Zeitung Heute : Welt Bettgeschichten aus aller

Es gibt Menschen, die Fremde bei sich übernachten lassen – das Internetportal „Coachsurfing“ bringt sie zusammen. Der Berliner Fotograf Malte Jäger hat Gastgeber auf allen fünf Kontinenten besucht.

David Weyand
Dieses Foto aus Brooklyn gewann den „World Press Award“.
Dieses Foto aus Brooklyn gewann den „World Press Award“.Foto: Malte Jaeger/laif

Was verbindet einen missgelaunten Marinekapitän in Mumbai mit dem Oberhaupt einer zwanzigköpfigen Familie in Malis Hauptstadt Bamako und einem Nudisten aus New York? Sie alle bieten wildfremden Menschen einen Platz zum Schlafen an. Kostenlos. Auf der Couch, im Gästebett oder einfach auf dem Boden.

Besucht hat sie der Berliner Fotograf Malte Jäger, 34. Für sein Projekt „Couchsurfin’ the World“ begleitete er in den Jahren 2009 und 2010 Reisende – bis hinein in ihre Schlafquartiere bei fremden Gastgebern. Mit einem Deutsch-Ägypter fuhr er in einem alten Mercedes von Berlin nach Benin, in Zentralasien folgte er einem indischstämmigen Sikh aus Neuseeland, und in Brasilien reiste er mit einem Italiener. Statt in Hotelbetten mit Steppdecken und Frotteewäsche schliefen sie in Jurten und Hängematten, auf Holzpritschen und Perserteppichen, unter Bäumen in Ouagadougou und unter dem New Yorker Sternenhimmel. Mit der Kamera dokumentierte der Berliner die Globetrotter und ihre ungewöhnlichen Nachtlager, kürzlich veröffentlichte er dazu einen Bildband („Couchsurfin’ the World“, Edition Braus Berlin).

Getroffen hatten sich Gäste („Surfer“) und Gastgeber („Hosts“) über das Internetportal Couchsurfing. Seit 2003 finden Menschen aus aller Welt über das „Gastfreundschaftsnetzwerk“ ihre Schlafplätze. Anmeldung und Nutzung sind kostenfrei. Über dreieinhalb Millionen Mitglieder gibt es, in Berlin sind 50 000 registriert. Die Benutzer teilen den Wunsch, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen, ihnen ihr Zuhause vorzustellen. Mit Couchsurfing wird „Sightseeing zum Lifeseeing“, sagt Jäger. „Als Tourist ist man in einer fremden Umgebung Außenseiter, als Couchsurfer ist man Teil eines lokalen Netzwerks.“

Jede Wohnung ist ein Abenteuer. In einer indischen Bauernhütte schlief er auf dem Steinboden, in einem Washingtoner Wohnzimmer piesackten ihn Flöhe, in Zentralasien musste er mitten auf dem Hof ein Loch als Toilette benutzen – das war der Abort der Familie. Über 50 Gastgeber auf fünf Kontinenten lernte Malte Jäger kennen. Manche hatten bereits Erfahrungen mit 100 Reisenden, der Großteil lud zwei, drei Mal im Jahr Gäste ein. Herzlich waren sie fast alle. So wie der Familienvater in Mali, der sie abends zu einem Dinner auf der Veranda empfing – zwei Butler inklusive. Nur einmal warf ihn ein Marinekapitän aus seiner Wohnung in Mumbai. Der 65-Jährige hatte ohne Wissen seiner Frau mal wieder Couchsurfer eingeladen. Sie war so erbost darüber, dass der Kapitän die Gäste kurzerhand auf die Straße setzte – alle fünf.

„Naked Paul“, der Nudist aus Brooklyn, würde sich da noch einsam fühlen. Zwischen Klappliegen, Rucksäcken und Kopfkissen findet sich auf dem Boden seiner 90-Quadratmeter-Wohnung kaum ein freies Fleckchen. Bis zu 14 Couchsurfer tummelten sich bei ihm. Dass Paul den ganzen Tag nackt durch sein Appartement strolcht, war nur anfangs ungewöhnlich, erinnert sich Jäger. „Er ist einfach ein netter und sympathischer Kerl.“ Sonst hätten wohl kaum schon über 300 Gäste bei ihm geschlafen. Dass sich der Fotograf aus Berlin besonders gerne an die Wohnung des nackten New Yorkers erinnert, hat noch einen anderen Grund: 2011 gewann er mit einem Bild, das er in der Wohnung aufgenommen hat (Mitte untere Reihe), einen zweiten Platz beim renommierten „World Press Award“. David Weyand

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