Zeitung Heute : Weltmeister im Lernen

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Von Hartmut Holzapfel

Nein: an eine Vorzeigeschule haben uns unsere finnischen Gastgeber nicht geführt, als wir dort ein Geheimnis lüften wollten – das Geheimnis, weshalb Finnland Platz 1 beim internationalen Schultest Pisa erreicht hat. „Unsere Schule“ hatte gerade ihr 75jähriges Jubiläum gefeiert. Das Schulgebäude ist schon in die Jahre gekommen. Man sah ihm an, dass in Helsinki die Bauunterhaltung derzeit dem Bedarf nicht nachkommt. Die Klassenräume sind relativ klein: jedenfalls zu klein für die 30 Schülerinnen und Schüler, die dort Platz finden sollen. Aber vielleicht war die Gesamtschule Kaisaniemi gerade deshalb geeignet, das zu vermitteln, was hinter dem Geheimnis des finnischen Erfolgs steht: nichts, was sich spektakulär nach außen wahrnehmen lässt. Aber ein anderer Geist im Umgang mit Kindern.

Jurak Sarjala, Präsident des Zentralamtes für Unterrichtswesen, brachte es einfach auf den Begriff: Seit 25 Jahren habe Finnland die gemeinsame Schule für alle Kinder bis zur neunten Klasse. Auf einer solchen Schule müssen die Lehrkräfte Lösungen für alle ihre Schüler finden. Niemand kann als ungeeignet abgeschoben werden. In Deutschland beginnt dagegen die Klage über die „falschen" Kinder am Gymnasium – und hat über die Realschule längst die Hauptschule erreicht. Ein Großteil der Energien wird darauf verwandt, die „richtige" Schule und die „richtige“ Klasse zu finden: Deutschlands Schulen sind bekanntlich Weltmeister beim Sitzenbleiben.

Die Lehrer in Helsinki finden die Idee, man fördere Kinder durchs Sitzenbleiben, irgendwie absurd. Sie kennen dieses Mittel ebenso wenig wie Noten bis zum Ende der vierten Klasse. In der fünften und sechsten Jahrgangsstufe kann sich die Schule für Noten entscheiden. Bis zu dieser Altersstufe unterrichtet ein Klassenlehrer seine Klasse in fast allen Fächern. Unterschiedliche Fachlehrer gestalten den Unterricht erst ab der siebten Klasse.

In Finnland hat Fördern statt Auslesen oberste Priorität, sagt Jukka Sarjala. Augenzwinkernd fügt er hinzu: „ Schließlich ist Finnland ein kleines Land. Da können wir es uns nicht leisten, jemanden zurückzulassen.“ Für die Lehrer sind daher Schülerdiagnosen wichtig – nicht Tests, um eine Rangfolge zu erstellen.

Die finnische Leiterin des Pisa-Projekts, Professor Pirjo Linnakylä, war Gymnasiallehrerin, als das Schulsystem umgestellt wurde. Sie berichtet von massivem Widerstand. Auch sie habe Befürchtungen gehabt: Wie sollte sie mit ihren Methoden die Kinder erreichen, die nun hinzukamen? Die entscheidende Einsicht für sie war: Man soll Kinder nicht sortieren, damit sie zu den Methoden einer Schulform passen. Die Methoden der Schule müssen vielmehr so vielfältig sein, dass sie alle Kinder erreichen. Heute kann Pirjo Linnakyla mit den Pisa-Ergebnissen zeigen, dass das gelungen ist: „Quality" (Qualität) und „equality" (Gleichheit) müssen keine feindlichen Schwestern sein. Die finnischen Pisa-Ergebnisse sind im Leistungsdurchschnitt gut, und es gibt viel weniger Leistungsschwache als in Deutschland, aber mehr Leistungsstarke. Die Finnen schaffen es, dass der Schulerfolg dort viel weniger vom Elternhaus abhängt als in Deutschland.

Der Klassenraum, den wir betreten, sieht genauso aus wie oft in Deutschland: Die Stühle sind nach vorn zum Lehrerplatz ausgerichtet. Nur die Dekorationen an den Wänden weisen darauf hin, dass hier wohl nicht nur Frontalunterricht stattfindet. Wie selbstverständlich die Lehrer ihre Unterrichtsmethode wechseln, können wir später sehen: Vier Kinder bilden schnell eine Gruppe, indem sich einfach zwei umdrehen. Es sind die einfachen Dinge, die überzeugen – beispielsweise die Liebe der Finnen zu großen Pausen zwischen allen Schulstunden, die Zeit geben fürs Miteinander-Reden. Es ist der Pragmatismus, der überzeugt: Keineswegs arbeiten alle finnischen Schulen den ganzen Tag. Viele haben nur ergänzende Angebote am Nachmittag. Aber einen gemeinsamen (und kostenlosen) Mittagstisch bekommen alle.

