Zeitung Heute : Weite Wege, kurze Drähte

Brandenburg ist keine E-Learning-Provinz mehr

Thorsten Metzner

Ein Land setzt auf Schulunterricht via Internet. „Wir wollen die E-Learning-Angebote in den nächsten Jahren systematisch ausbauen“, sagt der Potsdamer Bildungsstaatssekretär Burkhard Jungkamp. Es ist vor allem der Rückgang der Schülerzahlen, der das dünn besiedelte Flächenland Brandenburg zu solchen Lösungen zwingt. Über Online-Unterricht, so Jungkamp, wolle man an kleinen Schulen in den Berlin fernen ländlichen Regionen „zusätzliche attraktive Fächer anbieten“, was regulär sonst nicht möglich wäre. Aber auch für die Begabtenförderung sei E-Learning ein geeignetes zusätzliches Instrument.

Was wie ein Wunschtraum klingt, hat an der Potsdamer Lenné-Schule schon den Praxistest bestanden. Seit drei Jahren läuft an der Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe ein landesweites Pilotprojekt, entwickelt mit dem Cornelsen-Verlag. „Klappt gut“, sagt Lehrerin Undine Braun, die an der Lenné-Schule auch „leibhaftig“ unterrichtet. Sie betreut im Fach Rechtskunde via Internet einen weiteren Kursus in der zwölften Klasse – einmal wöchentlich. Jeden Montagabend sitzt ein Dutzend Schüler in Nauen, Rathenow, Belzig und anderswo in Brandenburg an den heimischen Computern, auf dem Kopf das Headset, auf dem Tisch das Bürgerliche Gesetzbuch. Alle loggen sich zur selben Zeit ein. Es werden juristische Fallbeispiele durchgesprochen oder schriftlich gelöst. Es gibt Hausaufgaben und Leistungskontrollen. Und: Die Noten zählen fürs Abizeugnis.

Das Interesse ist groß, größer, als der Kursus es abdecken kann. Nun soll er ausgeweitet werden: Ab nächstem Jahr sollen sich Schüler aus dem ganzen Land bewerben können. Anwärter sind etwa Gymnasiasten, die Jura oder Betriebswirtschaft studieren wollen, an deren Schulen das Fach Recht aber nicht angeboten wird. Undine Braun ist überzeugt, dass Online-Unterricht auch für andere rare Fächer geeignet ist, etwa Psychologie oder Sozialwissenschaften. „Gerade für Schulen in entfernten Regionen.“ So sieht man es auch im Brandenburger Bildungsministerium und im Ludwigsfelder Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum), das für die inhaltliche und technische Absicherung zuständig ist. Doch Online-Lernen wird die klassische Schule nicht ersetzen können, sagt Staatssekretär Jungkamp.

Brandenburg ist keine E-Learning-Provinz mehr. Ein Blick auf den Bildungsserver genügt: Da werden virtuelle Fortbildungskurse für Lehrer in Russisch und Englisch angeboten. Unter Federführung von Lisum läuft gemeinsam mit IBM das Projekt „Onlife“, bei dem, ebenfalls über Online-Plattformen, 100 Lehrer im Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern weitergebildet werden. Auch rund 400 Lehrer, die ab 2007/2008 in neuen „Begabungsklassen“ an den märkischen Gymnasien unterrichten, sollen so geschult werden. Und 150 Verwaltungs-Azubis, die im öffentlichen Dienst eine Lehre absolvieren, erhalten ihren Unterricht in Rechnungswesen einmal wöchentlich per Internet – während sie in einem Rathaus oder einer anderen Behörde am Computer sitzen. Dann sind da noch die lokalen Initiativen: So offerieren das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium Königs-Wusterhausen und das Gymnasium Eichwalde mit örtlichen Volkshochschulen Online-Unterricht in Spanisch.

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