Wellness in Meck-Pomm (3) : Scharf beobachtet

Von März bis August ziehen sie ihre Jungen auf: See- und Fischadler sind nach Jahrzehnten wieder rund um die Müritz heimisch geworden. Und Touristen können sie auf Safaris studieren

Claus-Dieter Steyer
Fischadler
Der Fischadler fühlt sich an der Mecklenburgischen Seenplatte sehr wohl. -Foto: dpa

Der Mann stürmte voller Begeisterung ins Info-Zentrum des Müritz-Nationalparks in Federow. „Da bin ich drei Wochen in den schönsten Gebieten Kanadas unterwegs und halte vergeblich nach Fischadlern Ausschau“, sagte er aufgeregt, „und hier sehe ich in drei Stunden gleich zehn, zwölf Exemplare. Einfach fantastisch!“ Die Ranger, in grünen Jacken, am Ärmel das Emblem des 120 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Naturschutzgebietes, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Was der Urlauber erzählt, überrascht sie nicht. Jedenfalls machen sie sich nicht einmal die Mühe, nach dem konkreten Beobachtungsort zu fragen. „Wir brauchen die Besonderheit ja nicht jedem gleich auf die Nase zu binden“, sagt ein Naturschützer hinter vorgehaltener Hand. Die Müritz solle ihren Ruf als unangefochtene Hochburg der Adler schließlich noch lange behalten.

Während die Besucher auf einem Bildschirm im Info-Zentrum per Liveübertragung das Geschehen in einem Fischadlerhorst verfolgen können, nennt Ornithologe Hans-Jürgen Jessel beeindruckende Zahlen: „60 der in Deutschland registrierten 470 Fischadlerpaare leben zwischen Mitte März und August an der Müritz und ihren vielen benachbarten Seen. Im Jahr zuvor haben sie 31 Junge aufgezogen. Solch eine Dichte gibt es sonst nirgendwo“, sagt Jessel.

Während die Fischadler zu den Zugvögeln gehören, bleiben die größeren und dank ihrer Flügelspannweite von knapp zweieinhalb Metern majestätisch schwebenden Seeadler das ganze Jahr über in heimischen Gefilden. 14 Brutpaare sind in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause, davon etwa die Hälfte im Müritz-Nationalpark. Noch vor 40 Jahren galten Adler als nahezu ausgestorben: Die Jagd und ein aggressives Pflanzenschutzmittel hatten ihre Population besorgniserregend verringert.

Damit Adler auch künftig an der Müritz nisten und dauerhaft bleiben, nähern sich geführte Exkursionen den Horsten im Nationalpark auf höchstens 300 Meter. Die befinden sich zu 80 Prozent auf hohen Strommasten. Auf Störungen reagieren die Vögel höchst aufgeregt, so dass die Naturschützer resolut gegen rücksichtslose Abenteurer vorgehen. „Es lohnt sich ohnehin kaum, einen Horst vom Boden aus in unmittelbarer Nähe zu beobachten“, meint Hendrik Fulda von der Nationalparkverwaltung. „Da bieten unsere Seen viel spektakulärere Bilder.“

Eine Gruppe von Freizeitradlern folgt ihm zum Ufer des nur wenige hundert Meter von der großen Müritz entfernten Rederangsees. Kurze Zeit später verfolgen die Touristen von einer getarnten Beobachtungskanzel aus einen sich nähernden schwarzen Punkt am Himmel. „Ein Fischadler“, ruft der Experte, und gleich werden alle Ferngläser gezückt. Wie im schönsten Tierfilm setzt der Vogel zum großen Jagen an.

Er schlägt mit den Flügeln, scheint in der Luft zu stehen und schießt dann pfeilschnell im Sturzflug durch die Luft auf den See hinab. Doch erst beim dritten Versuch packen die Krallen des Fischadlers tatsächlich einen großen Fisch, mit dem er zu seinem Horst fliegt. Die Safariteilnehmer können ihr Vogelkundlerglück kaum fassen. „Da geht einem doch das Herz auf mitten in dieser herrlichen Landschaft“, sagt ein aus Süddeutschland angereister Lehrer. „Das schafft noch nicht mal Wellnessmassage.“

Im Info-Zentrum decken sich die Adlerbeobachter mit Prospekten, Flyern und Broschüren ein. Denn außer dem deutschen Wappentier hat die Mecklenburgische Seenplatte noch mehr tierische Erlebnisse zu bieten. Im Frühjahr und Herbst siedeln hier beispielsweise zehntausende Kraniche. Wem das noch nicht genügt, der darf sich auf andere interessante Studienobjekte freuen: Gänse, Enten, Eisvögel, Rohrdommeln, Störche, Spechte oder Nachtigallen.

„Für 84 Prozent unserer Gäste sind Landschaft und Natur das wichtigste Kriterium für ihre Reiseentscheidung“, sagt Bernd Fischer, Chef des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern. „Gute Luft und Klima liegen bei 78 Prozent auf Platz zwei der Entscheidungskriterien. Kein anderes Bundesland kann solche hohen Werte in diesen Bereichen aufweisen.“ Adler-Safaris an der Müritz tragen ihren Teil dazu bei.

Folge 3:

BINNENLAND MÜRITZ

Die anderen Folgen

Strandvergnügen auf Usedom (1.3.)

Die neue Kreidezeit auf Rügen (6.3.)

Segeln im Fischland Darß-Zingst (13.3.)

Rostock und Warnemünde (17.3.)

Bad Doberan und Boltenhagen (20.3.)

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