Zeitung Heute : Weit ab vom Schuss

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Von Hans-Hagen Bremer, Paris

Stoische Gelassenheit war bisher nicht als eine herausragende Eigenschaft von Jacques Chirac bekannt. „Bulldozer“ nannte ihn sein politischer Mentor Georges Pompidou. Valéry Giscard d’Estaing lästerte, er sei immer so aufgeregt. Und noch immer stellen Karikaturisten das herrisch vorgeschobene Kinn in ihren Zeichnungen als sein charakteristisches Kennzeichen dar. Am Sonntag konnten die Franzosen ihren Präsidenten als eine andere Person erleben, als einen in sich ruhenden Politiker, der wie ein Vater der Nation über allem steht und den anscheinend nichts aus der Bahn werfen kann, auch nicht ein Attentatsversuch auf seine Person.

„Ah bon“, sagte Chirac bloß, als ihn Innenminister Nicolas Sarkozy am Mittag des 14.Juli per Autotelefon während der Fahrt von der Place de la Concorde zu seinem Amtssitz von dem vereitelten Anschlag unterrichtete, dessen Ziel er zwei Stunden vorher bei der Militärparade am Triumphbogen gewesen war. Chirac ließ sich nicht anmerken, was in ihm vorgegangen sein mag, als er das traditionelle Fernsehgespräch zum Nationalfeiertag absolvierte. So unberührt von der Ungeheuerlichkeit wirkte er, dass es offensichtlich keiner der drei Journalisten, die ihn interviewten, wagte, ihn nach dem Zwischenfall zu fragen, der inzwischen bei der Gartenparty im Elysée-Palast in aller Munde war.

Welcher Gefahr der französische Präsident entkommen war, wurde der breiten Öffentlichkeit indes erst im Laufe des späteren Nachmittags richtig klar, nachdem die von den Fernsehkameras aufgezeichnete Szene eingehend analysiert worden war. Ein Schuss ist deutlich in dem Augenblick zu hören, in dem der Staatspräsident und General Jean-Jacques Costedoat, der Militärgouverneur von Paris, im offenen Kommandowagen stehend, an der Place de l’Etoile in die Champs-Elysées einbiegen. Das Echo schallt von den Gebäuden zurück, weshalb Zeugen später von zwei Schüssen sprechen. Doch weder Chirac noch der General an seiner Seite bemerken etwas, auch nicht die Gendarmen, die ihr Fahrzeug begleiten.

„Ich wollte den Präsidenten töten und mich anschließend selbst umbringen“, hat der Attentäter, der 25-jährige Student Maxime Brunerie, später im Polizeiverhör erklärt. Seine Aussagen erschienen zunächst widersprüchlich, seine Tötungsabsicht eher zweifelhaft. Der Karabiner 22 Long Rifle, den er in einem Gitarrenkasten verborgen mitgebracht hatte und in dessen Magazin sich nach seiner Festnahme noch fünf Kugeln befanden, gilt bei Experten wegen der begrenzten Zielgenauigkeit nicht gerade als die typische Waffe eines Attentäters. „Wir haben es mit einem Amateur zu tun“, hieß es zunächst, „vielleicht auch mit einem geistig Gestörten.“ Vorsichtshalber wurde Brunerie nach der Vernehmung in die psychiatrische Abteilung der Pariser Polizeipräfektur zur weiteren Beobachtung eingewiesen.

Die ersten Ermittlungsergebnisse ergaben, dass es sich bei Brunerie um einen Einzelgänger handelt. Er wird der rechtsradikalen Szene rechts von Le Pens Nationaler Front zugerechnet. Der junge Mann ist Student und wohnt noch bei seinen Eltern in Courcouronnes, einem Ort im Département Essone südlich von Paris. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Fahrer; er ist nicht vorbestraft. 1997 wurde er in den Reihen der PNFE gesichtet, einer ultrarechten Gruppe von Braunhemden, die jedes Jahr Hitlers Geburtstag feiert. Später zog es ihn in den Dunstkreis der GUD, einer extremistischen Studentengruppe, die bei Kundgebungen der Nationalen Front oft den Ordnungsdienst stellte. Zuletzt wurde er in deren Nachfolgeorganisation „Unité radicale“ ausgemacht, einer als rassistisch verschrienen Gruppe, die sich auf die Seite des von Le Pen abgefallenen Bruno Mégret und dessen Splitterpartei MNR schlug. Auf deren Listen kandidierte Brunerie bei den Kommunalwahlen 2001 im 18. Pariser Arrondisssement. Von seinen politischen Umtrieben war den Nachbarn in seinem Wohnort nichts bekannt. Das Einzige, was ihnen an dem freundlichen, etwas verschlossenen Studenten – kurz geschnittenes Haar, dunkler Blouson, Jeans und Turnschuhe – auffiel, war seine laute Begeisterung für den Pariser Fußballklub PSG.

Seine Tat hatte er nach den Erkenntnissen der Ermittler mit Bedacht vorbereitet. Den Karabiner kaufte er am 6.Juli ganz legal im Handel. Gegenüber einigen Freunden soll er offen von seinem Plan gesprochen haben. Die aber nahmen ihn offenbar nicht sonderlich ernst. Andere informierte er übers Internet, sie sollten am Sonntag ihre Fernseher einschalten.

Dass es nicht zur Katastrophe kam, ist geistesgegenwärtigen Zuschauern zu verdanken. „Zwei bis drei Meter vor mir sah ich einen Mann, der auf den Präsidenten zielte“, berichtete Mohamed Chelali, ein kanadischer Tourist. Zusammen mit zwei anderen überwältigte er Brunerie, der den Lauf des Karabiners auf sich zu richten und einen zweiten Schuss auf sich selbst abzugeben versucht habe, bis die Polizei ihn zu Boden werfen und entwaffnen konnte.

Natürlich hat der Vorfall in Frankreich sofort zur einer Debatte über die Sicherheit von Politikern geführt. Präsident Chirac wird von einem Sonderkommando der Polizei und der Gendarmerie bewacht. Dennoch kann offenbar auch ein Kordon von Leibwächtern keine absolute Sicherheit garantieren. „Attentate sind das Risiko aller Staatschefs“, sagt der Historiker Max Gallo, der sich an den Anschlag erinnert sieht, mit dem ein rechtsextremistischer Offizier 1962 de Gaulle zu ermorden versuchte.

Der General, der im Übrigen mehrmals das Ziel von Attentätern war, ertrug dieses Schicksal mit einem gewissen Phlegma, das ihm aus dem Bewusstsein seiner historischen Größe zu eigen war. Auch Chirac erlebt seit seiner Wiederwahl das Gefühl, einen historischen Auftrag erhalten zu haben. „Ich muss eine Seite im Buch der Gechichte schreiben“, vertraute er kürzlich einem Besucher an. Er sei nicht mehr derselbe wie früher, berichtete ein anderer, er wirke ernst und abgehoben. Das würde auch seine stoische Reaktion vom Sonntag erklären.

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