Zeitung Heute : Welchen Einfluss haben die neuen Möglichkeiten des WWW auf den Handel mit Häusern, Wohnungen und Grundstücken?

Harald Olkus

Manche Prophezeihungen erfüllen sich von selbst - man muss sie nur oft genug wiederholen. Das gilt um so mehr, wenn sie mit der nötigen Begeisterung vorgetragen werden. Robert Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Berliner Immobilienfirma Quadriga AG, ist ein Fan des Internets. Seiner Ansicht nach wird das Web ab kommendem Frühjahr seinen allgemeinen Siegeszug antreten und unter anderem auch die Immobilienbranche kräftig durcheinander wirbeln. "Alle, die in den letzten zwei bis drei Jahren auf das Netz gesetzt haben und eine Saure-Gurken-Zeit durchmachen mussten, werden jetzt belohnt", meint Schmidt.

In den USA sei man schon einige Jahre weiter, dort könne man Entwicklungen ablesen, die in absehbarer Zeit auch bei uns Einzug halten werden. Der E-Commerce, das Einkaufen per Internet, sei dort groß im Kommen. "Auch bei uns gibt es schon Ansätze, die sind aber noch nicht erfolgreich." Denn noch ist der Anteil der vernetzten Haushalte nicht groß genug. Das werde sich mit der Verbindung von Fernsehen und Internet aber stark ändern. Sobald es leichter wird, ins Netz zu kommen und sich dort zurecht zu finden, werde das Angebot auch von breiten Bevölkerungsschichten genutzt. Lästiges Einkaufen gehen wird dann überflüssig, alles kann vom Bildschirm im Wohnzimmer geordert werden. Nur noch für den Kauf von Produkten, die ein "extremes Einkaufsgefühl" vermitteln wie eine goldene Uhr, eine Autoprobefahrt oder das Anprobieren eines Pelzmantels werden die Kunden ihr Haus verlassen, davon ist Schmidt überzeugt. Und nicht nur der Einzelhandel wird sich seiner Ansicht nach verändern. Auch das Wohnen und Arbeiten unter einem Dach wird "boomen" und der Bedarf an Büroimmobilien zurückgehen. "Der Mensch arbeitet gerne da, wo er sich wohl fühlt." Mittels Laptop und Internet soll das auch auf einer Terrasse am Mittelmeer möglich sein.

Ob Schmidts Visionen tatsächlich zu einer Massenerscheinung werden, bleibt abzuwarten. Es gibt allerdings Bereiche in der Immobilienwirtschaft, in denen das Internet bereits genutzt wird. Netzanbieter wie Immopool.de und Web.de haben große Kataloge angelegt, in denen der Mieter oder Käufer von Immobilien sich einen Überblick über das Angebot verschaffen kann. "Das macht den Markt transparenter", freut sich Schmidt.

Bei Web.de kann der Benutzer regionale Immobilienangebote abrufen. Sie sind entweder nach Postleitzahl geordnet oder können durch Mausklick auf eine Deutschlandkarte ausgewählt werden. "Wir wollen dem Nutzer eine große Auswahl bieten", sagt Eva Vennemann, Pressesprecherin von Web.de. Dabei schafft es nicht jede beliebige Homepage in den Katalog. Redakteure prüfen jede angebotene Webseite auf ihre Relevanz für den Nutzer und treffen eine Auswahl. "Von etwa 700 Angeboten täglich werden rund 500 ins Netz aufgenommen", sagt die Pressesprecherin. Der Internet-Anbieter sieht sich nicht als Konkurrenz zu Immobilienmaklern, sondern als Möglichkeit, ihr Unternehmen international zu präsentieren und ihr Angebot an Objekten zu inserieren. Damit sind sie eher als Konkurrenz zu den Immobilienseiten einer Tageszeitung zu sehen. "Das Internet hat den Vorteil, dass ein großes Publikum bei einem geringen Aufwand zu erreichen ist und mehr Informationen vermittelt werden können", wirbt Eva Vennemann. Denn im Net können auch Fotos der Objekte sowie Lagepläne und Baubeschreibungen abgerufen werden.

Für Robert Schmidt sind die Möglichkeiten des neuen Mediums mit erleichterter Standortauswahl und Flächenbeschreibung per PC noch lange nicht ausgeschöpft. Das Net ermöglicht virtuelle Rundgänge durch das Objekt mit einem Blick in die direkte Umgebung sowie auf die sich über den Tag hinweg verändernden Lichtverhältnisse in den einzelnen Räumen. Seiner Ansicht nach müssen die Kunden die Gebäude dann nicht einmal mehr vor Ort besichtigen, sondern können die Miet- oder Kaufverträge gleich am Bildschirm abschließen.

So weit wollen Immobilienmakler jedoch nicht gehen. Kerstin Rose von DTZ Zadelhoff hält die Tageszeitung immer noch für das bessere Medium, um Immobilien zu präsentieren. Die Möglichkeiten des Internets würden überschätzt. Ein virtueller Rundgang könne eine Begehung vor Ort mit der begleitenden Beratung eines Immobilienfachmannes nicht ersetzen.

Auch Rolf Scheffler von Aengevelt Research ist der Meinung, dass die herkömmliche Besichtigung nicht zum alten Eisen gehört. Insbesondere bei gewerblichen Flächen gebe es eine Reihe von Sachverhalten, die nur vor Ort zu klären sind. Auch der Abschluss von Verträgen per Internet werde eher die Ausnahme bleiben. Im Gegensatz zu den USA seien in Europa exklusive Auftragsverhältnisse zwischen den Immobilieneigentümern und einzelnen Maklern selten. Das Netz werde die Branche also keineswegs arbeitslos machen. Allerdings müssen die Maklerfirmen die Möglichkeiten des neuen Mediums als Marketing- und Verkaufsinstrument nutzen, um nicht den Anschluss zu verpassen. "Die Entwicklungen im Internet werden bei uns intensiv beobachtet und durchaus ernst genommen", sagt Scheffler. Mittel- und langfristige Auswirkungen auf die Immobilienbranche wagt er nicht abzuschätzen. "Ich glaube aber nicht, daß die virtuelle Welt die reale ablöst."

Schmidt ist dagegen sicher, dass sich das Internet im großen Stil durchsetzen wird. "Vor 20 Jahren konnte sich kaum einer vorstellen, mit Scheckkarten zu bezahlen, heute geht es kaum noch ohne", meint er. Mit den Prophezeihungen ist es so eine Sache. Letztlich produzieren sie eine virtuelle Situation. Es kommt nur darauf an, ob sie sich auch verwirklicht.

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