Wellness in Meck-Pomm (4) : Seemannsgarn zur Kaffeefahrt

Segeln wie vor fünf Jahrhunderten: Zeesenboote mit ihrem typisch braunen Segeltuch fahren heute die Touristen über den Bodden. Und der Käpt'n macht an Bord den Unterhalter.

Claus-Dieter Steyer
Zeesenboote
Zeesenboote machen heute Törns mit Touristen. -Foto: picture alliance

Die Mischung roch erbärmlich: Ochsenblut, Rindertalk, Eichenspäne und einige andere fettige Substanzen. Doch sie erfüllte ihren Zweck. Damit strichen die Fischer in den Boddengewässern vom 15. Jahrhundert an die Segel ein, um die Baumwollstoffe vor schneller Verwitterung zu schützen. Das Tuch nahm eine dunkelbraune Färbung an, die schnell zum Markenzeichen der so genannten Zeesenboote wurde. Heute können Touristen an Bord dieser hölzernen und knarrenden Konstruktionen Rundfahrten über die Boddengewässer der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst unternehmen und bei geruhsamer Fahrt Neuigkeiten über die Fischerei in alten Zeiten erfahren. Neuerdings machen erfahrene Segler auf den nostalgischen Booten Urlauber in viertägigen Kursen zu richtigen Skippern.

Im Hafen Althagen gleich hinter Ahrenshoop fällt einer der braunen Segler mit seinem ungewöhnlichen Schriftzug am Bootskörper sofort ins Auge: "Blondine". Zwar ist weit und breit kein weiblicher Kapitän auszumachen, aber auch die zweiköpfige männliche Crew verspricht mit lockeren Sprüchen eine alles andere als dröge Tour. Kapitän Norbert - mehr von seinem Namen will er wegen der angeblich vielen Verehrerinnen nicht preis geben - lädt gleich auf einen Kaffee unter Deck ein. Das heitert die Mienen der Gäste an Bord schlagartig auf.

Eine der Landratten macht sich gar auf die Suche nach dem Eingang zur Kombüse. Norbert klopft dem Mitfahrer lachend auf die Schulter und weist ihm einen Ehrenplatz neben dem Steuermann zu. "Wir haben an Bord weder eine große Küche noch einen Speisesaal versteckt", sagt er. "Zeesenboote waren mit ihrem äußerst geringen Tiefgang ausschließlich für den Fischfang in flachen Gewässern bestimmt. Um die Aale während der nächtlichen Ausfahrten nicht aufzuschrecken, entschieden sich unsere Vorfahren für die tiefbraunen statt die üblichen weißen Segel." Außerdem, behauptet der Skipper, sei dies die ideale Tarnung für Schmugglerfahrten. Klingt verdächtig nach Seemannsgarn des humorvollen Kapitäns. Die Gäste entspannen sichtlich. Aber irgendwann weiß keiner an Bord mehr, was davon nun Dichtung ist und was Wahrheit.

Da mischt sich der Steuermann, ein jung gebliebener Mittsiebziger, ein. Er ist selbst bis Anfang der neunziger Jahre auf einem Zeesenboot zum Fischen gefahren. "Also", stellt er klar, "die braune Farbe diente tatsächlich nur der längeren Haltbarkeit der Segeltücher." Der etwas ungewöhnlich klingende Name gehe auf die "Zeese" zurück, wie die alten Fischer das am Boot befestigte Schleppnetz bezeichneten. Langsam und fast lautlos seien die 14 Meter langen Schiffe zum Fischen fast quer vor dem Wind über den Bodden gedriftet. An Bord prüfte eine zweiköpfige Besatzung den Fang.

Bis zur Wende und der damit verbundenen Auflösung der Fischereigenossenschaften gehörten Zeesenboote an der Ostsee noch zum alltäglichen Bild, erzählt der Steuermann. Damals habe sich kaum jemand vorstellen können, dass das Mitfahren auf Zesenbooten einmal zu den schönsten Touristenattraktionen der Gegend zählen würde. Traditionsvereine kümmerten sich heute um dieses Erbe.

Nach so viel Information schlägt wieder Kapitän Norberts Stunde. Das Schiff macht mächtig Fahrt, so dass die Passagiere wegen der wechselnden Segelstellung ein ums andere Mal die Köpfe einziehen müssen. Der Grund für das Tempo wird beim Blick übers Wasser klar: Ein weiteres Zeesenboot mit Touristen nähert sich. "Eine ‚Blondine' hängt niemand ab!" brüllt Norbert. Stimmt: Er gewinnt die kleine Wettfahrt.

Infos zu den Törns auf dem Bodden unter www.braunesegel.de

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