Zeitung Heute : Welche Heimat hat die Elbe?

Sie ist ebenmäßig und unspektakulär, doch jetzt bringt sie Zerstörung und den Tod. Sie ist eine Deutsche, aber nicht nur. Und seit sie ihr Bett verlassen hat, kennt sie auch keine Grenzen mehr zwischen Arm und Reich. Das Porträt eines Flusses

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Von Stefanie Flamm

Ustí nad Labem oder Aussig an der Elbe, Decín oder Tetschen? Ob die Fernsehreporter, die am Mittwochabend an der deutsch-tschechischen Grenze die Katastrophenbilder aus dem Überschwemmungsgebiet kommentierten, sich vorher überlegt haben, welche Ortsn sie wählen sollen? Die von den einen verpönten, von den anderen wie ein Fetisch verehrten alten sudetendeutschen? Die gängigen tschechischen? Nein, sie hatten andere Sorgen und scherten sich ausnahmsweise nicht um die politisch korrekten Sprachregelungen. Sie sagten mal Ustí, mal Aussig. Am Mittwoch achtete niemand auf solche Dinge.

Seitdem die Flutwelle aus der Moldau in die Elbe geschwappt ist und Teile des ehemaligen Sudetenlandes unter Wasser gesetzt hat, zählt auch in dieser von doppelter Tragik durchtränkten Gedächtnislandschaft nur noch die Gegenwart. Die Benesch-Dekrete, die Weigerung der tschechischen Regierung, diese aufzuheben, die wütenden Noten, die deshalb in den letzten Monaten zwischen Berlin und Prag hin- und hergefaxt wurden, der Ärger der Vertriebenenverbände sind lächerliche Anachronismen angesichts der aktuellen Bedrohung. Die einzigen Nachrichten, die jetzt noch wichtig sind, kommen mit dem Fluss. Prag meldet Pegelstände der die Elbe speisenden Moldau nach Ústí, Ústí informiert Dresden, Dresden Mühlberg. Mühlberg warnt Wittenberg, Wittenberg funkt nach Magdeburg, Magdeburg nach Hamburg. Gut 25 Millionen Menschen leben an und mit der Elbe, Tschechen, Ost- und Westdeutsche. Die meisten haben derzeit allen Grund zur Sorge. Das verbindet sie, zumindest für eine verheerende Woche.

Die Naturkatastrophe kennt weder ein Münchner noch ein Schengener Abkommen. Sie weiß nicht, wo Osten war und wo Westen ist. Sie wandert einfach flussabwärts, von Zukunftseuropa, wo die Elbe Labe heißt, durch die ehemalige DDR in die alte Bundesrepublik, von Rübezahls Riesengebirge bis ins Meer. Erst wenn das Wasser Cuxhaven passiert und die Deutsche Bucht vor Helgoland erreicht hat, ist die Gefahr wirklich gebannt.

Wo der Krieg zu Ende ging

Am Donnerstagnachmittag, als der Fluss bei Ústí seinen vorläufigen Höchststand von zwölf Metern erreicht und das Wasser schon im Orchestergraben der Dresdner Semperoper steht, scheint im Brandenburger Landkreis Elbe-Elster die Sonne. Eine schwüle Hitze drückt sich auf die troffnassen Weiden. Auch die Schwarze Elster ist mittlerweile über die Ufer getreten, in fast allen Feldern steht Wasser, in vielen ganze Seen. Bauern, die ihre Ernte noch nicht eingefahren haben, werden das in diesem Jahr auch nicht mehr tun. An der Kleinen Elster, wo die Landwirte schon fleißig waren, ist das Heu längst gemäht, in Ballen geschnürt und in himmelblaue Folie eingeschweißt. Jetzt schwimmen sie wie riesige Gummibälle im Wasser. Am Himmel rotieren die Hubschrauber der Bundeswehr. Und im Radio bittet die Stiftung Denkmalschutz um Spenden für die zerstörte Kunststadt Dresden.

