Zeitung Heute : Well! Gell?

Markus Lupfer ist längst ein Londoner, aber seine Herkunft von der Schwäbischen Alb ist unverkennbar

Grit Thönnissen

Was Markus Lupfer ausmacht, fasst er selbst am besten in zwei Worten zusammen: „Well, gell.“ Der 35-jährige Designer kommt von der Schwäbischen Alb und lebt seit zwölf Jahren in London. Dort entwirft er eine kleine, feine Strickkollektion. Er gehört gerade noch zu der Generation deutscher Designer, die gar nicht auf die Idee gekommen wären, ihr Glück in Deutschland zu suchen. Wer Anfang der neunziger Jahre Mode machen wollte, ging am besten schon zum Studieren ins Ausland. So auch Lupfer: Nach zwei Jahren in Trier machte er 1997 am Londoner Westminster College seinen Abschluss als Modedesigner. Noch während seines Studiums bekam er einen Job beim britischen Designerduo Clements Ribeiro.

So richtig unter Erfolgsdruck geriet Lupfer, als seine Abschlusskollektion in der britischen Vogue vorgestellt wurde. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: Als die hippe Boutique Koh Samui aus Covent Garden eben jene Kollektion binnen zweier Wochen verkaufte, war der Modezirkus um Markus Lupfer eröffnet, und er entwarf abends nach der Arbeit neue Kleider. Auch die japanischen Einkäufer ließen nicht lange auf sich warten – von so einem Start wagen die meisten jungen Modedesigner nicht einmal zu träumen. Bei Lupfer wäre es wohl so weiter gegangen, bis irgendwann eine große Firma mit vakantem Chefdesignerposten auf die Idee gekommen wäre, das Talent von der Schwäbischen Alb anzuwerben.

Aber Markus Lupfer, der nie laut „Hier!“ geschrien hatte, sagte vor vier Jahren einfach: „Stop.“ Innerhalb der ersten fünf Jahre war die Marke Markus Lupfer rasant gewachsen: „Es ging alles sehr schnell. Mein Team war klein, wir waren unabhängig." Aber je größer ein Label wird, desto größer wird auch der Druck. Plötzlich war aus dem Feierabendjob ein riesiger Apparat geworden: „Das Entwerfen wurde fast zur Nebensache. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich einen grünen oder gelben Reißverschluss drin haben will.“ Kein Wunder, wenn man fünf Jobs zur gleichen Zeit bewältigen muss: „Ich habe mich um alles gekümmert: Finanzen, Design, Promotion, Produktion, Kollektionen.“

Statt sich Teilhaber, Finanziers und neue Mitarbeiter zu suchen, um das Markus-Lupfer-Imperium weiter auszubauen, entschied er sich für die gegenteilige Variante. Drei Dinge waren ihm bei seinen Kollektionen immer wichtig gewesen: Leder, große Drucke und Strick. Im Frühjahr 2003 entschied er, sich von nun an nur noch auf eines davon zu konzentrieren, nämlich Strick. „Die Organisation ist zehnmal kleiner, darum kann ich alles selbst machen. Und das war der wichtigste Grund für die Konzentration.“

Beim Strick ist es geblieben. Ihn zu entwerfen, bedeutet viel Detailarbeit. Markus Lupfer entwickelt neue Techniken, Muster, Materialien: „Im Moment behandeln wir den fertigen Strick mit Druck oder Folie, oder wir bleichen ihn.“ Für den nächsten Herbst hat er einen Rock entworfen, der riesig wie ein Wollknäuel ist (siehe kleineres Foto). „Da ist ein halbes Schaf drin. Aber er ist total leicht – das ist der Trick!“

Als Nächstes will er sich mit Intarsien beschäftigen. Dafür wird per Hand die Farbe an der Strickmaschine gewechselt, um Bilder einzustricken. „Das ist sehr teuer und aufwendig. Das hat mich immer fasziniert, schon in meinen alten Kollektionen habe ich viel damit gearbeitet.“

Dass Lupfer nach dem ersten großen Hype nicht mehr wachsen wollte und sich der Nachfrage widersetzte, kommt in der Mode schon ein wenig einer Verweigerungshaltung gleich. Immerhin hatte er dadurch Zeit, sich von einigen großen Modefirmen anwerben zu lassen. In den vergangenen Jahren hat er für die Taschenfirma Mulberry und die Sportmarke Kangol gearbeitet. Und seine Kollektion für die britische Einzelhandelskette Topshop ist ein Relikt aus seinen Tagen als Newcomer – seit 1999 gibt es „Markus Lupfer for Topshop“ nun schon: „Die Kollektion verkauft sich eben gut.“

Solche Kooperationen sind für Anfänger enorm wichtig, findet Markus Lupfer. Und auch, dass es dazugehört, dass große Einzelhandelsunternehmen ihren heimischen Nachwuchs fördern. Schließlich ist Topshop auch durch seine Zusammenarbeit mit jungen Designern so erfolgreich. Ob es Vergleichbares nicht auch in Deutschland gibt, überlegt Markus Lupfer. Und wundert sich mal wieder, wie wenig in Deutschland die Chancen genutzt werden, „mit all den jungen Designern hier zusammenzuarbeiten.“

Seit einem Jahr entwirft er für die spanische Modefirma Armand Basi in Barcelona, wo auch die Kollektion im Januar gezeigt wurde. „Ich bin gerade dabei, ein Image aufzubauen. Die Moderedakteurinnen von Vogue und Elle müssen beim Anblick der Kollektion seufzen: ,Oh, Gott, ich brauche dieses und jenes Teil für eine Fotoproduktion.’“ Und da er findet, dass man Mode international zeigen sollte, überlegt er, ob Armand Basi im Sommer in London oder New York zeigen sollen.

Dass er bei all der Fremdarbeit seine eigene Kollektion behält, hat einen einfachen Grund: „Man muss in sich reingucken, um herauszufinden, was einem in diesem Moment wichtig ist. Trends interessieren mich nicht.“ Also muss er seine eigene Mode entwerfen, um zu wissen, was er selber will.

Markus Lupfer wird gern in seiner Funktion als deutscher Designer im Ausland angefragt. Dann soll er Stellung nehmen zum Status quo der deutschen Mode. Er findet das gut: „Ich habe eine Sicht von außen. Ich kann über die positiven und negativen Seiten offen sprechen.“ Er hat Kontakt zu anderen deutschen Designern wie Lutz Huelle in Paris, Kostas Murkudis in Berlin und Stephan Schneider in Antwerpen. Sie telefonieren zwar nicht täglich, aber sie wissen um des anderen Arbeit.

Und dann muss man ihm noch eine Frage stellen, die allen deutschen Designer, die im Ausland leben, gestellt wird: „Und was ist mit Berlin?“ Da kann er nur milde lächeln: „Ich kann mir nicht vorstellen, aus London wegzugehen – das kreative Umfeld, meine Freunde, ich habe mir hier alles aufgebaut. London – das ist daheim.“

Markus Lupfer gibt es bei Holly, Alte Schönhauser Str. 4. und im Beck’s Shop, Alte Schönhauser Str. 48 in Mitte.

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