Zeitung Heute : Weltbürger am Weltende

Der Tagesspiegel

Von Beat Sterchi, Realp

Wenn man nach Realp fährt, dann fährt man in die Berge. Über Rampen und Kehrschleifen, durch Tunnel und Lawinenschutzgalerien führt die Strasse steil durch die Schöllenenschlucht hinauf mitten in die Herzkammer der schweizerischen Eidgenossenschaft. Über den senkrecht aufsteigenden Felswänden sind keine Gipfel zu sehen. Nur ein schmales Stück Himmel. Hier wurde einst mit einer kühn über den Abgrund gespannten Steinbrücke die erste Nord-Süd-Verbindung über den Gotthardpass eröffnet. Als derart gottesverachtend wurde das Unterfangen betrachtet, diese wilde Schlucht begehbar zu machen, dass man die Brücke Teufelsbrücke nannte. Die Menschen wagten sich der Sage nach auch erst hinüber, nachdem ein Ziegenbock vorausgegangen war.

Ganz hinten im Urserental auf 1538 Metern Höhe, wo die Welt schon fast zu Ende zu gehen scheint, liegt Realp. Mit 170 Einwohnern ist das Dorf die kleinste Gemeinde im Kanton Uri. Stimmberechtigt sind 139 Frauen und Männer. Und die haben neulich bei der Abstimmung über den Beitritt zur Uno für eine kleine Sensation gesorgt: 73 Prozent sind es gewesen, die hier in Realp mit Ja stimmten. Damit lag das Dorf haushoch über dem Schweizer Durchschnitt von 55 Prozent Ja-Stimmen. Noch erstaunlicher wird das Ergebnis, wenn man sich die Umgebung ansieht: Der Kanton Uri hat die Vorlage mit 59,7 Prozent Nein-Stimmen verworfen. Warum bloß ist Realp, dieses kleine Dorf, eine so große Ausnahme? Also, das wisse sie wirklich nicht, sagt die Frau am Schalter des Bahnhofs in Realp lachend. Sie persönlich kenne überhaupt niemanden, der mit Nein gestimmt habe. Das sei hier eben so.

„Wir sind keine Kopfnicker“

Aber irgendeine Erklärung wird es doch geben müssen. Sehen wir uns also ein wenig um. Gleich neben dem Bahnhof befindet sich der Dorfladen. Die Regale sind voll, es gibt alles, was man braucht. Auch einen Ständer mit Postkarten. Sie zeigen das Dorf, ein paar Häuser, eine weiße Kirche, ein schönes kleines Hotel Post. Auf andern Karten viel blauer Himmel und weiße Berge, ein Skilift, Langläufer in der Loipe, zwei oder drei offensichtlich als Sehenswürdigkeit eingestufte Holzhäuser. Dann die roten Züge der Furka-Oberalpbahn in der wilden Schneelandschaft. Geführt wird das „Dorf Lädeli“ von Gaby Simmen. Für sie ist der Fall sonnenklar: „Wir hier in diesem Dorf müssen weltoffen sein, denn ohne andere können wir nicht überleben.“

In der Tat ist vom urwüchsigen, traditionell konservativen Bergbauerntum in Realp außer dem obligatorischen Misthaufen und einem an einen Stall gelehnten Hornschlitten nicht mehr sonderlich viel zu sehen. Das Dorf ist vom Tourismus abhängig. Die Sommer und Winter durch den Furkatunnel verkehrende Bahn stellt ein Dutzend Arbeitsplätze, ungefähr ebensoviele gibt es in der Hotellerie. Allerdings: Die zum Tourismus gehörende Weltoffenheit hinderte die meisten andern Ferienorte der Schweiz nicht daran, massiv gegen den Uno-Beitritt zu votieren.

Alfred Simmen ist ein korpulenter Mann mit einem markanten Schädel. Genüsslich breitet der Wirt des Hotel des Alpes eine Zeitung aus. „Die Schweiz und Realp sorgen für Schlagzeilen“, ist da zu lesen. In der Tat, auffällig sei dieses Wahlverhalten schon, sagt er. Aber keiner solle jetzt denken, die Realper seien regierungstreue Kopfnicker. „Im Gegenteil“, sagt Alfred Simmen in seinem melodiösen Urner Dialekt, „wir denken einfach ein bisschen weiter.“ „Wir“, sagt er ganz selbstverständlich und meint damit wirklich das ganze Dorf, die ganze Gemeinde. „Wir wissen, dass man nur etwas bewegen kann, wenn man miteinander spricht und gemeinsam Lösungen sucht. Sei es auf kommunaler oder internationaler Ebene.“

Zu bewegen gibt es viel, in einem bevölkerungsarmen, an der Abwanderung leidenden Bergdorf. Ehrenamtlich kümmert man sich um Wasser und Wege, sowohl die Männer als auch die Frauen sind bei der Feuerwehr engagiert. Weil die finanziellen Mittel äußerst knapp sind, muss jeder mit anpacken. Gerade haben sie mit vereinten Kräften das alte Gemeindehaus zum neuen Schulhaus umgebaut. Kaum jemand, der nicht eingespannt werden muss in Ämter und Kommissionen.

