Zeitung Heute : Weitertanzen!

Susanna Nieder

Kann eine Frau, die vor Männern tanzt, emanzipiert sein? Oder müsste sie dazu den Nachtclub besitzen? Hiam Abbass wird ungeduldig. "Die Männer gehören zu unserer Gesellschaft. Was soll das, sie auszugrenzen?" Radikal feministische Einstellungen sind nicht ihre Sache. Was bringt es schon, allein vor dem Spiegel zu tanzen?

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In "Satin Rouge" spielt Hiam Abbass die verwitwete Lilia - eine Frau, die ihre Sinnlichkeit entdeckt. Der kleine, leise Film aus Tunesien war der Publikumserfolg des diesjährigen Forums. Lilia trägt sackartige Kleider, zwirbelt ihre schönen Haare zusammen, wischt Staub, wo keiner liegt. Auf der Suche nach ihrer Tochter gerät sie in einen Nachtclub - und kommt wieder. Probiert eins der glitzernden Bauchtanzkostüme an. Tanzt! Und lebt!

In "Satin Rouge" haben Frauen Produktion, Regie, Kamera und Hauptrolle übernommen. Ein "Frauenprojekt" ist der Film dennoch nicht, darauf bestehen die drei, die nach der Uraufführung im Forumsbüro sitzen: elegant und zurückhaltend Produzentin Dora Bouchoucha, umwerfend schön Abbas Hiam, vergnügt und selbstsicher die 30-jährige Regisseurin Raja Amari.

An ihrem Spielfilmdebüt überrascht vor allem die Selbstständigkeit der Frauen. Dass sie in Tunesien ohne Kopftuch und männliche Begleitung auf die Straße gehen, sogar ohne Mann leben können wie Lilia, hat auch Hiam Abbass erstaunt, die als Palästinenserin in Paris lebt. Raja Amari und Dora Bouchoucha wiederum verkörpern weibliche Unabhängigkeit à la Tunisienne. "Bei uns gibt es nicht wenige Filmregisseurinnen", sagt die Produzentin. Bei einem Beruf, der weltweit von Männern dominiert wird, ist das wirklich erstaunlich.

Die tunesische Filmindustrie ist offenbar auf Frauen eingestellt. Was die Produktion angeht, stieß Dora Bouchoucha auf mehr Kooperationsbereitschaft als der französische Koproduzent, der immer wieder Zweifel an dem Projekt ausräumen musste. "Klar gab es Machtkämpfe bei den Dreharbeiten", erinnert sich Raja Amari. "Manche Schauspieler haben den Väterlichen markiert. Das nervt, aber letztlich kann man Profit daraus ziehen."

Ein politisches Statement will "Satin Rouge" übrigens nicht sein. "Diane Baratier hat gewiss weibliche Sensibilität für das Thema mitgebracht, aber ich hätte auch mit einem Mann gearbeitet." Amari will die Gesellschaft nicht verändern, sondern beobachten. "Bei uns herrscht Umbruchstimmung. Hinter den alten Fassaden spielen sich längst ganz andere Sachen ab."

In ihrem Viertel von Tunis gehen abends die roten Lichter der Cabarets an, die von zahlenden Männern und arbeitenden Frauen frequentiert werden. Neugierig sind aber auch jene, die das Milieu für unmoralisch halten. Im Film werden solche Vorurteile widerlegt. Die Männer stecken den Bauchtänzerinnen Geldscheine in den BH, aber sie bleiben wohlwollend.. Und während die Frauen in "8 femmes" wie die Katzen aufeinander losgehen, stärken sie in "Satin Rouge" einander den Rücken. In einer solchen Umgebung können Frauen wunderbar vor Männern tanzen. Und trotzdem emanzipiert sein.

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