Wellness in Meck-Pomm (2) : Die Rückkehr der Kreidezeit

Rügens berühmter Bodenschatz ist wieder gefragt. Denn von dem schneeweißen Staub profitiert heute vor allem die Wellness-Branche. Eine "Wunderheilung" von 1930 machte es möglich.

Claus-Dieter Steyer
Kreidefelsen
Aus Schalen und Gehäusen von Milliarden kleinster Lebewesen entstand vor 70 Millionen Jahren die Rügener Kreide. -Foto: ddp

Auf dem glitschigen Untergrund gab es kein Halten mehr. Selbst die blitzschnell in die Wand geschlagene Spitzhacke glitt aus den Händen, der Arbeiter rutschte sechs bis acht Meter in die Tiefe des Tagebaus. Als seine Kollegen ihn wenig später bargen, fürchteten sie, er habe sich schwer verletzt. Tatsächlich klagte der Verunglückte über Schmerzen an Armen und Beinen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Dann geschah das kleine Wunder: Schon nach wenigen Tagen war der Mann wieder arbeitsfähig. "Er ahnte nicht, dass er auf Rügen die zweite Kreidezeit ausgelöst hatte", sagt der Mediziner Dieter Hoffmann. "Denn seine schnelle Genesung lag eindeutig an den Heilkräften der Kreide, in die er abgerutscht war."

Was war passiert? Kleine Partikel der weißen Masse hätten sich in der Haut über den Gelenken festgesetzt und ihre Wirkung entfaltet, sagt Hoffmann. Der Chef des Vereins Rügener Heilkreide erzählt gern die Geschichte, die sich um 1930 in einem Tagebau unweit der berühmten Kreidefelsen bei Sassnitz zugetragen hat. Für ihn beweist sie die "lange Tradition" dieses Gesundheitsmittels. Die sei nämlich keine Neuentdeckung der Wellnessbranche, sondern ein bewährtes und vor allem natürliches Produkt für unter Schmerzen leidende Patienten, aber auch für gesunde Menschen.

Die Heilung des im Tagebau verunglückten Arbeiters hatte sich damals in Medizinerkreisen schnell herumgesprochen. Zwar waren die ersten Patienten schon um 1910 mit einer Kreidepackung zur besseren Durchblutung behandelt worden, aber von den Experimenten nahm kaum jemand Notiz. Dafür bedurfte es schon des kleinen Wunders aus dem Tagebau, in dem die Kreide damals vor allem als Düngemittel oder für die Asphalt-, Textil -und Elektroindustrie abgebaut wurde. Doch der zweite Weltkrieg unterbrach alle Forschungen und die Heilkraft der Kreide wurde erst Anfang der fünfziger Jahre wirklich populär. "Wir haben da unsere eigene Zeitrechnung", meint Dieter Hoffmann mit einem Augenzwinkern. "Vor 70 Millionen Jahren entstand die Kreide durch die Ablagerung von Schalen und Gehäusen Milliarden kleinster Lebewesen, die während der Eiszeit von den Landmassen zusammengeschoben und aufgetürmt wurden - zu den heute bewunderten Klippen." Für die Behandlung von Blessuren wurde die Kreide dann um 1950 regelmäßig eingesetzt. Das Sassnitzer Krankenhaus verabreichte die ersten Wannenbäder bei Muskel- und Gelenkerkrankungen. Mit dieser Behandlungsart war Ende der sechziger Jahre abrupt Schluss: Die Kreidemischung hatte das Rohrsystem verstopft. Außerdem konzentrierte sich die Schulmedizin auf neue, chemische Wirkstoffe. Da hatten alte Heilmittel wie die Kreide keine Chance.

"Erst 1995 begann unsere dritte und erfolgreichste Kreidezeit", sagt Dieter Hoffmann. "Kaum ein Wellnesshotel auf Rügen verzichtet heute auf Anwendungen mit der Heilkreide, die wir als einzigartiges Naturprodukt auch auf die Insel Usedom, nach Warnemünde und in andere Regionen liefern." Kreide gebe es zwar an vielen Orten, doch nur auf Rügen sei sie so rein und deshalb so gut für die Haut geeignet. Sie soll Hautkrankheiten kurieren, gut sein bei Muskelverspannungen, Gicht, Osteoporose und stoffwechselanregend wirken. "Nach vier bis fünf Behandlungen empfinden unsere Gäste bereits die Besserung", versichert er.

Und obwohl seit langem wieder Kreide geschürft wird, muss wohl niemand befürchten, das Spitzweg-Motiv Kreidefelsen könnte dadurch verschwinden. Denn abgebaut wird ausschließlich im Inselinneren. Die Gesundheitsbranche begnügt sich damit, jährlich 20 Tonnen zu verarbeiten. Der Industrieverbrauch allerdings liegt zehnmal höher.

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