Zeitung Heute : Welche Zukunft bleibt der Unterhaltungselektronik?

Herr Kamp[die Geschichte der Philips-Flops ist la]

Ein Interview mit dem Philips-Manager Hans-Joachim Kamp über eine Branchenmesse ohne Privatsender und über Fehler seines Konzerns

Hans-Joachim Kamp (51) ist Geschäftsführer der Philips GmbH und Leiter des Bereichs Consumer Electronics. Er ist Beiratsmitglied des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie) und sitzt im Aufsichtsrat der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu). Seit 1998 ist Kamp Vorsitzender des Messe-Ausschusses der Funkausstellung. Mit ihm sprach Heike Jahberg.

Herr Kamp, die Geschichte der Philips-Flops ist lang: Bildplatte, CD-Interaktiv, D-2-Mac, die Digitale Compact-Cassette - wieviele Pannen kann Philips sich noch leisten?

Philips ist Weltmeister im Entwickeln von Produkten. Aber wenn es um das Vermarkten geht, waren wir nicht immer ganz so erfolgreich. Wenn man heute am Markt etwas durchsetzen will, dann muss man Weltstandards schaffen. Das haben wir inzwischen gelernt. Als wir vor zwei Jahren mit dem CD-Recorder gestartet sind, haben viele gesagt, wir sollten das Gerät erst einmal im Alleingang auf den Markt bringen, weil es sowieso kein Erfolg werde. Wir haben anders gedacht: Die CD ist das am weitesten verbreitete Produkt, und es gibt weltweit 800 Mill. CD-Spieler. Der CD-Recorder ist ein CD-Player, mit dem man auch aufnehmen kann. Wir bauen mit dem Recorder also auf einen bereits bestehenden Standard auf. Das ist wichtig. Bislang bieten außer uns nur Marantz und Pioneer CD-Recorder an, aber wir drei können uns über gute Zuwachsraten freuen. Auf der Funkausstellung werden Sie sehen, dass jetzt auch einige andere Anbieter nachziehen.

Auch Ihr Erzkonkurrent Sony?

Die werden wohl die Letzten sein. Aber noch mal zurück zu unseren angeblichen Flops: Immerhin war die Compactcassette eine frühe Philips-Entwicklung, und auch an der Erfindung der CD waren wir maßgeblich beteiligt - es gab also nicht nur Irrwege. Außerdem sind wir bei allen Innovationen, die jetzt auf den Markt kommen, dabei.

Warum soll ich einen CD-Recorder kaufen, wenn ich mir Musik auch aus dem Internet auf meine Festplatte laden kann?

Weil die Qualität besser ist. Wenn Sie mit dem CD-Recorder aufnehmen, ist die Aufnahme genauso gut wie das Original.

Was kostet der Spaß?

Unser Flaggschiff kostet 999 DM, aber es gibt auch Geräte für 600 DM.

Während Sie früher eine Neuentwicklung nach der nächsten auf den Markt geworfen haben, hat Sony immer auf bestehenden Systemen aufgebaut. Ist das cleverer?

Auch Sony hat Fehlschläge erlebt. Beide Unternehmen haben aus den Misserfolgen gelernt. Welterfolge kann man heute nur noch realisieren, wenn man einen Weltstandard schafft und die nötigen Allianzen eingeht, um ihn zu vermarkten.

Was wollen die Kunden?

Der Trend bei den Verbrauchern geht zur Marke. Wenn Sie in Deutschland die größten vier Anbieter von Unterhaltungselektronik ansehen, so haben diese in den vergangenen Jahren kontinuierlich ihren Marktanteil ausbauen können. Die Top vier in der Unterhaltungslektronik haben heute einen Marktanteil von 50 Prozent. Vor vier Jahren waren es 42 Prozent. Wir sind inzwischen die Nummer zwei, aber wir haben in den vergangenen Jahren den größten Marktanteilszuwachs aller Firmen erreicht.

Also laufen die Geschäfte gut?

Die klassische Unterhaltungselektronik ist aus dem Tal der Tränen heraus. 1994 bis 1997 hat die Branche fast 30 Prozent verloren. 1998 war das erste Jahr, in dem der Markt wieder stabil war. In der ersten Hälfte dieses Jahres wird die Branche wahrscheinlich einen Umsatzrückgang von sechs Prozent haben, aufs ganze Jahr gesehen werden es wahrscheinlich zwei Prozent sein. Verglichen mit der Vergangenheit ist das eine Stabilisierung auf hohem Niveau. Aber: Die Geschäfte laufen in Deutschland schlechter als in anderen europäischen Ländern. Deutschland hatte einmal an dem gesamten europäischen Markt einen Anteil von 32 Prozent, jetzt sind es nur noch 26 Prozent. In Großbritannien und in Frankreich entwickeln sich die Märkte viel erfreulicher.

Warum?