Viele Straßen, die runter zur Elbe führen, sind vorsichtshalber seit dem Vormittag schon gesperrt, manche Städte mit rotem Klebeband von den Verkehrsschildern gestrichen. Nach Mühlberg kommt man nur noch mit Sondergenehmigung der Polizei. Die Kleinstadt, in deren Elbauen die Truppen Karls V. und Moritz von Sachsens 1547 die lutherischen Fürstentümer schlugen, hat es am Vorabend wegen ihres mürben Deiches aus den Geschichtsbüchern in die Tagesschau geschafft. Um 18 Uhr ist die Stadt evakuiert, die meisten Bewohner sind raus. Hinter dem mit Sandsäcken verstärkten Deich wirkt die Elbe wie ein frisch gefluteter Stausee, aus dem einzelne Masten herausragen, so, als wäre hier gerade eine Segelschiffflotte auf Grund gegangen. Naturkatastrophen sind immer auch Naturschauspiele. Am Samstag wird Mühlberg immer noch in der Tagesschau und fast menschenleer sein – und der Deich übergelaufen.

Angesichts der gewaltigen Wassermassen, die hier nach Norden fließen, möchte man nicht glauben, dass die Elbe, anders als der Rhein, stets zu zahm war, um Schicksalsfluss zu werden. Jetzt reißt sie Dörfer mit, macht Menschen obdachlos, sie zerstört Städte und sie tötet. Aber sie hat nie einen Mythos oder einen Gott hervorgebracht, mit dessen Hilfe die Menschen sich ihre Launen erklärt hätten. An der gewöhnlich in friedvolle Wiesen Gebetteten wurde Geschichte und auch Geschichten geschrieben, aber nie über sie, nicht mit ihr.

Die Neuzeit begann in Deutschland mit Luther und Cranach in Wittenberg an der Elbe, der Junker Bismarck, der Deutschland 1871 zur Einheit verdonnerte, lebte an diesem Fluss, bevor er Reichskanzler wurde, das Bauhaus wurde in der Elbestadt Dessau gegründet. Als am 25. April 1945 an der Elbbrücke von Torgau sowjetische und amerikanische Truppen gemeinsam ihren Sieg feierten, wurde der Zweite Weltkrieg quasi hier beendet. Doch die berühmte Brücke zerbrach schon, als die Ufer besetzt waren und die Fronten sich wieder verhärteten.

Wenig später haben die Alliierten Deutschland in andere Besatzungszonen aufgeteilt, aus denen später zwei Staaten wurden. Die obere Elbe, die den Anrainern mit ihrer 15 Kilometer breiten Mündung das Gefühl gibt, an einem Tor zur Welt zu leben, gehörte zum Westen. Die Elbe als Topos, Vorurteil und Metapher aber wurde dem Osten zugeschlagen. Nicht tatsächlich, sondern symbolisch markierte sie wieder das Ende West- oder Alteuropas. An ihr waren einst die Römer umgekehrt, an ihr trafen später die Germanen auf die Slawen. Bis ins 13. Jahrhundert dauerte es schließlich, bis der deutsche Orden das Gebiet zwischen Magdeburg und Oder dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation einverleibt hatte. Doch als „ostelbische Provinz“ blieb es den Kerngebieten fremd, es galt zuerst als rückständig, später als reaktionär. Und nachdem dann unter den Sowjets das Junkerland in Bauernhand geraten war, stand für Bonn endgültig fest: An der mittleren Elbe beginnt Sibirien.

Was an Kulturgeschichte durch den Filter des Kalten Krieges und die brutal bewachte Grenze zu Niedersachsen über den Fluss nach Westen kam, ist schnell aufgezählt: Die Geschichten über Rübezahl und von Karl May, das Meissner Porzellan mit seinen beiden gekreuzten Schwertern, Gropius’ Bauhaus-Freischwinger, wehmütige Erinnerungen an die in unerreichbare Ferne gerückten Kunstschätze Dresdens und an die Schlösser Augusts des Starken. Auch nach dem Krieg haben ein paar Dichter noch pflichtschuldig die unspektakuläre Schönheit der Elbe gelobt. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert pries sie in „Draußen vor der Tür“ sogar als vernunftbegabt. „Deine Handvoll Leben ist mir verdammt zu wenig. Behalt sie“, schimpft die Elbe seinen lebensmüden Kriegsheimkehrer, „ich scheiß auf deinen Selbstmord.“

