Wellness in Meck-Pomm (1) : Wellengang und Windmassage

Schon morgens sind sie unterwegs: Jogger, Walker, Reiter, Spaziergänger. Das prima Klima verführt zum Frühsport. Lust auf Pilates-Training? Auch das macht Spaß am Ostseestrand von Heringsdorf.

Claus-Dieter Steyer
Seebruecke
Mehr als 500 Meter reicht die neue Heringsdorfer Seebrücke auf die Ostsee hinaus. -Foto: Steyer

Diese Verabredung am Ostseestrand fällt etwas aus dem Rahmen. Die meisten Urlauber liegen kurz nach sieben Uhr noch im Bett, stehen bestenfalls unter der Dusche oder freuen sich schon auf das reichhaltige Frühstücksbuffett. Doch Kaffee und Brötchen müssen diesmal warten. Stattdessen geht es in legerer Sportbekleidung mit einem großen Handtuch unter dem Arm zum vereinbarten Treffpunkt in der Nähe der Heringsdorfer Seebrücke.

Dort, am Strand, löst ein ausgesprochen gut gelaunter Trainer eiskalte Gefühle aus: Der Mann steht da mit nackten Füßen. "Wir müssen doch jetzt nicht etwa bei sechs Grad Wassertemperatur in der Ostsee waten?" Die Aufregung einer jungen Teilnehmerin legt sich, als der Trainer heftig den Kopf schüttelt. "Wir brauchen das Handtuch nur als Unterlage", sagt Mirko Krentz. "Bei Pilates soll schließlich niemand frieren." Im Handumdrehen stehen das gute Dutzend Frauen und Männer barfuß auf den Handtüchern, alle spannen im Licht der ersten Sonnenstrahlen ihr "Kraftzentrum in der Körpermitte" an, wie es der Trainer ausdrückt. Es folgt eine Stunde gesunder Gymnastik.

Die Gruppe hat den Strand zu dieser frühen Morgenstunde keineswegs für sich allein. Jogger, Nordic Walker, Spaziergänger, von ihren kleinen Kindern früh geweckte Eltern und sogar Menschen zu Pferd genießen die besondere Stimmung. Sich am Ostseestrand zu bewegen, muss guttun. Am Abend zuvor erklärt die Pressesprecherin der Usedomer Tourismusgesellschaft, Christina Hoba, die Ursache: Windkosmetik, Windmassage. "Beim Zusammentreffen von Sonne, Wind und Wellen entstehen sogenannte Brandungsaerosole", sagt sie und verweist auf wissenschaftliche Studien. Demnach befreit die mit Salzen angereicherte Luft die Bronchien, stärkt Ausdauer und Leistungsfähigkeit.

Schon der wandernde Dichter Theodor Fontane kannte die heilende Wirkung der Ostsee: " ... man hat Ruhe und frische Luft und diese beiden Dinge wirken wie Wunder und erfüllen Nerven, Blut, Lungen mit einer stillen Wonne", formulierte er 1863 in einem Brief an seine Frau Emilie. Auch die Gebrüder Mann, Tolstoi, Gorki, Johann Strauß und natürlich die kaiserliche Familie genossen das Seeklima.

Allerdings hätte es sich der Therapeut Joseph Hubert Pilates wohl kaum vorstellen können, dass seine Übungen für eine kräftige Muskulatur einmal von Ostseeurlaubern am Strand ausgeführt würden. Schließlich hatte das in Mönchengladbach geborene Multitalent seine heute weltweit in Fitnessstudios angebotene Methode ursprünglich für seine Kameraden in englischer Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg entwickelt. Die nutzten für ihr Training und die Entspannungselemente vor allem Matratzen, später auch spezielle Geräte. "Unsere heutige Unterlage bringt eine bedeutend größere Wirkung", meint Trainer Krentz und fordert gleich zum Barfußgehen auf. "Wir erneuern durch den Sand unsere Hautzellen und können während der Übungen im Sitzen gleich noch unsere Muskeln in den Füßen stärken." Er teilt kleine Stöcke und Steinchen aus, die mit den Zehen aufgenommen und nach einer Weile wieder abgelegt werden. Das klappt nicht immer auf Anhieb, genau wie das tiefe Atmen zu den langsam ausgeführten Körperbewegungen mit gestreckten Armen oder Beinen.

Die Atmosphäre am Strand lässt die Zeit wie im Flug vergehen, zumal die Aufmerksamkeit zumindest beim ersten Strand-Pilates hart auf die Probe gestellt wird. Kreischende Möwen über einem langsam vorbeifahrenden Fischerboot, die sich auf den Wellen spiegelnde Sonne oder das Rauschen der Ostsee lenken ab, so sehr sich der Trainer auch bemüht. Welch ein Panorama. Allein schon deshalb hat sich das frühe Aufstehen gelohnt.

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