Die Weltoffenheit des Dorfes hänge gerade mit den beschränkten Einkommensverhältnissen zusammen, meint Alfred Simmen. Viele Realper arbeiteten auswärts, „die Jugend ist irgendwo draußen in der Welt“. Das bringe frischen Wind.

Weil das hier schon lange so ist, haben die Realper auch schon bei der letzten Uno-Abstimmung mit Ja gewählt, also gegen den Trend in der Gesamtschweiz. Und 1972 führte Realp als erste Gemeinde im Kanton Uri das Frauenstimmrecht ein.

In Realp wissen alle, was Solidarität bedeutet. Noch ist der Zugang zum Dorf nicht absolut wintersicher. Bei starkem Schneefall ist man wegen der Lawinenabgänge oft tagelang vom Rest der Welt abgeschnitten. Bei solch extremen Verhältnissen, vergesse man die kleinen Streitigkeiten, die es in jeder Gemeinde gebe, sagt Alfred Simmen. „Ein Hauch von miteinander Leben und Leiden.“

„Wir sind eine katholische Gemeinde, und bei uns ist es üblich, dass wir am Sonntag in die Kirche gehen. Danach trifft man sich zum Aperitiv, und da wird dann kräftig politisiert“, sagt Roland Simmen, der Gemeindepräsident von Realp. Was bei diesen Gesprächen herauskomme, das werde in die Familien getragen und dort weitergegeben. So entsteht in der Gemeinde eine große Einigkeit über viele Fragen. „Parteipolitik machen wir aber nicht“, sagt Roland Simmen dann. Der eigentliche Chef hier oben in den Bergen sei so oder so die Natur, das Wetter und vor allem der Schnee, mit dem sie sieben Monate im Jahr leben müssen.

Roland Simmen trägt den grünen Uniformpullover der Armee. Obwohl er einem Dorf vorsteht, das exemplarisch für die neue Öffnung der Schweiz steht, arbeitet er bei der Festungswache. Und zwar mitten in jener uneinnehmbaren Alpenfestung, als die sich die Schweiz lange verstand. Das Gotthardmassiv und besonders das in sich geschlossene Urserental spielten eine zentrale Rolle in der militärischen Rückzugsstrategie, die unter dem Namen „Reduit“ bekannt ist. Nach 1939 hatte die Schweiz diesen Militärplan entwickelt und so weit in den kalten Krieg hinein beibehalten, dass er für große Teile der Bevölkerung zur untilgbaren Selbstverständlichkeit wurde. Die Sympathie für den Populisten Christoph Blocher und seine rechtsbürgerliche Schweizerische Volkspartei, geht noch heute auf diese Abkapselungsmentalität zurück. Geplant war, bei einem Angriff von Nazi-Deutschland das Schweizer Mittelland mit allen großen Städten und der ganzen Industrie preiszugeben. Die Armee sollte sämtliche Brücken und Tunnel sprengen, um sich dann in den Bunkern der Hochtäler rund um den Gotthard zu verschanzen. Außer sich selbst hätte die Armee damit auch die legendäre eidgenössische Freiheit und Unabhängigkeit gerettet.

Das Tal der Bunker

In Realp, im Zentrum der weit verzweigten Bunker- und Festungssysteme, haben viele Zweifel an solchen Abschottungsstrategien. „Ich habe mit Ja gestimmt“, sagt einRentner, der seinen Namen nicht erwähnt haben möchte. „Wenn nämlich ein Krieg ausbricht, ist es wichtig, dass man mit anderen verbündet ist. Was will die Schweiz allein machen, wenn einer auf uns loskommt?“ Für ihn besteht kein Zweifel, dass auch Hitler, allen Bunkern des „Reduits“ zum Trotz, die Schweiz hätte einnehmen können. „Die wären doch nicht durchs Tal gekommen. Von oben wären sie gekommen. Wie die Amerikaner!“ Und er erinnert sich noch genau, wie deren Brummer über Realp in Richtung Mailand geflogen seien. Erst habe man die Bomber gesehen und später habe es gekracht. Es sei nämlich sehr „ringhörig“, das heißt hellhörig, hier bei ihnen in den Bergen.

Gut zu hören ist in dem stillen Realp auch die Kirchenglocke. Sie schlägt die Stunden auffällig langsam. Fast bedächtig verklingen die Schläge über die schneebedeckten Lawinenhänge in den Abend hinein. In der Gaststube im schmucken Hotel Post gleich neben der Kirche, knarrt der Boden unter den Füßen vor Gemütlichkeit. Nein, sie sei nicht abstimmen gegangen, sagt die Wirtin, während sie auf einem für ein großes Fondueessen gedeckten Tisch die Gabeln verteilt. Warum auch? „Realp“, sagt sie, „ist einfach so.“

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