Welthunger-Index : Über den Tellerrand

Weltweit hungern 1,2 Milliarden Menschen. Vor allem Indien und Afrika sind betroffen. Woran liegt das?

Dagmar Dehmer
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Die Weltwirtschaftskrise setzt die armen Haushalte in den Ländern mit einer unsicheren Ernährungssituation noch weiter unter Druck. Das geht aus einer Studie der Weltagrarorganisation (FAO) und des Welternährungsprogramms (WFP) hervor, die am Mittwoch veröffentlicht worden ist. Danach leiden 1,2 Milliarden Menschen Hungers. 642 Millionen von ihnen leben in Südasien, 265 Millionen in Afrika südlich der Sahara, 53 Millionen in Lateinamerika und der Karibik, weitere 42 Millionen in Nordafrika. Rund 15 Millionen Menschen hungern nach FAO-Angaben auch in den Industrieländern.

Warum gehört Indien zu den Krisenländern?

Zum vierten Mal haben die Welthungerhilfe und das International Food Policy Research Institute (Ifpri) einen Welthungerindex vorgelegt, der jedoch die Industrieländer nicht berücksichtigt. Ousmane Badiane, der die Afrikaabteilung des Ifpri in Washington leitet, berichtete in Berlin, dass die Hungersituation in 29 Ländern als sehr ernst oder sogar gravierend einzuschätzen ist. Auch Indien zählt mit einem Indexwert von 23,9 zu den Ländern mit einem sehr ernsten Hungerproblem. Das Hauptproblem sei, dass sehr viele Kinder unter fünf Jahren untergewichtig sind. Indien hat auch eine der höchsten Sterberaten von Kindern unter fünf Jahren weltweit. Badiane sagt, der wichtigste Grund dafür sei „der schlechte Ernährungs-, Bildungs- und Sozialstatus der Frauen“. Unterernährte Frauen, die in der Schwangerschaft weiter hungern, bringen bereits untergewichtige Kinder zur Welt, deren Chancen auf eine gesunde Entwicklung gering und deren Sterberisiko im Kindesalter hoch ist. Dass Platz 20 von unten auf dem Welthungerindex einer aufstrebenden Weltmacht wie Indien nicht gerade zur Ehre gereicht, ist als Nachricht inzwischen auch in der Regierung angekommen. In Indien leben 28 Prozent der Menschen unter der von der Weltbank definierten Armutsschwelle von unter 1,25 Dollar pro Tag. Doch nun habe die Regierung erstmals ein Armutsbekämpfungsprogramm auf den Weg gebracht, berichtet Manasi Chakraborty von einer indischen Selbsthilfeorganisation, die seit 30 Jahren von der Welthungerhilfe unterstützt wird. Im unterentwickelten Osten des Landes, in dem sie arbeitet, gibt es nun Frauensparvereine, die Hilfe von der Regierung bekommen. In diesen Vereinen sind arme Frauen organisiert, die kleine Sparguthaben einbringen, mit denen dann wiederum Existenzgründungen finanziell unterstützt werden, sogenannte Mikrokredite.

Welche Probleme gibt es in Afrika?

In den afrikanischen Staaten mit den schwerwiegendsten Hungerproblemen sind nach Badianes Angaben bewaffnete Konflikte und damit einhergehende Vertreibungen das Hauptproblem. Zudem würden Hungerländer schlecht regiert. Doch auch in Afrika gilt: Je schlechter der Bildungsstand der Frauen ist, und je weniger Rechte sie haben, desto größer ist die Zahl der Hungernden. Im Tschad können nur 13 Prozent der Frauen lesen und schreiben. In Botsuana dagegen, dessen Indexwert sich seit 1990 deutlich verbessert hat, ist das Recht auf Bildung auch für Frauen bereits verwirklicht. In Ländern mit einem schlechten Bildungsstand der Frauen liegt nahezu immer auch die Geburtenrate und damit das Bevölkerungswachstum deutlich höher als in Ländern, deren Frauen gut ausgebildet sind.

In Äthiopien, Platz sechs von unten, dagegen darf über die Listung im Welthungerindex nicht berichtet werden. Die äthiopische Regierung verfolgt seit Monaten Journalisten, die über Hunger im Land berichten. Wenn das Welternährungsprogramm (WFP) um Spenden bittet, lässt die Regierung des Premierministers Meles Zenawi im Land verbreiten, es gebe keine Hungerkrise. Selbst die dramatische Dürre, die in ganz Ostafrika seit fast drei Jahren die Erträge hat zurückgehen lassen und hunderttausende Rinder, Schafe und Ziegen das Leben gekostet hat, kommt in der Weltsicht der äthiopischen Regierung nicht vor. Allerdings versorgt das WFP nach wie vor rund zwei Millionen Menschen mit Nahrungsmittelhilfen.

Wird der Hunger zurückgehen?

Das im Jahr 2000 von der UN-Vollversammlung verabschiedete Ziel, die Zahl der Hungernden bis 2015 im Vergleich zu 1990 zu halbieren, wird wohl glatt verfehlt werden. Die Aussichten, dass sich das in naher Zukunft ändert, sind gering. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Weltwirtschaftskrise vermindert die Einkommen in Entwicklungsländern weiter, gleichzeitig wächst aber die Weltbevölkerung und damit die Nachfrage nach Lebensmitteln. Außerdem nimmt die Flächenkonkurrenz zwischen Anbauflächen für Lebensmittel und für Biokraftstoffe aber auch Wälder oder Moore zur Verminderung der Treibhausgasemissionen zu. Und sobald die Weltwirtschaft wieder wächst, steigt auch der Nahrungsmittelbedarf der globalen Mittelschichten wieder an, vor allem die Nachfrage nach Fleisch. Damit sinkt das Angebot an Nahrungsmitteln weiter, weil wieder mehr Getreide als Futtermittel angebaut wird.

Was heißt das für Deutschland?

Für die neue Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, ist all das Grund genug, der künftigen Regierungskoalition den dringenden Rat zu geben, das Entwicklungsministerium als solches zu erhalten. „Entwicklungspolitik darf nicht die Fortsetzung staatlicher Interessenpolitik mit anderen Mitteln sein“, sagt sie. Nicht nur Banken, meint sie, auch „Entwicklungshilfe ist systemrelevant“. Deshalb solle sich Deutschland an seine international gegebenen Versprechen, den Anteil der Entwicklungsinvestitionen bis 2015 auf 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen, halten, obwohl die Wirtschaftskrise auch den deutschen Etat durchlöchere. Dieckmann hält Investitionen, die es Kleinbauern ermöglichen, mehr und bessere Qualität zu produzieren sowie diese Waren besser zu vermarkten, für entscheidend, um dem Hunger zu begegnen, und die Armut in Entwicklungsländern zu bekämpfen.

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