Zeitung Heute : Welt des Zorns

Aufstände, Proteste und Gewalt bestimmen das Bild. Geraten die islamisch geprägten Länder außer Kontrolle?

A. Nüsse[Kairo] F. Jansen[D. Rosenfeld]

Hat sich die Gefahr von Terroranschlägen in Europa durch die Eskalation der Gewalt und des Hasses erhöht?

Ja. Die Gefahr ist gewachsen. Und zwar aus drei Gründen: Erstens kann die aggressive Stimmung die Radikalisierung gerade der jungen Muslime in aller Welt befördern und deren Bereitschaft zum Dschihad bestärken. Ein Beispiel hierfür sind die Anschläge in London, die von britischen Muslimen verübt wurden. Auch in einem Land in dem Integration scheinbar gelungen ist, gibt es keine Gewähr, von Terror verschont zu werden. Zweitens könnte der auflodernde Hass gewalt- und aktionsbereiten Islamisten den Anstoß geben, loszuschlagen. Und zum dritten werden die Vorwürfe um die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen früher oder später wahrscheinlich zum PropagandaInstrument von Al Qaida. Ein Merkmal des Terrornetzes ist es schließlich, sich aller sich bietenden Konflikte zu bedienen, um so die eigene Macht zu stärken.

Mischen die UN sich ein?

Die Vereinten Nationen treten als Vermittler auf. Generalsekretär Kofi Annan hat sich immer wieder zu dem Streit geäußert. Er übte Kritik an der dänischen Zeitung, die die Karikaturen veröffentlichte und verurteilte die gewaltsamen Ausschreitungen zugleich. „Ich respektiere die Pressefreiheit, aber sie ist keine Lizenz, sie verlangt Verantwortung und Urteilsvermögen. Wir müssen sensibel mit anderen Religionen umgehen und sie respektieren“, sagte Annan. Er appellierte an alle, „einen Dialog anzufangen und Worte und Aktionen zu vermeiden, die die Situation weiter anfachen könnten“.

Die Bilder, die die westliche Welt aus den arabischen Ländern erreichen, zeigen die Proteste nur in Ausschnitten. Wie groß sind diese „Massen“ wirklich?

Das ist kaum zu sagen, da oft friedliche Massendemonstrationen durch gewaltbereite Gruppen aufgemischt werden. Dennoch sind sich Kommentatoren in der islamischen Welt einig, dass nur kleine, entschlossene Extremistengruppen für die Gewalt verantwortlich sind. Diese machen mitunter die Tatsache zu nutze, dass die meisten Muslime wenig Konkretes über die Karikaturen wissen, weil sie sie gar nicht gesehen haben.

Welche Staaten unterstützen die Aufstände und welche rufen zur Mäßigung auf?

Keine Regierung hat offiziell zu Gewalt aufgerufen. Gleichwohl nutzen Länder wie Syrien und der Jemen die Proteste, um von sozialen und politischen Spannungen im Inneren des Landes abzulenken, sagen Nahostbeobachter. „Jede geschwächte Regierung wird die Leute auf die Straße treiben, um Punkte zu sammeln“, sagt Antoine Basbous, Direktor der Pariser Beobachtungsstelle für arabische Länder. Einigen Regierungen böten die Mohammed-Zeichnungen aber auch die Möglichkeit, offene Rechnungen mit Europa zu begleichen, meint Nahostexperte Oliver Roy. Die europäischen Staaten zahlten der Preis für ihre Einmischung in Krisenländern, zum Beispiel für die Reaktionen auf den Wahlsieg der radikal-islamischen Hamas in den Palästinensergebieten.

Was können religiöse Autoritäten tun?

Die Möglichkeiten der Imame und Vorbeter sind begrenzt. Sie können in den Moscheen die Gläubigen aufrufen, friedlich zu demonstrieren. Sie können die Anwendung von Gewalt verurteilen, wie sie es in einigen Ländern bereits getan haben. Allerdings haben die staatlichen Imame in der arabischen Welt Glaubwürdigkeitsprobleme. Sie sind in der Regel Verlautbarungsorgan der autoritären Regime.

Könnte dieser Streit wirtschaftliche Folgen für Deutschland haben?

Dass es Deutschland wie Dänemark ergeht und Iran einen Handelsboykott verhängt, ist vorerst unwahrscheinlich – auch wenn, die EU-Kommission in Brüssel erklärt hat, eine Boykott dänischer Waren sei gleichbedeutend mit einem Boykott von EU-Waren. „Es gibt dafür keinerlei Anzeichen“, sagt Jochen Clausnitzer, Nahostexperte beim Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK). Anders als Dänemark ist Deutschland einer der bedeutendsten Handelspartner Irans – nach Japan, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten steht Deutschland an vierter Stelle. Die Exporte nach Iran beliefen sich im vergangenen Jahr auf 4,5 Milliarden Euro.

Verschärft der Karikaturenstreit die Auseinandersetzung um Irans Atomprogramm?

Ja, sagen deutsche Politiker. Sie werfen Iran vor, es würde die Proteste instrumentalisieren. „Man muss einen Zusammenhang sehen zwischen der geschlossenen Haltung der Staatengemeinschaft im Atomstreit und den teilweise organisierten gewaltsamen Demonstrationen gegen die Karikaturen“, sagte Gernot Erler, Staatsminister im Auswärtigen Amt. Iran versucht Druck aus dem Atomstreit zu nehmen, indem sich Teheran an die Spitze der Anti-Karikaturen-Bewegung setzt. Die Mullahs wollen es so darstellen, als ginge es dem Westen nur darum, die iranisch-muslimische Nation zu demütigen und ihrer Rechte zu berauben. Teheran will einen Kulturkampf inszenieren, damit es so aussieht, als wäre die Atomfrage nur ein Teil der Herabsetzungen.

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