Zeitung Heute : Welcher Wille entscheidet

Rainer Woratschka

In den USA hat ein Richter entschieden, die Patientin Schiavo nach 15 Jahren Wachkoma nicht mehr künstlich zu ernähren. Welche Chancen hat ein Patient in Deutschland, seine Würde zu schützen?

Terri Schiavo und ihren Angehörigen hat genau das gefehlt: eine Patientenverfügung, wie mit ihr nach jahrelangem Leiden im Wachkoma umgegangen werden soll. Verwandte und Richter streiten nun über ihren „mutmaßlichen Willen“. Doch natürlich hat sie als gesunder Mensch den Extremfall nicht vorausdenken können oder wollen. „Dafür“, sagt Frank Ulrich Montgomery, der Chef des Klinikärzteverbands Marburger Bund, „hat keiner eine Verfügung in der Tasche“. In Deutschland käme noch eines dazu: Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs gilt eine Verfügung, die einen Behandlungsabbruch fordert, nur bei Krankheiten, die einen irreversibel tödlichen Verlauf genommen haben.

Bei Wachkoma-Patienten gibt es eine geringe Chance, aus dem Zustand der Apathie herauszufinden. Die Wahrscheinlichkeit liege im „niedrigen einstelligen Prozentbereich“, sagt Montgomery. Und er gibt zu bedenken, dass die „Rückkehr ins total normale Leben“ Illusion ist. Wie lebenswert dieses Leben aber sei – darüber könne niemand richten. Was Justizministerin Brigitte Zypries mit ihrem umstrittenen Vorstoß zu mehr Patientenautonomie beabsichtigt hatte, war deshalb ehrenhaft: Patienten, die für sich selber eine Lebensverlängerung mit Herz-Lungen-Maschine und Magensonde ablehnen, sollen die Sicherheit haben, dass ihr Wunsch erfüllt wird. Auch bei nicht tödlich verlaufender Krankheit. Nur: Können sie im gesunden Zustand ermessen, wie lebenswert ihr Leben dann noch ist? Würden sie sich im Zustand der Demenz oder des Wachkomas, wenn sie es könnten, nicht womöglich doch anders entscheiden?

Das alles sind Fragen, die sich jeder selber stellen muss und die ihm kein Gesetzgeber abnimmt. Hilfreich ist eine Verfügung allemal – auch nach bisheriger Gesetzeslage. Wenn Angehörige über Leben und Tod entscheiden (müssen), haben sie womöglich Eigeninteressen. Pflege und Betreuung seien oft eine erhebliche psychische und finanzielle Belastung, gibt die Deutsche Hospizstiftung zu bedenken. „Das kann dazu führen, dass Wünsche des Betreuten gesehen und interpretiert werden, die so nicht existierten. Schlimmer noch: Bewusst oder unbewusst kann der Betreuer seine eigenen Vorstellungen an Stelle des Betreuten durchsetzen.“

Laut einer Emnid-Umfrage haben bereits sieben Millionen Deutsche eine Patientenverfügung verfasst. Ob sie im Zweifelsfall Anwendung findet, hängt von Form und Inhakt ab. „Es muss klar sein, was der Patient will“, sagt Michaela Gehms von der Hospizstiftung. Die Verfügung müsse sich auf konkrete Behandlungsmethoden beziehen, schwammige Sätze wie „Ich will nicht an Schläuchen hängen“, seien unbedingt zu vermeiden. Auch müsse die Verfügung persönlich unterzeichnet und möglichst aktuell sein. Eine Checkliste gibt’s im Internet unter: www.hospize. de/texte/checkliste.htm

Die Hospizstiftung rät, die Verfügung mindestens alle zwei Jahre zu erneuern. Dazu ist nicht der teure Gang zum Notar nötig, wohl aber die Absprache mit Angehörigen und Hausarzt. „Eine gute Kommunikation garantiert am ehesten, dass der Wunsch des Patienten erfüllt wird.“

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