Zum einen haben wir in Deutschland quälende Diskussionen über technische Standards. Zum anderen hadern die Deutschen mit der 16 : 9-Technik. Hier ist Deutschland Kreisklasse. In den Benelux-Ländern, Frankreich oder England haben wir einen Marktanteil von über 40 Prozent, in Deutschland haben 16 : 9-Breitband-Fernseher nur einen Marktanteil von 15 Prozent.

Wir haben doch auch 16 : 9-Sendungen . . .

Ja, aber viel zu wenige. Wenn mehr Programme in dem Kinoformat ausgestrahlt würden, würden sich die Zuschauer viel schneller daran gewöhnen.

Und einen neuen Fernseher kaufen, weil die schwarzen Streifen oben und unten im Bild nerven . . .

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft hat Frankreich alle wichtigen Spiele in 16 : 9 ausgestrahlt, dieses Material stand auch den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland zur Verfügung. Sie hätten die Fußballreportagen in 3 Sat ausstrahlen können, haben das aber unterlassen. Aber für die Zukunft bin ich zuversichtlich, dass wir durch die Innovationen weiteres Wachstum haben werden - beim Fernsehen durch 16 : 9 und im Audio- und Videobereich durch die Digitaltechik.

Erwarten Sie auch für Deutschland wachsende Umsätze?

Wir haben mit einer enormen Preiserosion zu kämpfen. Das ist ein Problem, denn 70 Prozent unserer Umsätze sind Ersatzbeschaffungen. In der Autoindustrie hat man sich daran gewöhnt, dass die Preise in jedem Jahr steigen. Wir bieten zwar auch jedes Jahr eine bessere Ausstattung, aber unsere Preise sinken.

Liegt das an den billigen Nachbauten aus Fernost?

Im Wettbewerb ist heute nur derjenige erfolgreich, der günstigere Vertriebskosten hat als andere. Das ist bei uns der Fall. Wir arbeiten effektiver und preisgünstiger als alle bedeutenden Konkurrenten, weil wir das Geschäft von Hamburg aus zentral steuern.

Wo bleiben bei dieser Entwicklung die klassischen Unterhaltungselektronik-Firmen wie Grundig oder Loewe?

Das Problem ist: Wann ist man nicht groß genug, um in der Weltliga mitzuspielen, und wann ist man vielleicht zu groß, um von einem Tag zum anderen zu sterben? Um künftig eine bedeutende Rolle zu spielen, muss man ein Vollsortimenter sein. Viele Firmen, die nur einen Teil des Marktes abdecken, werden Schwierigkeiten bekommen. Jeder Händler arbeitet heute mit Warenwirtschaftssystemen, und da konzentriert man sich auf wenige Marken. Wenn die Marktführer A-Marken und die billigen No-Name-Produkte und Handelsmarken C-Marken sind, drohen die B-Marken aufgerieben zu werden.

Obwohl Loewe hervorragend designte Fernseher herstellt?

Ja, aber da haben wir mit dem "Cool Green" inzwischen nachgezogen. Obwohl unser Fernseher 4000 DM kostet, ist es das am drittmeisten verkaufte Produkt in der Kategorie 82-cm-Fernseher. Seit zwei Jahren ist der Preis unverändert, während vergleichbare Fernseher in dieser Zeit um 15 bis 20 Prozent billiger geworden sind.

Aber jeder weiß: Wer einen "Cool Green" zu Hause hat, kann sich einen 4000-DM-Fernseher leisten.

Ein Fernseher ist heute ein Möbelstück, und es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ich will nur das Bild sehen und verberge notfalls das Gerät im Schrank, falls es nicht zu meiner sonstigen Einrichtung passt. Oder jemand sagt, ich wähle den Fernseher passend zu meiner Wohnung. Speziell designte Geräte bieten heute viele Firmen an. Für Hersteller, die nur auf das Design gesetzt haben, werden die Zeiten jetzt härter.

Neue Geräte, neue Systeme - überfordern Sie Ihre Kunden nicht irgendwann?

Nein. Wir müssen den unterschiedlichen Zielgruppen Rechnung tragen. Die etwas älteren Kunden wollen vor allem Komfort haben: einfache Bedienung, Top-Qualität und gutes Design. Jüngere Käufer und die Freaks verlangen nach mehr Spezifikationen, mehr Features, mehr technischen Möglichkeiten. Man muss sein Sortiment entsprechend aufbauen und darf nicht nur auf ein Pferd setzen. Aber in einem haben Sie recht: Es gibt schon starke Bestrebungen, die Geräte einfacher zu machen.

In dieser Woche beginnt die Funkausstellung, ohne die privaten Fernsehsender...

Die Funkausstellung ist die größte Messe für Unterhaltungselektronik weltweit. Das Spektrum ist breiter denn je, wir bündeln die Themen besser als früher. So zeigen wir auf über 3000 Quadratmetern Software und Spiele. Den Weggang der Privaten kann man verschmerzen, weil ARD und ZDF noch mehr Flagge zeigen als beim letzten Mal. Die Besucher werden genügend Stars zu sehen bekommen.
© 1999

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