Wellness in Meck-Pomm (4) : Die große Schwemme

Der Darß bietet ein besonderes Naturschauspiel: Das Meer spielt Transporteur und nagt an der Küste.

Claus-Dieter Steyer

Mit tiefen und weitverzweigten Wurzeln wehren sich mächtige Buchen und Kiefern gegen Sturm und Ostseewellen. Doch auf dem Darß nördlich von Ahrenshoop gibt es seit Jahrhunderten nur einen Sieger: Das Meer drückt mit einer nicht zu bändigenden Kraft gegen den 13 Kilometer langen Strand und den Wald, der dahinter auf einer leicht erhöhten Fläche steht. Langsam sterben die Bäume. Zuerst legt der Wind die Wurzeln frei, dann peitschen Sturmwellen gegen das Geflecht und spülen immer mehr Sand und Erde heraus. Die 40 bis 60 Meter hohen Baumriesen velieren den Halt, kippen immer weiter nach vorn und landen schließlich auf dem Strand. Der verschiebt sich immer weiter ins Landesinnere – jährlich zwischen 30 und 40 Zentimeter. Das merkt der Tourist zwar nicht, aber zumindest die Zeugnisse dieses seltenen Naturschauspiels verfehlen ihre Wirkung nicht.

Der beste Führer zu diesem Ort ist Hans Götze, Bürgermeister von Ahrenshoop. Trotz Dauerregens hält er sich an die nachmittägliche Verabredung zur Radpartie. „Unseren Weststrand muss man einfach gesehen haben, auch bei schlechtem Wetter“, sagt er und führt die kleine Gästegruppe entlang der Küste in Richtung Norden. Schon bald scheint die Zivilisation weit fort. Auf dem weißen Sandstrand liegen bizarr geformte Baumstämme, geborstene Äste, von der Brandung geformte Steine. In der ersten Reihe des dahinter beginnenden Urwalds stehen ausschließlich Bäume mit freigelegten Wurzeln.

Da muss der Bürgermeister nichts erklären, die Eindrücke sprechen für sich. Nach der Tour durch den autofreien Landstrich zeigt Hans Götze, welche Begeisterung der Weststrand und der ganze Darß bei ihm nach wie vor auslösen. Er zeichnet und malt diesen Landstrich, fängt das unvergleichliche Licht und den weiten Himmel ein – so wie vor mehr als 100 Jahren die Mitglieder der Ahrenshooper Künstlerkolonie.

Und er ist stolz auf seine Heimat. Er erzählt, dass der Fernsehsender „Arte“ den Darßer Weststrand in eine 20-teilige Dokumentation über die schönsten Strände der Welt aufgenommen hat. Kein anderer deutscher Strandabschnitt hat es in diese Reihe des Kulturkanals geschafft. Immerhin: Keine Strandkörbe, Imbissbuden, Hotels oder Spaßboote stören hier das Landschaftsbild. Und noch ein Kuriosum: Der am Weststrand abgetragene Sand wird am Darßer Ort an der Spitze wieder angeschwemmt. Den besten Eindruck erhält man beim Leuchtturm am Ende des Radweges. Ste.

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