Zeitung Heute : Weiße Weste mit Flecken

TU-Forscher zeigen: Der Mythos von der anständigen Kripo im Dritten Reich stimmt nicht.

Tina Rohowski
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Helfer. Bei einer Razzia im Berliner Stadtbezirk Wedding im Jahr 1933 unterstützen Kriminalbeamte ihre Kollegen der Schutzpolizei....ullstein - ADN - Bildarchiv

Die deutsche Nachkriegszeit prägten viele Mythen über die jüngste Vergangenheit im „Dritten Reich“: Wer kooperierte wie stark mit den Nationalsozialisten oder machte sich mitschuldig am Holocaust? Gab es überhaupt Teile der Gesellschaft, die „anständig“ waren? Wer war, kurz gefasst, Täter oder Mittäter – und wer nicht?

Einer dieser Mythen betrifft die deutsche Kriminalpolizei (Kripo). Im Nachkriegsdeutschland galt: Die Kripo-Beamten waren, anders als etwa ihre Kollegen von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), nicht in nationalsozialistische Verbrechen verwickelt. Ob diese Annahme der Realität entspricht, untersuchen die Berliner Historiker Jens Dobler und Herbert Reinke vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Ihre Studie, die mit Drittmitteln der Thyssen-Stiftung finanziert wird, zeigt, wie sehr die Kripo zum Funktionieren der Diktatur beitrug und welches Selbstverständnis die Kriminalbeamten während und nach der NS-Zeit pflegten.

„Einen großen Personalaustausch gab es zwar 1933 bei der Kripo nicht“, sagt Dobler. Das heiße aber nicht, dass die Beamten dort jeder „Gleichschaltung“ entgangen seien: Unliebsame Spitzenkräfte waren bereits in den Jahren vor 1933 ausgetauscht worden. Viele jüdische und kommunistische Beamte beschäftigte die Kripo schon damals nicht. Im Jahr der Machtübernahme fanden mehrere Verfahren gegen Beamte statt, denen man Korruption vorwarf. „Nicht immer lässt sich in den Akten nachvollziehen, ob dabei kritische Beamte kaltgestellt wurden oder ob an den Vorwürfen etwas dran war“, sagt Dobler. Einige Versuche der Anbiederung an die Nationalsozialisten finden sich in den Unterlagen. Überhaupt müsse man von einem „vorauseilendem Gehorsam“ der Polizisten ausgehen. Denn: Wer die ersten Umstrukturierungen der Kripo 1933 überstand, war lange nicht vor weiteren Entlassungsschüben bis zum Kriegsbeginn gefeit. Insgesamt wurden weniger als fünf Prozent der Beamten ausgetauscht, schätzen die Historiker. Das sei nicht viel mehr als in vergleichbaren Berufsgruppen, beispielsweise bei Pädagogen oder Justizbeamten.

Die Kripo beteiligte sich an illegalen Maßnahmen der Nationalsozialisten, nachdem Ende 1933 der „Erlass für vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ in Kraft trat. Straftäter, darunter auch Taschendiebe oder Glücksspieler, konnten nun nach einer Sicherungsverwahrung als „Berufsverbrecher“ und „Vorbeugehäftlinge“ in Konzentrationslager gebracht werden. Ebenso wurde mit „Asozialen“ und Homosexuellen verfahren.

1937 wurde die Richtlinie verschärft. „Danach ging es massenhaft ins KZ“, sagt Dobler. Man müsse von mindestens 100 000 Fällen ausgehen. Eine Möglichkeit, einen Anwalt einzuschalten oder Einspruch zu erheben, gab es für die Häftlinge nicht. Die beiden Historiker sind zugleich auf Fälle von Rechtsstaatlichkeit gestoßen, an denen sich aber auch die „Perfidie des Regimes“ zeige, wie Dobler sagt. Beispielsweise gab es nach den Pogromen in der Reichskristallnacht 1938 sehr wohl Anzeigen gegen Randalierer, die jüdische Geschäfte verwüstet und geplündert hatten. Diesen Anzeigen ging die Kripo mit den üblichen Methoden nach; auch zu Verurteilungen kam es.

Ebenso gab es bis in die Kriegsjahre hinein Fälle, in denen Anklagen gegen Juden oder Sozialdemokraten fallengelassen wurden, wenn die Ermittlungen nichts ergaben. „Man kann nicht von einem schwarz-weißen Alltag ausgehen“, fasst Dobler zusammen. Das Regime wollte nach außen den Schein von Rechtsstaatlichkeit wahren und nach innen die Bevölkerung disziplinieren.

Nach dem Krieg wurden offiziell alle Beamten, die NSDAP-Mitglieder gewesen waren, entlassen. Tatsächlich aber war die Kripo auch nach 1945 durchsetzt von ehemaligen Parteigenossen. Diese verbreiteten in der Öffentlichkeit, beispielsweise in einer Serie im „Spiegel“ ab 1949, die von Beamten selbst verfasst wurde, das Bild von der stets anständigen Kripo. „Leider fehlen etliche Personalakten, aus denen man genauere Statistiken ableiten könnte“, sagt Dobler.

Es lasse sich aber eine Tendenz erkennen: In der DDR wurde die Entnazifizierung der Kriminalpolizei wahrscheinlich ernster genommen als in der BRD, wo es 1949 sogar den Beschluss gab, ehemalige NSDAPler wieder einzustellen. Bis 1951 kam so eine ganze Welle belasteter Beamter wieder auf hohe Posten. Die Vergangenheit der Kriminalpolizei wurde verschwiegen oder geschönt. Dobler: „Erst seit den 90er Jahren gibt es eine ernsthafte Aufarbeitung.“ Tina Rohowski

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