Weltkulturerbe : Kaum überbrückbar

Die Unesco hat Dresden den wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke gefährdeten Welterbetitel noch nicht aberkannt. Die Stadt bleibt aber auf der „Roten Liste“. Was folgt aus dieser Entscheidung?

Christina Tilmann

Eine „Pause zum Denken“ hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Entscheidung der Unesco genannt, Dresden den Weltkulturerbetitel nicht abzuerkennen, sondern das Elbtal ein weiteres Jahr auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Welterbestätten zu lassen. Von Pause kann in Dresden allerdings keine Rede sein. Die Bagger auf den Elbwiesen arbeiten munter weiter, schon sind die Zufahrten zur Brücke am Ufer erkennbar. Kein Baustopp ist in Sicht, im Gegenteil: Der Bau der umstrittenen Brücke wird mit aller Kraft vorangetrieben.

Was also bedeutet in dieser Situation die Haltung der Unesco? Das Welterbekomitee, das zurzeit im kanadischen Quebec tagt, hatte Dresden in der Nacht zu Freitag ultimativ aufgefordert, auf die Brücke zu verzichten und stattdessen einen Elbtunnel zu bauen. Anderenfalls werde der Titel 2009 entzogen.

Letzte Chance also? Oder Eingeständnis der eigenen Schwäche? Bisher war in Dresden keine Bereitschaft zu erkennen gewesen, auf den bereits begonnenen Brückenbau zu verzichten und eine Tunnellösung, für die Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee sogar zusätzliche Finanzmittel in Aussicht gestellt hatte, zu prüfen. Im Gegenteil: Auch nach dem Rücktritt des CDU-Ministerpräsidenten und erklärten Brückenbefürworters Georg Milbradt setzen seine Nachfolger die Linie fort. Die Prozesse, die Naturschutzverbände vor dem Verwaltungsgericht Dresden angestrengt haben, sind zurzeit vertagt, ein erneutes Bürgerbegehren wurde nicht zugelassen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bislang nicht in das Vorgehen ihrer sächsischen Parteigenossen einmischen wollen. Es gehe um eine regionale Entscheidung, die in Dresden getroffen werden müsse, so ihr Standpunkt. Sie stehe allenfalls als „Moderatorin“ zur Verfügung. Doch die wird gar nicht gebraucht: Die künftige Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) kündigte am Freitag an, an dem 160 Millionen Euro teuren Großprojekt festhalten zu wollen: „Es gibt keine Alternative, niemand wird glauben, dass wir eine halbfertige Brücke zurückbauen.“

Die „Gnadenfrist“, die die Unesco den Dresdner Brückenbefürwortern mit Rücksicht auf noch laufende Verfahren gewährt, stärkt nicht die Position der Brückengegner, sondern sie schwächt sie eher. Gerade weil es keine rechtliche Handhabe gibt, Forderungen der Welterbekommission durchzusetzen, wäre das Fanal eines Welterbeverlusts für das Kulturland Deutschland heilsam gewesen. Bisher ist erst einmal ein Welterbetitel aberkannt worden, der Wüstenstaat Oman verlor 2007 den Titel wegen der Verkleinerung eines Naturschutzgebiets. Noch sind die Elbauen keine Wüste. Und Dresden ist keine regionale Frage.

Die Entscheidung, das Elbtal als Weltkulturerbe anzuerkennen, war 2004 von dem Wunsch getragen gewesen, nicht mehr nur Bauwerke, sondern auch Naturdenkmäler in die Liste der schützenswerten Kulturgüter aufzunehmen. So umfasst der Dresdner Titel nicht nur die Barockstadt mit Zwinger, Schloss und Frauenkirche, sondern auch die sanften Elbauen, die Elbschlösser, die Hänge bei Loschwitz und die Weinberge von Pillnitz. All das ist von der geplanten vierspurigen Autobrücke berührt – auch wenn man die Brücke von der Innenstadt aus nicht sieht. Das innerstädtische Elbegebiet wurde geschützt, weil es – im Gegensatz zur teilrekonstruierten Altstadt – original erhalten ist. Wie verletzlich Naturdenkmäler sind, zeigt jeder Baum, der dem Bagger zum Opfer fällt.

Auch deshalb wünschte man sich, dass die Unesco mutiger entschieden hätte. Zumal der Dresdner Brückenstreit gesamtdeutsche Bedeutung hat – was unlängst in Rheinland-Pfalz zu spüren war. Auch das mittlere Rheintal mit seinem Burgen und Weinbergen ist seit 2002 Weltkulturerbe, auch hier stand ein Brückenbau an, gegen den die Unesco Bedenken angemeldet hatte. In Rheinland-Pfalz ist man entschlossen, das Bauprojekt nur in Abstimmung mit der Unesco durchzuziehen. Sollte diese nicht zustimmen, würde eine (teurere) Tunnellösung geprüft.

In Berlin hingegen dürfte man die Milde der Unesco begrüßen: Auch hier hat man sich um Aufnahme in die Welterbeliste beworben. Voraussichtlich am Sonntag soll in Quebec darüber entschieden werden, ob sechs Berliner Siedlungen der 20er Jahre das Unesco-Gütesiegel erhalten als beispielhafte Projekte des sozialen Wohnungsbaus der frühen Moderne. Das Dresdner Dilemma, so war vorab zu hören, gefährde auch die Chancen der Berliner Bewerbung. Nun, da sich das Unesco-Komitee im Falle Dresden so unerwartet geduldig gezeigt hat, steigen die Berliner Chancen wieder. Vielleicht kann man sich ab Sonntag über einen weiteren Welterbetitel freuen. Allerdings sollte man auch die Verpflichtungen bedenken.

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