Wellness in Meck-Pomm (6) : Weißer geht's nicht

Strahlend helle Fassaden an der Ostsee – das muss sein, das ist alte Tradition. Herzog Friedrich Franz I. hat sie begründet. Und selbst das älteste Hotel an der mecklenburgischen Küste verbirgt sein Fachwerk.

Claus-Dieter Steyer
Heiligendamm
In der weißen Stadt Heiligendamm nahm die deutsche Seebäderkultur ihren Anfang. -Foto: ddp

Kurzzeitig geriet das schwedisch-deutsche Ehepaar Kross-Jonsson über die Außenfarbe ihres Friedrich-Franz-Palais im Zentrum von Bad Doberan in ernste Zweifel. „Schwarz-weißes Fachwerk oder strahlend weiß wie fast alle anderen herrschaftliche Bauten von damals?“ Die Frage war durchaus ernst gemeint. Denn Marie und Axel Kross-Jonsson hatten vier Jahre zuvor nicht irgendein Haus übernommen, sondern das allererste Hotel an der mecklenburgischen Ostseeküste. Im Jahre 1795 nannte es zwar noch niemand so, aber die Gäste blieben dort tatsächlich nur eine gewisse Zeit und erfuhren dabei eine luxuriöse Betreuung. Die wurde auch als angemessen erwartet, hieß der Bauherr des Palais doch Herzog Friedrich Franz I. Hier wollte der oberste Landesherr gut speisen und übernachten, um später im sechs Kilometer entfernten Heiligendamm das Bad in der Ostsee zu genießen. Das hatte er zwei Jahre zuvor erstmals ausprobiert und damit das erste deutsche Seebad überhaupt gegründet.

„Die Fassade trug ursprünglich tatsächlich schwarz-weißes Fachwerk“, sagt der Chef des Hotel Friedrich-Franz-Palais, Axel Kross-Jonsson. „Der herzogliche Baumeister von Seydewitz hatte sich dafür entschieden.“ Doch schon der kurze Zeit später ins Amt beförderte Architekt Severin ließ alles weiß übertünchen, um das noble Logierhaus mit angeschlossener Spielbank der Umgebung anzupassen.

Dabei wäre es höchstwahrscheinlich auch geblieben, hätte nicht eine Renovierung 1987 das alte schwarz-weiße Muster wieder hervor geholt. 1991 entschieden sich aber die zeitweiligen Besitzer erneut für eine weiße Übertünchung. Die hielt nicht lange, so dass die neuen Eigentümer Kross-Jonsson bei ihrer Restaurierung vor der Wahl standen und sich am Ende doch für „Wellness-Weiß“ entschieden. „Wir wären hier mit dunklem Fachwerk aus dem Rahmen gefallen und bei unseren Gästen vielleicht auf Ablehnung gestoßen“, glaubt der Hotelchef. „Ostsee und weiße Fassade gehören irgendwie zusammen.“

Tatsächlich wirkt gerade die Farbgebung Weiß an der Küste wie ein Stimmungsaufheller. Heiligendamm, das im Juni 2007 zum G-8-Gipfel die Staatschefs der mächtigsten Länder beherbergte, verdankt seine Faszination nicht zuletzt dem Beinamen „Weiße Stadt am Meer“. Alle bis Mitte des 19. Jahrhunderts hier entstandenen Villen erhielten, genau wie die Bauten im Bad Doberaner Zentrum, den hellen Anstrich. Nicht ganz zufällig fiel wohl auch die Wahl des Wappentiers auf einen weißen Schwan.

Auch die viel berühmte Bäderarchitektur mit ihren großen und verzierten Balkonen wäre in dunklen Farben nur halb so schön. Selbst der Bahnhof Heiligendamm der Schmalspurbahn Molli strahlt hell. Weiß war die Badebekleidung der herzoglichen Familie und deren Gäste aus dem europäischen Hochadel. Und auch die positive Ausstrahlung der Rügener Heilkreide, die in keinem großen Wellnesshotel der Region fehlt, geht nach Meinung vieler Fachleute auf die Farbe zurück. „Bei den meisten Menschen stellt sich sofort ein Gefühl von Reinheit ein“, sagt Dieter Hoffmann vom Verein der Rügener Heilkreide. Das sei sicher auch auf Fassaden im Kontrast zum dunkleren Meer zu übertragen.

Doch ausgerechnet in Bad Doberan mit seinen vielen weißen Villen und der nahen weißen Stadt Heiligendamm machte ein Muster in Schwarzweiß wie bei einem Fachwerkhaus durchaus Sinn. Schließlich ist das in der Umgebung abgebaute Moor das eigentliche Kurmittel von Bad Doberan. „Dennoch belassen wir es erst einmal bei der weißen Fassade“, erklärt der Hotelchef des Friedrich-Franz-Palais. „Das Schwarz tritt schon früh genug wieder wie von selbst zutage.“


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