Zeitung Heute : Weltenbummler im Sechsbettzimmer

Der Tagesspiegel

Von Margret Steffen

Wenn Dale noch weiter sitzen bleibt, fallen ihm die Augen zu. Amsterdam war kein Spaziergang: Coffeeshops und Heineken, Party nonstop mit Travellern. Vergangene Nacht hockte er mit Freund Ryan im Zug. Jetzt sind sie endlich in Berlin, die Mittagssonne meint es gut, und sie schlafen im Sitzen ein. Die beiden Kanadier können erst um zwei Uhr in den „Circus" einchecken. Voll bis unters Dach ist das Hostel am Rosenthaler Platz, die Saison hat begonnen. „Die Stadt kann sich innerhalb eines einzigen Tages total füllen", sagt Christian Göppert, Mitbesitzer des „Circus". Seit März gibt es für Rucksackler und Abenteurer kein Halten.

Christian ist Herr über 300 Betten, trinkt Caffe Latte im Stehen und erklärt gerade zwei Brasilianern, wie sie an ein Visum nach Estland kommen. An der Rezeption staut sich ein Trupp Amerikaner, hinter ihnen Berge von Rucksäcken. Ist der „Circus" voll, greift Christian zum Telefon und fragt die Konkurrenz. Das ist eher untypisch: „In Amsterdam heißt es Tschüs, wenn es voll ist. Oder frag mal in London an der Rezeption nach einem Supermarkt – da kommt schon mal Schulterzucken", sagt der 30-Jährige.

Backpacker-Hotels in Berlin funktionieren anders. Sie haben jetzt ein eigenes Netzwerk mit anderen Städten gegründet. „Seit dem Sommer 2000 haben ehemalige Traveller enorm viele Hostels in Berlin aufgemacht," sagt Sarah Lehmann, die drei Jahre das heutige Pegasus-Hostel in Berlin-Friedrichshain führte. „Wir haben uns gegenseitig vorgestellt und kennen uns", erzählt sie.

Die 33-Jährige ist Mitinitiatorin des „Backpacker-Network Germany". Damit wollen sich die Häuser auch gegen die Billigbetten großer Hostel-Ketten organisieren. „Mit Preisdumping untereinander schaden wir uns nur. Langfristig gehen dann alle ein, denn die Mieten sind hoch", sagt Sarah.

Das unkommerzielle Netzwerk birgt praktischen Nutzen: „Wir warnen uns in Berlin, wenn durchgeknallte Gäste unterwegs sind oder jemand nicht bezahlt hat." Als der Bettwäsche-Lieferant plötzlich seine Preise verdoppelte, handelte Sarah woanders bessere Konditionen aus – für alle Hostels.

Auch der „Circus" bekommt heute Wäsche. „Und zwar nicht wieder um sieben Uhr abends, wie neulich", sagt Christian erleichtert. Jetzt werden eilig Betten bezogen – auch für Dale und Ryan. Die beiden surfen gerade neben der Eingangstür durch Berliner Club-Termine. „Aber keine Website und kein Buch sind so effektiv wie Mund-zu-Mund-Propaganda", sagt der 22-jährige Dale. In Dublin schwärmte eine Australierin vom „Circus": Viel Party gebe es da und nette Leute. Jetzt ist er hier. Christian kennt das: „Geheimtipps sind immer die besseren", sagt er. So wissen die Argentinier, dass man im „Sunflowers" Spanisch spricht. Junge Briten schätzen das „Clubhouse" in Berlin-Mitte als Partyzentrale.

„Langsam entdecken auch die Deutschen das Hostel", sagt Christian. Für Seminarteilnehmer oder Messebauer sind die Unterkünfte ab 13 Euro pro Nacht gerade richtig. Kein Höchstalter, keine Schulklassen, keine Mitgliedschaft. „Die Häuser in Berlin sind jung, die Regeln unkompliziert," sagt Christian. Dazu ein gewisser Standard: „Gemischte Duschen ohne Trennwände wird man hier nicht finden, auch keine 60-Mann-Schlafsäle." Nach Berlin wollen vor allem geschichtsbewusste US-Amerikaner und Kanadier, im Winter Australier, die dann Sommerferien haben. Dazu kommen europäische Traveller. „Im August sind italienische Wochen", sagt Sarah. „Lustige Leute, jede Menge Essen und verwüstete Küchen." Für das Netzwerk arbeitet sie eng mit den Hostels in Prag und Budapest zusammen. Dort herrschte vor vier Jahren noch Krieg um die Traveller. Konkurrenten schmuggelten einander Kakerlaken in die Häuser.

Später wollen auch Dale und Ryan nach Tschechien. Jetzt aber ist der Weg ins Mehrbettzimmer frei. Holzfußboden, neue Betten – der „Circus" wurde erst zu Jahresbeginn wieder eröffnet. „Das ist hier ein bisschen wie Fünf-Sterne-Hotel", sagt Dale und blickt zufrieden auf den Rosenthaler Platz. Da unten lockt Berlin-Mitte. Und was nach Mauer, Museen und Stadtführung kommt, ist klar: „Leute treffen und ordentlich feiern."

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