Zeitung Heute : Wellness und Kuren in Deutschland: Kompaktkur contra Wellness

Alois Gassner

"Holen Sie tief Luft. Sie ist rein und hat die Güteklasse I", lockt Hindelang im Allgäu seine Gäste - erfolgreich, wie der Tourismusbericht beweist. Wer möchte nicht einmal in allerbester Luft seine wertvollsten Tage des Jahres verbringen? Die deutschen Kurmanager und Kurmanagerinnen wollen das auch. Und so treffen sie sich vom 20. bis 22. Oktober zu ihrer Herbst-Mitgliederversammlung in diesem Allgäuer Heilklima- und Kneippkurort. Da der "große deutsche Bädertag" erstmals bereits im Frühjahr in Bad Kissingen stattfand, haben die gestressten "Kurdirektoren / innen" nun vielleicht etwas Zeit zum Aufatmen. Klar, dass Deutschlands bestes Klima aus der Sicht der Praxis (Dr. med. K. W. Heinl, Hindelang) und der Wissenschaft (Professor W. Marktl aus Wien) die zentralen Themen des "kleinen Bädertags" sind.

Dennoch wird es sich nicht vermeiden lassen, ein paar "herzhafte" Probleme anzusprechen. So wurde kürzlich das Insolvenzverfahren gegen die Deutsche Kompakt-Kur-Zentrale eingeleitet, die es leider auch nicht geschafft hatte, diese eigentlich sinnvolle kompakte Kur - an Reha-Verfahren orientiert, aber mit Wohnen nach Wahl und weiteren individuellen Bedürfnissen kombiniert - in wirtschaftlich erfolgreiche Zonen zu bringen. 208 Kompaktkuren werden derzeit in 92 Kurorten angeboten - aber insgesamt konnten im vergangenen Jahr nur 4000 Kompaktkur-Patienten begrüßt werden. Wobei einige wenige Kurorte mit Spezial-Indikationen auch noch den "Rahm" abschöpften - wenn da überhaupt so was wie finanzielle Sahne zu gewinnen war.

Für Kompaktkuren mehr Geld - und mehr Erfahrung? Der Wirtschaftsreferent des Deutschen Heilbäder-Verbandes, Burkhard Stoyke, sieht deshalb klar, dass hier sowohl betriebswirtschaftlich als auch medizinisch ausgedünnt und konzentriert werden muss. Welcher Arzt, welche Krankenkasse, welcher Medizinische Dienst könne aus diesem nahezu unüberschaubaren Leistungsspektrum noch die absolut passende Wahl treffen für den anfragenden Patienten? Dabei sind die Spitzenverbände der Krankenkassen offensichtlich weiter an dieser Kompaktkur interessiert. Wobei natürlich schon zu fragen ist, warum sich ein Selbstzahler, der nur geringe Zuschüsse erhält, ganztägig mit vollem Therapieprogramm auslasten sollte, während der Kurgast vom Zimmer nebenan nachmittags vielleicht Ausflüge macht.

Außerdem diskutieren die Kurverantwortlichen eifrig, wie weit Wellness im Kurort-Angebot mit qualitätsreiner Kurortmedizin kombinierbar ist. Kurdirektor Rainer Mertel aus Bad Neuenahr bringt das in der Zeitschrift "Heilbad und Kurort" auf den Punkt: "Profil ist gefragt." Andererseits dürfte trotz allen Hangs zur Präzision und Qualität niemals vergessen werden, "dass unsere Angebote Spaß machen müssen. Wenn in unseren Angeboten nicht die Lebensfreude, die Lust am Dasein aufblitzt, wenn zwar gestrenge Qualitätskontrolleure begeistert sind, der Gast aber gelangweilt ist, werden wir unser Klassenziel nicht erreichen!"

Die Heilklima-Wissenschaftlerin Angela Schuh, Professorin an der Universität München sieht auch, dass sich die Kurorte an die Zeichen der Zeit anpassen, die Fitness- und Wellness-Welle aufgreifen müssen. Wobei präventive kurmedizinische und klimatherapeutische Maßnahmen durch seriöse Wellness-Anwendungen in idealer Weise unterstützt würden. Eine klare Abgrenzung der Wellness von Kurortmedizin und Klimatherapie aber sei nötig, wenn diese als rehabilitative Maßnahme durchgeführt werde. Auch der Kurwissenschaftler Jürgen Kleinschmidt fordert, dass die ursprüngliche medizinische Kur unter Wellness-Angeboten nicht verschüttet werden dürfe - sie sei schließlich Basis der staatlichen Anerkennung für den Ort.

Der Präsident des Deutschen Heilbäderverbandes (DHV), Professor Manfred Steinbach, formuliert: "Basis für die medizinische Kur-Tradition sind die Qualität, die Zertifizierung, die Norm oder die Standards. Auf dieser Basis öffnet sich das Kur- und Bäderwesen neuen Aufgaben." Für den innovativen Kurortverantwortlichen sollte das keinen Spagat bedeuten. Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit müssten auch bei Wellness die Maßstäbe der strengen, qualifizierten und zertifizierten Kuren angewandt werden: Seriöse Angebote statt zweifelhafter Programme seien in den kontrolliert-qualifizierten Kurorten Voraussetzung.

Wer sich allerdings die Prospekte durchliest: Da steht mehr von Wellness und Wohlfühlen drin als von der zertifizierten Kur. Aber der Markt ist ja oft schneller als ein Verband.

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