Zeitung Heute : Wellness statt Windeln

Die Generation 50 plus sucht ihren neuen Lebensweg – dadurch verändern sich auch Familienstrukturen

Alva Gehrmann

Australien war super, sagt Sabine Hansen. Die 55-Jährige kommt gerade von einer sechswöchigen Australien-Reise zurück. Dort war sie gemeinsam mit ihrem Mann. Davor haben sie ihre Tochter in Irland besucht. Das Ehepaar Hansen genießt das Leben: Vor zwei Jahren ist Peter Hansen mit 63 in den Ruhestand gegangen, das Haus ist abbezahlt, die beiden Kinder sind erwachsen. Jetzt endlich haben sie genug Zeit füreinander und vor allem Ruhe. Das wird sich bald ändern, denn ihr Sohn bekommt Nachwuchs: Die Hansens werden Großeltern. Und dann?

Früher hatten Großeltern eine klare Aufgabe. Sie kamen zu Besuch, wann immer die Familie sie einlud und sie verwöhnten die Enkelkinder – schenkten ihnen die heiß ersehnte Barbie-Puppe oder die Carrera-Bahn. Genug Geld hatten sie ja. Noch heute unterstützen 23 Prozent der Älteren ihre Kinder materiell, das hat Altersforscher Martin Kohli von der Freien Universität Berlin in einer Studie herausgefunden. Weiteres Geld können die nachfolgenden Generationen durch Erbschaften erwarten.

Obwohl die Kinder der Hansens inzwischen über 30 Jahre alt sind, geben sie ihnen gelegentlich noch finanzielle Unterstützung, wenn das Geld gerade mal knapp ist. Vererben werden sie nicht viel können, denn das Geld braucht das Ehepaar für sich: für ihre Reisen und andere Hobbys. Sabine und Peter Hansen sind die typischen Vertreter der neuen „Generation 50 plus“.

„Großeltern müssen einfach mehr sein als nur Schenker“, meint auch Anne Flemmert Jensen. Die Sozialwissenschaftlerin ist Forschungsleiterin am Lego Learning Institute. Das Institut des Spielzeugherstellers Lego veranstaltete Anfang November eine Konferenz mit dem Titel „Spiel der Generationen“. Dort wurde unter anderem darüber diskutiert, was Großeltern und die ältere Generation im Allgemeinen zu einer neuen Kultur des Aufwachsens beitragen können. Und wie sich das Zusammenspiel der Generationen verbessern lässt.

Denn außer ihrem Geld hat die ältere Generation mehr zu bieten: Sie kann die Jüngeren entlasten. In vielen jungen Familien müssen heute beide Elternteile arbeiten gehen, Plätze in Kindertagesstätten sind oft begrenzt und teuer – da kann eine Großmutter oder ein Großvater der rettende Engel für gestresste Eltern sein.

In Japan hat das Engagement der Älteren Tradition. Als es noch keine Kinderkrippen gab, mussten dort stets die Mütter oder Schwiegermütter aushelfen. Und auch heute noch geben 26 Prozent der arbeitenden Frauen an, dass es die Verwandten sind, die die meiste Zeit mit der Kinderbetreuung verbringen. In Japan gibt es den Spruch: „Die Enkelkinder sind einem noch lieber als die Kinder“, sagt die Wissenschaftlerin Keiko Higuchi. Die Jungen und Alten sind dort eng miteinander verbunden, die Japaner schätzen das Wissen der Alten.

Auch in den USA gibt es Studien, die den positiven Einfluss von älteren Betreuern bestätigen. Dorothy Singer, Familienforscherin von der Yale University, hat herausgefunden, dass ältere Menschen im Spiel mit Kindern besonders deren sprachliche Fähigkeiten fördern. Zum Beispiel durch das Vorlesen von Geschichten. In Gruppen mit jungen und älteren Betreuern fiel auf, dass die Älteren zwar nicht so viel mit den Kindern herumturnten, dafür aber eher in der Lage waren, sich länger zu konzentrieren, berichtet US-Forscherin Dorothy Singer. Beide Seiten haben voneinander lernen können.

Vielleicht ist Kombination von professionellen und privaten Betreuern aus verschiedenen Generationen die Zukunft der Kindererziehung. Auch in Deutschland gibt es Omas, die sich in Kindertagesstätten engagieren oder auf der Kinderstation eines Krankenhauses freiwillig helfen. Außerdem sei solch ein freiwilliges Engagement eine gute Integrationsmöglichkeit für diejenigen, die keine Kinder und Enkel haben. Denn: Ein Drittel der Bevölkerung lebt nicht in solchen Generationsbeziehungen, sagt Familienforscher Hans Bertram von der Humboldt Universität Berlin.

Doch wer weiß, ob diese Rechnung aufgeht. Denn nicht alle Älteren wollen sich einfach so einspannen lassen: etwa als ständig abrufbereite Kinderbetreuer. Hin und wieder mal einspringen, das ist für sie okay, aber mehr auch nicht. Nur die wenigsten sehen sich hauptberuflich als Großmutter. Im Gegenzug erwarten sie auch nicht, wie dies früher üblich war, später von ihren Kindern gepflegt zu werden.

Der Generation 50 plus ist die Familie wichtig, doch sie leben lieber in ihrer eigenen Wohnung. Die Familienstrukturen verändern sich, sagt auch Hans Bertram. Meist wohnen die Eltern noch in der Nähe ihrer erwachsenen Kinder, aber eben nicht mehr in einem Haushalt. Wissenschaftler sprechen von einer „Intimität auf Distanz“.

Sabine Hansens Enkel wird nicht in unmittelbarer Nähe zu seinen Großeltern aufwachsen. Die Hansens leben in Würzburg, der Sohn und dessen Freundin wohnen in Berlin. Einbringen möchte sie sich dennoch so gut es geht. Selbst wenn sie in der gleichen Stadt mit ihrem Sohn leben würde, eine eigene Krabbelgruppe zu gründen, das kann sie sich nicht vorstellen. „Das wäre mir viel zu stressig. Außerdem möchte ich nicht die Verantwortung für so viele Kinder übernehmen“, sagt die 55-Jährige. Sabine Hansen will ihre Freiheit behalten – reisen können, sich die Zeit selbst einteilen. Auch die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren sagte einmal: „Es ist schön, wenn die Enkelkinder kommen. Es ist aber auch schön, wenn sie wieder gehen.“

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