Die Schulen sind Sache der Kommunen. Eine Schulaufsicht gibt es nicht. Das „Zentralamt" ist keine oberste Steuerungsbehörde, sondern eher ein pädagogisches Zentrum: zuständig beispielsweise für Lehrpläne oder die Entwicklung der Evaluation. Da keine Gemeinde eine schlechte Schule haben möchte, funktioniert das besser als ein System zentraler Kontrolle. Die pä dagogischen Freiräume der Schulen können daher auch sehr groß sein.

55 Prozent der Schüler wechseln nach der Gesamtschule auf die gymnasiale Oberstufe, die mit einer Zentralprüfung abschließt (der einzigen im finnischen System). Die Selbstverständlichkeit, mit der dies als Erfolg dargestellt wird, macht dem Besucher aus Deutschland bewusst, welche absurden Zustände im eigenen Land herrschen: Wo bereits Quoten von 30 Prozent zur Vision von der „ Abiturientenschwemme" führen. In Finnland entscheidet der Schüler durch seine Kurswahl, ob er die Prüfung nach zwei, zweieinhalb, drei, dreieinhalb oder vier Jahren ablegt. Wie vernünftig ist diese Regelung, und so weit weg von den deutschen Konfessionskriegen um zwölf oder dreizehn Jahren Schulzeit bis zum Abitur.

Sprachen sind den Finnen wichtig: Jeder Schüler lernt zwei Fremdsprachen, neben der zweiten Landessprache – das ist je nach eigener Muttersprache Schwedisch oder Finnisch – die lingua franca Englisch. Für ein kleines Land mit einer recht exotischen Sprache liegt dies nahe. Es erklärt auch, dass die Finnen bei Pisa im Leseverständnis Spitze, in Mathematik und Naturwissenschaften aber „nur" sehr gut sind.

Sie waren immer eine Nation, die der Bücherwelt große Wertschätzung entgegen bringt. Weltmeister sind sie auch im Bibliotheksangebot: Durchschnittlich 20 Bücher je Einwohner werden jährlich ausgeliehen. Durchschnittlich 12,5 Mal im Jahr besucht jeder Finne seine Bücherei, die inzwischen meist zum Medienzentrum mit Internet-Zugang ausgebaut wurde. Das ist sicher eine Tradition, auf die man neidisch werden kann: aber keine, auf der man sich ausruht. Die Bibliotheken haben Pädagogen eingestellt und nehmen einen festen Platz im Alltag der Schulen ein.

Auch die Selbstverständlichkeit, mit der die Schulen Unterstützung durch zusätzliches Personal erhalten, hängt wohl mit der kommunalen Zuständigkeit zusammen, die unsinniges Hin- und Herschieben von Verantwortung vermeiden hilft. An der Gesamtschule Kaisaniemi arbeiten zwei Sonderpädagogen, die den Schülern helfen, denen bei uns der Weg in die Schule für Lernhilfe gewiesen würde. Außerdem ist ein „Kurator" - Sozialarbeiter würden wir ihn wohl nennen – zuständig für den Kontakt zu den Eltern. An einigen Tagen der Woche ist der Gesundheitsdienst und der Schulpsychologe an der Schule präsent. Keine üppige Ausstattung, aber doch mehr ergänzende Kompetenz, als wir sie an unseren Schulen kennen.

Ob es denn nicht auch Probleme gebe mit einer Schule, die ein so breites Leistungsspektrum in einer Klasse belasse, und dies bis zur Klasse 9, fragen wir. Aber ja, heißt die Antwort, natürlich, und entwaffnend fügt die Lehrerin hinzu: Aber dazu sind wir ja da. Dass sich der Abschied vom „ alten System" gelohnt hat, hat Pisa bestätigt. Zugleich beginnt in einer Tageszeitung der Hauptstadt die Serie: „Was ist faul an unseren Schulen?" Selbstzufrieden sind die Finnen nicht, aber doch ein wenig stolz darauf, dass man jetzt zum Lernen zu ihnen kommt. Sie seien doch nur Lehrlinge gewesen, hören wir einmal. Da fällt einem das deutsche Sprichwort ein: Es ist ja das Ziel, dass der Lehrling noch besser wird als der Meister. Vielleicht sollten wir jetzt einmal selbst Lehrlinge werden.

Der Autor ist Landtagsabgeordneter in Hessen und war dort bis 1999 Kultusminister.

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