Zeitung Heute : Weltkongress zeigt Wirkung

Mathematikertreffen in Berlin setzt Maßstäbe

Ehrhard Behrends

Alle vier Jahre treffen sich die Mathematiker zu einem Weltkongress, dem „International Congress of Mathematicians (ICM)“. Natürlich wird auch über die neuesten Forschungsergebnisse berichtet, mit ganz besonderer Spannung wird aber die Antwort auf die Frage erwartet, wer denn die Fieldsmedaillen erhält, mit denen die jeweils besten Nachwuchsmathematiker ausgezeichnet werden.

Die Preissumme ist – verglichen mit anderen Preisen – eher bescheiden. Das Ansehen ist aber so hoch, dass die Preisträger sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen brauchen, denn von nun an werden sie mit den weltweit attraktivsten Stellenangeboten überhäuft. Nicht umsonst spricht man von den „Nobelpreisen der Mathematik“.

Für das Jahr 1998 traf die Wahl auf Berlin als Tagungsort. Vier Jahre lang bereitete ein Team von Mathematikern den ICM vor. Dann – im August 1998 – wurde die Stadt an der Spree Gastgeber für 3500 Fachvertreter und damit für zehn Tage zum Zentrum der mathematischen Welt. Und es gab einige Premieren. So war es der erste Weltkongress, der praktisch papierlos durchgeführt wurde, denn erstmals korrespondierten die Teilnehmer fast ausschließlich per E-Mail.

Außerdem traten die Wissenschaftler mit ihrem Fach bei dieser Gelegenheit aus dem Elfenbeinturm heraus, denn es gab zum ersten Mal zahlreiche Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. Dafür war die Berliner Urania angemietet worden, in der populäre Vorträge, Ausstellungen und die Ergebnisse eines Wettbewerbs zu „Mathematik und Kunst“ präsentiert wurden.

Die Preisvergabe endete mit zwei echten Überraschungen. Erstens war bis zuletzt offen, ob Andrew Wiles eine Medaille bekommen würde. Immerhin hatte er das wohl spektakulärste Ergebnis der letzten Jahrzehnte erzielt, indem er das seit 300 Jahren offene Fermatproblem einer Lösung zugeführt hat. Er bekam keine Fieldsmedaille, denn nach den Vergaberichtlinien sollen die Preisträger höchstens 40 Jahre alt sein, und diese Bedingung wurde von Wiles um wenige Jahre verfehlt. Das Komitee verlieh ihm aber eine Ehrenmedaille, die extra für ihn entworfen worden war.

Für die Öffentlichkeit fast noch interessanter war die Preisvergabe an Peter Shor, der mit dem Nevanlinnapreis für besondere Leistungen auf dem Gebiet der theoretischen Informatik ausgezeichnet wurde. Die Wissenschaft verdankt ihm den Nachweis, dass Quantencomputer theoretisch sehr erfolgreich eingesetzt werden könnten, um Geheimcodes zu knacken. Datenschützer können zwar auch heute noch ruhig schlafen, da die technischen Probleme bei der Konstruktion solcher Computer längst nicht überwunden sind. Shors Forschungen haben dem Thema aber für längere Zeit einen prominenten Platz in den Medien gesichert und viele Fachkollegen zur Mitarbeit motiviert.

Das ist jetzt zehn Jahre her, doch der Berliner Kongress wirkt weiter. Erstens wurden einige für Berlin eingeführte Neuerungen bei den nachfolgenden Weltkongressen übernommen, wie zum Beispiel die Vorträge für die Öffentlichkeit. Und zweitens hatte sich aufgrund der hohen Teilnehmerzahlen und der perfekten haushaltstechnischen Abwicklung ein kleines Plus ergeben, womit ein weiterer Preis für den „International Congress of Mathematicians“ finanziert werden konnte: der Gaußpreis für Anwendungen der Mathematik.

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