In ruhigen Zeiten ist die Elbe ein großer, sanfter Strom: für die moderne Binnenschiffahrt die meiste Zeit zu seicht, und um Lebensader oder Freizeitattraktion zu sein, immer noch zu schmutzig. Ihr Name geht auf albus, weiß, zurück. Früher, sagen die Leute aus Mühlberg, sei sie oft schwarz gewesen. Während des Kalten Krieges haben Tschechoslowakei und DDR Schwer- und Buntmetall, Chlorwasserstoff, Phosphat und Nitrat in den dreifach geteilten Strom verklappt, weil sie sicher sein konnten, dass der Dreck irgendwann ohnehin im Westen landen würde. Und bis heute nimmt die Elbe in ihren ersten 415 Kilometern jenseits der Schengengrenze 80 Prozent des Quecksilbers auf, das sie 700 Kilometer weiter unten an die Nordsee wieder abgibt. Wenn jetzt noch Öl aus Prag und der Inhalt sächsischer Tankstellen und Erdgasheizungen hinzukommt, macht das die Sache vielleicht nur wenig schlimmer. Kein Wunder, dass die Umweltminister beider Länder sich wegen des Giftes aus der Chemiefabrik Spolana gelassen geben. Was soll man die Leute noch mehr aufregen?

Die Studie, die Greenpeace hier nach der Wende machte, sagte dem damals schmutzigsten europäischen Strom den baldigen Tod voraus. Ein Jahr später waren die Schadstoffemissionen um die Hälfte gesunken. Seitdem gilt die Wasserqualität als zynischer Gradmesser für den wirtschaftlichen Niedergang des Ostens. Je weniger Arbeit es an der Elbe gibt, desto sauberer ist ihr Wasser.

300 Mühlberger hatten bis Freitag ihre Häuser trotz flehentlicher Bitten des brandenburgischen Ministerpräsidenten nicht verlassen. Sie wollten das, was sie sich trotz allem in den letzten Jahren aufgebaut haben, nicht kampflos dem Wasser übergeben. Wenn der Bundeskanzler abends im Fernsehen von einer „Katastrophe nationalen Ausmaßes“ redet, die Brandenburger für ihre Sandsäcke aber 37 Cent das Stück bezahlen müssen, empört das auch die Menschen die Elbe runter bis nach Pretzsch. Bei ihnen ist es genauso.

Wie gerne sie jetzt Sachsen wären!

Vor der Wende soll es in diesem auf halben Weg zwischen Torgau und Wittenberg gelegenen Dorf außer dem hübschen Barockschlösschen und der Kirche noch ein Kino gegeben haben, sagt ein Junge. Er hält sich ein bisschen abseits von dem Wortgefecht, das seine Kumpels mit der Feuerwehr angezettelt haben. Die Rüpelei ist ihm peinlich. Aber auch er würde zu gerne mit seinem schicken High-Tech-Fahrrad durch die vollkommen überspülte Straße hinter dem Deich brettern. Die Feuerwehr erlaubt es nicht. „Ich war in Regensburg, ich weiß, wie schnell das Wasser steigen kann“, sagt ein hübscher Blonder in roter Uniform. Und als das nichts nutzt: „Kinder, ihr seid besoffen.“ Die Jungs sind nicht besoffen, sie haben nur ein bisschen getrunken. Außer Trinken und Fahrradfahren kann man hier abends nicht viel machen. Alle Bänke mit Sicht aufs Wasser sind von Erwachsenen besetzt. Eine Oma strickt, ein Mann hält eine Bierdose in der Hand. Die anderen blicken einfach stumm staunend auf die Elbe, die auch hier längst ein See ist.

