Weltkriegsbeginn : Monumentaler Konflikt

In Danzig trafen sich Staats- und Regierungschefs auf der Westerplatte, dem historischen Ort. Und redeten auch über Russland und Polen. Was macht deren Verhältnis so schwierig?

Knut Krohn[Danzig]
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Der Wind weht empfindlich kühl vom Meer an diesem ersten Morgen im September. Einige der Gäste haben die Kragen ihrer Mäntel hochgeschlagen. Vor ihnen tauchen Scheinwerfer das Ehrenmal auf der Westerplatte, ein 25 Meter mächtiges, stumpfes Bajonett aus Granit, in gleißendes Licht, daneben sind Soldaten aufmarschiert. Es ist kurz vor fünf Uhr, in einer Stunde wird die Sonne aufgehen, da zerreißen die Hafensirenen minutenlang die Stille über der Bucht vor Danzig. Vor 70 Jahren begann an dieser Stelle der Zweite Weltkrieg.

Um 4.45 Uhr schlugen die ersten Geschosse des deutschen Kriegsschiffes „Schleswig-Holstein“ in dem zur Festung ausgebauten polnischen Munitionsdepot auf der Westerplatte ein. Sieben Tage hielten damals die Verteidiger den Angriffen stand. In Polen werden diese Männer bis heute als Helden verehrt. An sie und die 60 Millionen Opfern des Krieges erinnerten die Gegner von einst in einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung.

Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Präsident Lech Kaczynski wussten, dass in diesem Augenblick die Augen der gesamten Welt auf sie gerichtet sein würden. Diese Gunst der Stunde wollte keiner der beiden ungenutzt verstreichen lassen. In den Augen vieler Polen wird das Leid, das der Zweite Weltkrieg über das eigene Volk gebracht hat, international zu wenig gewürdigt.

Seltsam mutete es da an, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel von den Polen auf der Westerplatte mit großer Höflichkeit und Freundlichkeit empfangen wurde. Ausgerechnet die Repräsentantin der Nation, die vor 70 Jahren so viel Elend über die Welt gebracht hatte, genießt in Polen viel Vertrauen.

Es ist eher der russische Ministerpräsident Wladimir Putin, der mit allergrößtem Argwohn beobachtet wird. Er wird für den erbitterten Streit verantwortlich gemacht, der in den Wochen vor der Veranstaltung auf der Westerplatte geführt wurde. Auf der einen Seite stehen die Polen, die die Schuld am Zweiten Weltkrieg nicht nur auf Seiten der Deutschen sehen, sondern auch die Sowjetunion als Aggressor brandmarken. Sie beziehen sich auf den Hitler-Stalin-Pakt, der in Russland Molotow-Ribbentrop-Pakt genannt wird. Am 23. August 1939 unterzeichneten Nazideutschland und die Sowjetunion diesen Pakt. Am 17. September 1939 marschierte auch die Rote Armee in Polen ein.

Auf der anderen Seite wehren sich Historiker aus Russland, die jegliche Kriegsschuld weit von sich weisen. Noch vor wenigen Tagen hatte der russische Auslandsgeheimdienst auf seiner Internetseite den polnischen Vorkriegs-Außenminister Josef Beck als heimlichen Nazispitzel bezeichnet. Zuvor hatte in Warschau die Aussage einer russischen Historikerin für Aufsehen gesorgt, die behauptete, dass sich Josef Stalin mit der Besetzung Polens in den ersten Wochen des Krieges nur die polnischen Gebiete wiedergeholt habe, die sowieso zur Sowjetunion gehört hätten.

Um diesen Konflikt zu entschärfen präsentierte sich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk versöhnlich. Zwar sprach auch er vom „Überfall“ Hitler-Deutschlands und der Sowjetunion auf Polen, doch machte er deutlich, dass sein Land das Gedenken an das Geschehen nicht gegen andere richten wolle. Tusk sagte, Polen und Russland würden die „schmerzhaften Elemente unserer gemeinsamen Geschichte“ untersuchen.

Anders als der Regierungschef war Kaczynski nicht zur Verständigung mit dem ihm verhassten Gast aus Moskau bereit. Der Präsident verglich ein Massaker sowjetischer Soldaten an polnischen Offizieren mit dem Holocaust. Es gebe einen Vergleich zwischen diesen Verbrechen, obwohl ihr Ausmaß sehr verschieden gewesen sei, erklärte er. „Juden starben, weil sie Juden waren. Polnische Offiziere starben, weil sie polnische Offiziere waren.“ Kaczynski bezog sich dabei auf das Verbrechen im Wald von Katyn, wo der sowjetische Geheimdienst rund 15 000 polnische Offiziere ermordet hat.

Putin, der sich gestern ungewöhnlich konziliant in Sachen Geschichtsschreibung gab, wusste diese verbalen Angriffe des polnischen Staatsoberhauptes zu kontern. Nach einem Gespräch mit Tusk erklärte er, dass im Fall von Katyn beide Seiten ihre Archive öffnen und geheime Dokumente offenlegen müssten, um die „objektive Wahrheit“ zu ergründen. Wann dies geschehen solle, das konnte er nicht sagen.

Auch ließ er keine Zweifel aufkommen, dass die Sowjetunion vor 70 Jahren auf keinen Fall auf der Seite der Aggressoren gestanden habe. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges hätten alle Seiten eine „Menge Fehler begangen“, erklärte er und setzte angesichts der massiven Vorwürfe aus Polen immer wieder kleine Nadelstiche. So erinnerte er die Gastgeber daran, dass auch ihre Geschichte nicht immer nur unschuldig gewesen sei. Als Beispiel nannte er auch den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934. Nach Ansicht russischer Historiker sei dieser vor allem gegen die Sowjetunion gerichtet gewesen.

Immer wieder machte Putin in Polen deutlich, dass es keine einfachen Interpretationen gibt. Es gebe noch viel aufzuarbeiten zwischen beiden Nationen. Aber nie dürfe vergessen werden, dass Polen und die Sowjetunion Waffenbrüder im Kampf gegen Hitler-Deutschland gewesen sind.

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