Zeitung Heute : Welterbe-Kandidat in Weißensee

Der Jüdische Friedhof soll auf die Unesco-Liste. TU-Forscher dokumentieren das Gräberfeld.

Sybille Nitsche

Der Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee soll ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen werden. Das Landesdenkmalamt Berlin arbeitet an einem entsprechenden Antrag. Seine Architektur, seine Größe und die Tatsache, dass viele herausragende Persönlichkeiten dort bestattet sind, die die Bedeutung der Berliner Jüdischen Gemeinde im Kaiserreich und in der Weimarer Republik verdeutlichen, machen ihn zu einem wertvollen Zeugnis jüdischen Lebens in Deutschland.

Bevor ein solcher Antrag gestellt werden kann, muss die Grabanlage detailliert erforscht werden. Das Landesdenkmalamt beauftragte deshalb das TU-Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte unter Leitung von Professor Johannes Cramer mit einer umfassenden Dokumentation, denn die systematische Erfassung und Erforschung baulicher Zeugnisse ist ein Schwerpunkt des Fachgebietes.

Gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt Berlin, dem Centrum Judaicum sowie der Jüdischen Gemeinde von Berlin wurde ab 2007 zunächst eine Tiefenerfassung für etwa 5000 Gräber vorgenommen. Pro Bestattung sammelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwischen 50 und 170 verschiedene Informationen: biografische Daten aus den Friedhofsarchivalien wie Namen, Geburts-, Wohn- und Sterbeort, Geburts- und Sterbedaten, Familienstand, Beruf und Todesursache genauso wie Angaben zum Bestattungszeremoniell und der Grabstellenart. Zudem untersuchten sie die Grabmale selbst. Die Forscher machten Angaben zur Inschrift und erforschten die Grabarchitektur, die Grabornamentik und das Material unter kunstwissenschaftlichen und denkmalpflegerischen Aspekten. Dokumentiert wurden zudem der Zustand des Grabes und die Ursachen für bestehende Schäden. Schließlich wurde jedes Grabmal mehrfach fotografiert und mit den Daten verknüpfte digitale Pläne erstellt.

Ziel des Pilotprojektes war es, ein System für die Inventarisierung des gesamten Friedhofs zu entwickeln. Seit 2010 werden nun alle 116 000 Gräber in einer Datenbank erfasst. Bis Ende des Jahres soll die Inventarisierung abgeschlossen sein. Um auch den Wert des Friedhofs als Natur- und Gartendenkmal belegen zu können, erfasste das TU-Fachgebiet Ökosystemkunde/Pflanzenökologie zudem die Vegetation.

„Neu auf dem Gebiet der Friedhofsinventarisierungen ist die systematische Erhebung der Daten – nicht nur wegen des enormen Umfangs, sondern vor allem wegen der Verknüpfung sämtlicher Aspekte des Grabmals innerhalb einer Datenbank“, sagt der Leiter des Projekts, Tobias Rütenik. „Damit wurde eine Infrastruktur geschaffen, die interdisziplinäre und vor allem automatische Auswertungen ermöglicht.“ Auf diese Weise, hofft Rütenik, können die Wissenschaftler zur Erforschung sowie der nachhaltigen Sanierung und Pflege des Denkmals beitragen.Sybille Nitsche

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