Nur an der Stelle, wo der Damm schon mit Sandsäcken und einer Fuhre Kuhmist verstärkt werden musste, wird es plötzlich laut. Da habe doch einer tatsächlich über Nacht den Mist geklaut, kreischt eine Frau Mitte vierzig. Sie ist barfuß, trägt wirres Haar und ein schmuddeliges graues Baumwollkleid. Gestern sei noch doppelt so viel dagewesen, das wisse sie ganz genau. Wer das wohl war? Dass der sich nicht schäme! „Tja“, entgegnet ein alter Mann mit einer Miene, die zeigen soll, dass er schon lange hier ist und die Menschen kennt. Eine ordentliche Fuhre Mist koste heutzutage 35 Euro, sagt er, 70 Mark seien das, die man da spare, wenn man sie sich beim Deich abhole. Er sieht der Frau bedeutsam in die Augen, damit sie endlich verstehe, wer als Mistdieb in Frage komme. Jedes Dorf hat einen schwarzen Peter, Pretzsch hat derzeit zwei: den armen Bauern, der den Mist klaut, und den Geschäftsführer vom Baumarkt, der mit den Sandsäcken sein Geld macht. Pretzsch liegt in Sachsen-Anhalt. Wie gerne würden die Leute hier jetzt Sachsen sein! Dort spendiert die Regierung nämlich den Privathaushalten die Säcke.

In Torgau war schon ab Donnerstagmittag an allen zentralen Plätzen der Sand abgeladen worden. Die leeren Säcke bekam man bei einer Ausgabestelle der Stadtverwaltung. Die Einwohner mussten sie nur noch vollschaufeln und ordentlich verschnüren. Die letzten diskutieren auf dem großen Parkplatz an der Hauptstraße noch, welche Knoten am besten halten und wie man die Säcke am besten stapelt. Dreißig Stück braucht man für eine Toreinfahrt, und noch einmal dreißig, um die Kellerfenster gegen das Wasser zu schützen, glaubt eine ältere Dame.

Die Altstadt liegt auf dem Schlosshügel. Um die Festung herum wird in der Nacht voraussichtlich nichts passieren. Hier herrscht eine irritierend entspannte Stimmung wie samstags nach dem Einkaufen. In den Restaurants und Lokalen, die noch nicht wegen Hochwassergefahr geschlossen sind, lachen und essen die Menschen. Dresden? Der Kellner im Schlosskeller schüttelt den Kopf. Er lasse sich nicht irre machen. Seit dem Aufstieg Dresdens steht Torgau im Schatten der sächsischen Hauptstadt. Bis ins 18. Jahrhundert immerhin blieb es ein gesellschaftliches Zentrum des Sachsenreiches. Noch 1771 trafen sich im Torgauer Schloss August der Starke, der russische Zar Peter I. mit Gottfried Wilhelm Herder. Jetzt wird es restauriert. Das Wasser aus Dresden erreicht die kleine Schwester und Nebenbuhlerin mit etwa zwölf Stunden Verzögerung. Aber Torgau, das propere, ist gerüstet. Die Straßen sind gefegt, die Sandsäcke ordentlich gestapelt, als gelte es, einen Unsere-Stadt-soll-schöner-werden-Wettbewerb unter Extrembedingungen zu gewinnen. Kurz vor dem Schlafengehen klebt eine dicke Sächsin ihr akkurates Hochwasserarrangement mit einer riesigen unsinnigen Klarsichtfolie ab. „Wir haben in Torgau nur restaurierte Häuser“, sagt sie.

In Usti hatten die Menschen noch gar nicht viel hergerichtet, als das Wasser kam. Teilweise aus Angst davor, dass die Sudetendeutschen doch noch zurückkehren und sich die Häuser nehmen, aber vor allem weil ihnen hier in Tschechien einfach das Geld fehlte. Doch wenn es so kommt, wie viele befürchten, und sich Ustí und Dresden in den nächsten Tagen in Torgau, Wittenberg und Magdeburg wiederholen, nützt aller Wohlstand nichts mehr. Ob die Flut einem viel oder wenig nimmt, spielt keine Rolle, wenn sie alles nimmt, was man hat.

Die Elbe, die gar nicht mehr zahme, die schon immer ohne Allegorien und Götter auskommen musste, die keiner je Mutter genannt hat, obwohl man den Rhein doch Vater nennt, ist ein europäischer Strom. Bei Hochwasser kennt sie kein Vaterland und sie kennt keine Grenzen, auch nicht die zwischen oben und unten. Und sie hat Erdöl und Quecksilber getankt.

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