Zeitung Heute : Weite Wege zum Stecker

Für reine Elektroautos sind die USA zu groß.

Hybridautos laufen. Hier wird bei Ford in Michigan eine Batterie geladen. Foto: AFP
Hybridautos laufen. Hier wird bei Ford in Michigan eine Batterie geladen. Foto: AFPFoto: AFP

Die USA gelten als das Land, auf dessen Straßen die gierigsten Spritschlucker und die schmutzigsten Dreckschleudern unterwegs sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Die USA sind auch eine der führenden Nationen, wenn es um alternative Autoantriebe geht. Auf us-amerikanischen Straßen sirren bereits über 70 000 rein elektrische Autos. Zum Vergleich: In Deutschland sind es gerade einmal gut 5000. „Die Amerikaner sind autoverrückt und bereit für Experimente“, sagt Andreas Knie, Forscher am Berliner Innovationszentrum für Mobilität. Und sie sind ehrgeizig: Bis 2015 sollen eine Million nachhaltiger Fahrzeuge im Straßenverkehr unterwegs sein. Dafür gibt es Steuererleichterungen von bis zu 7500 US-Dollar, die Kaufwillige in Anspruch nehmen können, und es gibt sogar Überlegungen, diese Summe heraufzusetzen.

Besonders Hybride haben es den Amerikanern angetan. 70 Prozent aller Hybrid-Fahrzeuge, die im Jahr 2012 gekauft wurden, wechselten in den USA den Besitzer. Auf Platz zwei folgt Japan mit etwa 12 Prozent. Hybridantriebe treffen die Bedürfnisse der Amerikaner besser als reine Elektroautos, der Grund ist die geringere Reichweite der Stromer: Die durchschnittlichen Strecken, die in den USA zurückgelegt werden, sind die längsten auf der Welt – mit Hybriden lässt sich das viel besser bewältigen.

Aber auch das Premium-Stromsegment ist bei ihnen vertreten. Der amerikanische Tesla ist ein reines Elektrofahrzeug, der eine vergleichsweise große Reichweite von knapp 500 Kilometern hat. Sein japanischer Konkurrent Nissan „Leaf“ schafft nur etwa 100 Kilometer. In den kommenden fünf Jahren sollen 1,5 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung fließen, die Batterien leistungsfähiger und günstiger werden.

Doch die Mehrheit der Amerikaner reagiert noch immer recht zurückhaltend auf Fahrzeuge mit anderen Antrieben als dem gewohnten Verbrennungsmotor. Das liegt auch am verfügbaren Angebot. Die us-amerikanischen Distanzen sind zu groß für kleine Fahrzeuge, viele US-Bürger fühlen sich in größeren, robusteren Autos wohler.

Politisch geht besonders der Bundesstaat Kalifornien voran – mit den strengsten Abgas-Auflagen der Welt. Er erließ bereits 1990 ein Gesetz, wonach im Jahr 2003 zehn Prozent aller Fahrzeuge auf kalifornischen Straßen mit Batterien oder Brennstoffzellen betrieben sein müssten. Ziel war, die Luft im bevölkerungsreichsten Bundesstaat sauber zu bekommen.

Sechs Jahre später war General Motors soweit und brachte das erste elektrische Auto auf den Markt. 2010 sollte der Hybrid „Volt“ folgen. Doch seine Markteinführung fiel genau in die Zeit der Autokrise, die die USA zusammen mit der weltweiten Finanzkrise erschütterte. „Mit der Krise kam eine große Kaufzurückhaltung“, sagt Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin. Die Nachfrage fehlte, es lohnte sich für General Motors gar nicht, die Produktionsbänder anlaufen zu lassen. Heute hat sich die amerikanische Autobranche etwas erholt, doch der Volt ist für General Motors in den Hintergrund geraten. Er wird nach wie vor produziert, doch die Stückzahlen sind gering – der Volt ist ein Nischenprodukt. „Er dient eher dazu, die eigene technologische Kompetenz darzustellen“, meint Knie. Inga Höltmann

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