Zeitung Heute : Welt der Ideen

„Bei der Forschung nicht kleckern, sondern klotzen.“ Eine markige Angela Merkel an der FU

Anja Kühne

Im Studentenstreik vor anderthalb Jahren haben Studierende hier mit Latten und Eiern Jagd auf Professoren gemacht. Doch am Freitag früh sind wütende Studenten nirgends zu sehen. Niemand hält Angela Merkel auch nur ein Plakat gegen Studiengebühren ins Gesicht, als sie an der Seite von Universitätspräsident Dieter Lenzen den Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin in Dahlem betritt. Stattdessen warten vor den Türen neben Polizisten freundlich lächelnde Hostessen im grauen Kostüm. Der FU-Asta hat den Termin verschlafen. Kein Misston verdirbt der Freien Universität ihren Coup.

Die FU ist im Glück. Fünf Nobelpreisträger sind angereist, um in Dahlem über „Originalität und Kreativität in der Wissenschaft“ zu diskutieren. Das Beste aber: Angela Merkel. Als sie vor Monaten eingeladen wurde, wusste niemand etwas von Neuwahlen, Merkel war noch nicht Kanzlerkandidatin. Nun wird die FU plötzlich zur Plattform, von der aus die wahrscheinlich erste Bundeskanzlerin ihre wissenschaftspolitischen Grundsätze erklärt. Die jetzige Regierung zog es bei solchen Anlässen noch immer zur Konkurrentin der FU im Zentrum der Hauptstadt, zur Humboldt-Universität.

Jetzt also richten sich die Fernsehkameras endlich auf die Freie Universität. Schon weil Merkel Distanz zur Humboldt-Uni halten muss. Sonst würde sie sich dem Verdacht des Nepotismus aussetzen. Denn dort leitet ihr Mann, der Chemie-Professor Joachim Sauer ein riesiges Projekt, den Sonderforschungsbereich 546 mit dem Namen „Struktur, Dynamik und Reaktivität von Übergangsmetalloxid-Aggregaten“. Der Professor hat sowieso keine Lust auf noch mehr Aufmerksamkeit. Für seine Vorlesungen verabredet er sich mit Studierenden mittlerweile an geheimen Orten, wird behauptet.

Viele Deutsche können Computer bedienen, „aber keine Kartoffeln mehr kochen“, hat Merkel erst am Vortag vor 3000 Landfrauen und deren Präsidentin Erika Lenz in Rostock bedauert. Hauswirtschaftliches Wissen wie Kochen und Einkauf müsse wieder in die Schulen getragen werden. Auch das ist ein Beitrag zur Bildungsdebatte. Doch heute spricht Merkel nicht vor Präsidentin Lenz, sondern vor Präsident Lenzen, vor Vertretern der Wissenschaft. Da ist der Computer wichtiger als in Rostock. Der Deutsche Konrad Zuse hat ihn erfunden. Trotzdem ist Deutschland mit nur einem „beschämend geringen Anteil an der Wertschöpfungskette beteiligt“, ruft Merkel empört in den Saal.

Die Kanzlerkandidatin hat Schnupfen. Aber die verstopfte Nase und ein gelegentlicher Hustenreiz halten sie nicht davon ab, markig zu klingen. Die Union will bei der Forschung klotzen, nicht kleckern, lautet die Botschaft. Im globalen Wettbewerb zählt die eigene Geschwindigkeit nur relativ, sagt Merkel: „Wenn die Chinesen sich fünf Mal schneller bewegen als im letzten Jahr, und wir haben uns nur doppelt so schnell bewegt, dann hängen uns die Chinesen trotzdem ab!“

Wie will sie das verhindern? Unbedingt müssten die Ausgaben für Forschung am Bruttoinlandsprodukt auf drei Prozent gesteigert werden, „egal, wer in Deutschland regiert!“ Ist es das schon, das erlösende „Ja“ zum Elitewettbewerb der Universitäten, auf das die Wissenschaft wartet? Wird Merkel die knapp anderthalb Milliarden tatsächlich im Haushalt verankern? Nein, das ersehnte Machtwort fällt nicht. Nur „froh“ ist sie, dass die Länder das Exzellenz-Programm zur Stärkung von Forschung an Universitäten jetzt durchgewinkt haben.

Die wahrscheinlich zukünftige Bundeskanzlerin spricht vor dem Wappen der FU. Doch sie schweigt zum Genius Loci. Dazu, dass der Henry-Ford-Bau von Amerikanern gestiftet und von Konrad Adenauer persönlich eingeweiht wurde, dazu, dass hier John F. Kennedy auftrat. Kein nettes Wort fällt für die FU, es bleibt dem Uni-Präsidenten überlassen, die Bedeutung von Freiheit für die Forschung zu beschwören und die Kontinuität mit der Geschichte zu suchen. Merkel lebt im Hier und Heute. Die Deutschen sollten sich „nicht nur mit den Größen der Vergangenheit befassen, sondern sich für die Zukunft interessieren“, sagt sie.

In der Forschung besteht dabei durchaus auch eine gemeinsame Schnittmenge mit den Rostocker Landfrauen. Nämlich die grüne Gentechnik, eine Zukfunftsindustrie. Ein weiteres attraktives Feld ist für Merkel die Militärforschung, die in den USA durchaus zu zivilem Nutzen führe. „Land der Ideen“ lautet der Titel ihres Vortrags, damit spielt die Spitzenkandidatin auf das Motto der nächsten Fußballweltmeisterschaft an. In Merkels „Land der Ideen“ sollen sich die Natur- und die Geisteswissenschaften nicht weiter voneinander „entfremden“. Die Unterschiede zwischen Fachhochschulen und Universitäten sollen nicht verwischen. Jede Uni, die es will, soll Studiengebühren einnehmen: „Dann werden wir ja sehen, welche Unis attraktiver sind!“, ruft sie. Es klingt fast drohend.

Meint Merkel es wirklich ernst mit der Wissenschaft, wird es für die Republik einen Unterschied machen, wenn eine ehemalige Forscherin regiert? „Als Physikerin hätte sie womöglich den Nobelpreis angestrebt“, hat ein ehemaliger Mitschüler über sie gesagt. Doch Merkel ist Politikerin geworden. Als die Nobelpreisträger in den Ledersesseln auf dem Podium Platz nehmen, hat sie den Raum schon verlassen. So hört sie auch nicht mehr, wie Sir Harold W. Kroto, 1996 Chemie-Nobelpreisträger, später die Hoffnungen der Wissenschaftler dämpft. Auch Margret Thatcher war Wissenschaftlerin – und ließ sich gerade deshalb von Forschern nicht gerne Rat erteilen: Die Chemikerin „wusste schon immer alles“, sagt Kroto. „Doch wer sich seiner Sache zu sicher ist, wird am Ende überrascht.“

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