle, der Müll kann dann nicht mehr wie bisher auf den Deponien entsorgt, sondern muss thermisch behandelt werden. Bis 2005 aber muss das SVZ erst einmal überleben. Sollte es in Berlin oder anderswo eine „Kurzschlusshandlung“ geben, werde man sich zu wehren wissen, sagt der Betriebsratsvorsitzende Reinhard Hipko. Die Belegschaft sei kampfbereit, hoffe aber noch auf eine Lösung.

Und die Einwohner des Dorfes Schwarze Pumpe? Nervt es sie nicht, die Müllkippe der deutschen Hauptstadt zu werden? „Wer das eine will, kann das andere nicht lassen“, sagt Werner Plonka. 354 Arbeitsplätze, dazu noch einmal etwa tausend Jobs bei Zulieferer- und Instandhaltungsunternehmen, Wachdiensten und Cateringfirmen – die kann man nicht wegfallen lassen. Da nimmt man lieber in Kauf, dass es manchmal noch ein wenig nach Chemie riecht. Da verkneift man sich die Sorge, die einen befällt, wenn die mit giftiger Fracht beladenen Lastkraftwagen am Haus vorbeifahren. „Bis jetzt ist ja nichts passiert“, sagt Edeltraud Wagner, „und um die Arbeitsplätze muss man kämpfen. Die Leute sind ja zum Glück klüger geworden. Nach der Wende, als die Tagebaue und Brikettfabriken ringsum Pleite gingen, haben die uns doch total über den Tisch gezogen. 5000 Mark Abfindung hat mein Mann bekommen – für 40 Jahre in der Kohle.“

Zwei Söhne von Edeltraud Wagner arbeiten in den alten Bundesländern, einer in Bochum, der andere in Ludwigshafen. „Viele junge Leute verlassen Pumpe“, sagt die Kellnerin der „Welt“. Auch die Kneipen leiden darunter. Die Gaststätte „Zur Schwarzen Pumpe“ ist geschlossen, ebenso wie das gegenüberliegende Gasthaus „Edelweiß“, wo eine Speisekarte nichtsdestotrotz noch Kräuterschöberlnbrühe und Tafelspitz verspricht.

In der „Schwarzen Pumpe“ soll einst der Aufbaustab für das Braunkohleveredlungskombinat gesessen haben. Hier wurde angeblich beschlossen, dem Werk den Namen der historischen Schwarzen Pumpe zu geben und nicht etwa den von Marx, Lenin oder Ulbricht. Die Genossen vom Aufbaustab sollen zuvor ziemlich viel Wodka konsumiert haben, sagen die Leute im Dorf. Aber das ist wieder eine jener Geschichten, die man in Schwarze Pumpe so gern erzählt.

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